Osterbrand – wie Traditionen entstehen (können)

Für die einen ist Tradition das, „was es schon immer gab, nicht verändert werden darf und immer so bleiben muss“, für die anderen etwas, was es zu pflegen und fortzuentwickeln gilt – ganz im Sinne von „Tradition ist nicht das Weitergeben der Asche, sondern das Mitnehmen der Glut“. Diesen bildlichen Vergleich hat die Burger Töpferei Möbert aufgegriffen und das traditionelle Osterfeuer um eine Komponente bereichert. „Wir hoffen, dass unsere Idee aufgegriffen wird und sich im Spreewald etabliert“, sagt Jens Möbert.

Er beschreibt diese Idee mit Traditionspotenzial wie folgt: „Jeder kann in einen keramischen Gegenstand seine Wünsche einritzen und in der untersten Schicht des Brenngutes deponieren. Beim Abrennen des Osterfeuers entstehen Temperaturen von über 1000 Grad Celsius – das reicht, um die Wünsche ‚dauerhaft‘ zu machen!“ Jens Möbert beschreibt somit in wenigen Worten, was Tradition werden könnte. Beim Osterfeuer 2022 wurden die ersten Versuche gestartet, und das sehr erfolgreich. Traditionsfördernd könnte sich auch der Umstand erweisen, dass das Entnehmen des Brenngutes erst nach ein oder zwei Tagen möglich ist, wenn sich die Asche soweit abgekühlt hat, dass eine Entnahme möglich wird: Man trifft sich noch einmal am Osterfeuer (den Resten) und sucht sein Werk und hilft dabei, dass der anderen ebenfalls mit ans Tageslicht zu befördern.

Brandkapseln: Sie enthalten das Brandgut, eingebettet in Sägespäne und sind dicht verschlossen (rechts).

Ostern ist im slawisch-wendischen Raum ein Fest mit hoher Symbolkraft, das wichtigste überhaupt im Jahresablauf. Es geht um einen Neubeginn, um die Wiedergeburt des Lebens und um die damit verbundenen Wünsche und Hoffnungen. Jedes neue Erntejahr ist auch voller Risiken und wird deshalb auch mit Hoffnungen und Wünschen begleitet, die es zu einem guten Jahr machen mögen. Die uralte Tradition des Osterwassers steht in dieser Traditionslinie: Mit um Mitternacht geschöpftem Osterwasser wurden früher Felder, Vieh und Menschen benetzt, mit vielen Wünschen um Gesundheit und Wohlergehen begleitet. Dieser Brauch scheint sich verloren zu haben, er wird heute nicht mehr gepflegt – Zeit, ihn durch den Osterbrand zu ersetzen?

Bürgermeister Hans-Jürgen Dreger kann sich die Etablierung als neuer Osterbrauch gut vorstellen: „In Zeiten, wo der effizienten Energieanwendung großes Augenmerk gilt, ist der quasi Umsonst-Brand eine wichtiges Argument. Doch viel wichtiger ist der ideelle Wert: Im Osterfeuer gebrannte Keramik besitzt für den Einzelnen eine große, vielleicht sogar spirituelle Bedeutung“, sagt der vom Brennergebnis sichtlich erfreute Bürgermeister.

Ilona Möbert, die Töpferin: „Eigentlich kann das jeder und in jedem Dorf für sich selbst machen: Ton ausrollen, in Täfelchen schneiden, mit Symbolik oder Text verzieren und in ein mit Sägespäne gefülltes Tongefäß geben, dicht verschließen und mitten ins Osterfeuer platzieren. Wer es anspruchsvoller oder professioneller mag, gibt ein Gefäß oder eine keramische Arbeit bei einer Töpferei seiner Wahl in Auftrag. Im Osterfeuer gebrannt, stellt es dann eine Erinnerung fürs Leben dar“. Wichtig ist ihr der Hinweis, dass die Brennkapsel dicht verschlossen sein muss, damit kein Sauerstoff den Brennprozess beeinflusst.

Die Initiatoren sind gewillt, den Osterbrand ins Leben zu rufen, ihn als neue Ostertradition zu etablieren. Vielleicht tragen schon im nächsten Jahr die ersten Gefäße den Stempel: „Made by Osterbrand 2023“?

Peter Becker, 18.04.22

Über Peter Becker 281 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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