Slawenburg Raddusch – wie weiter?

oder: Wohin soll die Reise gehen?

Als sich vor über 1000 Jahren die Slawen eine Fluchtburg zum Schutz vor Eindringlingen bauten, geschah dies mit viel Menschen- und Ochsenkraft: Eichenstämme mussten herangeholt werden, mit Erdaushub und Lehm schufen sie sich einen Ringwall. Doch schon nach wenigen Jahrhunderten verfiel dieser wieder, um in der Folge fast ganz in der Landschaft zu verschwinden. Im Rahmen der Tagebauvorfelderkundungen konnten Burgreste gesichert und am originalen Standort die Burg wieder neu errichtet werden, diesmal als Hohlwall, mit einer Ausstellung zu weiteren archäologischen Funden in der Lausitz.

Nach 20 Jahren „Burgneuzeit“ ist es Zeit, Bilanz zu ziehen, die Zukunftsträchtigkeit abzuklopfen und bei Bedarf neue Potenziale zu erschließen – praktisch eine „Slawenburg 2.0“ zu erschaffen. Zwei Themenfelder drängen sich derzeit dort in den Vordergrund:

Als die Burg 2003 eröffnet wurde, war sie von Anfang an ein Besuchermagnet – und ist es immer noch, jährliche Besucherzahlen um die 50 000 haben sich inzwischen eingependelt. Dennoch ist die Wirtschaftlichkeit nicht unbedingt gegeben, denn neben den Personal- und Betriebskosten fallen immer häufiger Reparaturkosten an. In den letzten Jahren hat die Stadt Vetschau als Eigentümer diese abfedern müssen – kein unbeträchtlicher Haushaltsposten für die kleine Spreewaldstadt. Die Suche nach einem Investor gestaltet sich schwierig, schließlich soll dieser neben einer legitimen Gewinnabsicht auch das Grundanliegen der Burg, die Archäologie der Niederlausitz und das Slawentum gleichermaßen befördern.

Jens Lipsdorf ist Kurator und wissenschaftlicher Leiter der Burg, er ist Mitglied in der Arbeitsgruppe „Identität und Wandel der Lausitz“. Er ist eng vernetzt mit Archäologen und Slawistikern – und ist so auf den Tschechen David Chmelík gestoßen. Dieser hat vor 10 Jahren in Brüssel eine slawische Stiftung (Slavonic Europe Foundation) ins Leben gerufen*. Bei den Tschechen kommt es sehr gut an, wenn sich Deutsche für Slawen und slawische Geschichte einsetzen, wie Lipsdorf bei einem kürzlichen Arbeitstreffen in Prag erleben konnte. Das Slawische ist den Osteuropäern ohnehin eigen, aber die ehemaligen slawischen Siedlungen gingen einst auch weit ins heutige Deutschland hinein, etwa bis zur Elbe.

In der Slawenburg Raddusch soll dies deutlicher dokumentiert werden, die Burg soll ihrem Namen nun noch mehr Ehre machen, ihm gerecht werden. Oder etwas salopp ausgedrückt: Wo Slawe draufsteht, sollte auch Slawe drin sein! Dies wäre dann der zweite Schwerpunkt, neben der möglichen Eigentumsübertragung der Immobilie Slawenburg. Die Ausstellungsobjekte bleiben Leihgaben des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und des Archäologischen Museums, doch die müssen wegen ihrer Einmaligkeit besonders gut und sicher aufbewahrt werden – und damit kommt der Baukörper ins Spiel. Jens Lipsdorf ist bereits mit Handwerkern und dem Oberstufenzentrum (OSZ) im Gespräch, er könnte sich eine Art Dauerbaustelle mit Workshopcharakter vorstellen, denn der Lehm-Holzbau muss ständig überwacht und hier und da immer mal ausgebessert werden.

Zur inhaltlichen Arbeit, die neben der Archäologie einen größeren Stellenwert bekommen soll, gehört das slawische Leben in all seinen Facetten. Lipsdorf: „Slawisches Leben (vor)leben, eingebettet in slawischer Geschichte – das wäre meine und auch die Vorstellung von David Chmelík! Die museumspädagogische Arbeit muss von der Saat bis zur Ernte reichen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne!“

Chmelík stellte seine Ideen und seine Stiftung kürzlich im Vetschauer Parlament vor, wobei er sich noch etwas bedeckt hielt, denn es sind noch nicht alle Fragen und Probleme auf dem Tisch. Dennoch könnte schon im nächsten Jahr bei günstigem Verlauf ein Betreiberwechsel erfolgen. Vetschaus Bürgermeister hat ein großes Interesse daran, die Burg nicht mehr aus der Stadtkasse bezahlen zu müssen, mahnt aber dennoch vor zu hastigem Vorgehen. Der Vorsitzende der Vetschauer Stadtverordnetenversammlung, Gunther Schmidt, ist ebenso wie der Bürgermeister und wohl auch wie alle Stadtverordneten der gleichen Auffassung. Eine berufliche Reise nach Köln nutzend, fuhr er anschließend weiter nach Brüssel. „Ich wollte mir ein eigenes Bild machen und die Person Chmelík in seinem Umfeld kennenlernen. Nun kann ich sagen, dass ich sehr von ihm und seinen Ideen angetan bin, er ist bestens vernetzt, seine Stiftung arbeitet vielversprechend. Ihr war es aktuell zu verdanken, dass zeitgleich eine ukrainische Modenschau in Brüssel stattfinden konnte.“ sagt Schmidt nach seiner Rückkehr. Er konnte bei dieser Gelegenheit die Stadt Vetschau mit der Slawenburg Raddusch dem ukrainischen EU-Botschafter Tschentsow und anderen Persönlichkeiten vorstellen. „Wir als Stadt müssen diese Chance ergreifen – die Alternative wäre eine über kurz oder lang geschlossene Slawenburg!“, ergänzt Gunther Schmidt in einem Gespräch nach seiner Rückkehr.

Dass dieser Super-GAU nicht eintreten darf, dessen sind sich Mitarbeiter und Politiker einig. Zu bedeutend ist die Slawenburg für die Lausitz geworden, für deren Geschichte und zunehmend mehr auch für die slawischen Völker Osteuropas. Chmelíks Stiftung könnte die Burg in ein neues Licht heben, letztlich auch im Sinne steigender Besucherzahlen – was allen Beteiligten nur recht sein kann.

Foto mitte (v.l.): Oliver Deiters (EU-Vertreter von DEKRA) mit Bekannter, DC, Katerina Sinkevičiene mit Kind (Ehefrau von EU-Kommissar Sinkevičius), S.E. EU-Botschafter der Ukraine Vsevolod Tschentsow, Honorarkonsul der Ukraine in Belgien Kris Beckers, EU-Kommissar Virginijus Sinkevičius (zuständig für Umwelt, Ozeane und Fischerei der EU)

Peter Becker, 08.02.24

*Die Bewegung Slavonic Europe (SE) wurde 2016 in Brüssel von ihrem derzeitigen Vorsitzenden David Chmelík, einem tschechisch-deutschen Staatsbürger, gegründet. SE setzt sich als zivilgesellschaftliche Initiative für die Zusammenarbeit aller demokratisch und freiheitlich denkenden Slawen und die Sichtbarkeit ihrer Kultur im weitesten Sinne auf internationaler Ebene ein. (Pressemitteilung Slavonic Europe)

Über Peter Becker 355 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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