Ein Spreewaldmaler ist gegangen

Der Burger Wilhelm Selleng galt als einer der bekanntesten Maler der Spreewaldregion, er ging durch die Schule des Vetschauer Malers Wilhelm Schieber und hinterlässt zahlreiche Werke, die Zeugnis von der Natur und den Traditionen seiner Heimat ablegen. „Der letzte Pinselstrich ist vollzogen …“ heißt es in der Traueranzeige der Familie. Wilhelm Selleng verstarb am 24. Januar 2024, kurz vor seinem 95. Geburtstag stehend.

Der am 31. Januar 1929 in Burg geborene Wilhelm Selleng war etwas zierlicher, nicht so kräftig wie seine Brüder. Bei denen war klar, dass sie, wie ihr Vater, ein Zimmermann, einen Bauberuf ergreifen werden. Ein Bauberuf wurde es letztlich auch bei Wilhelm, aber ein etwas leichterer. „Heute sehe ich das etwas anders: Das stundenlange Stehen auf der Malerleiter hat meinen Knien übel zugesetzt“, blickt er auf seine Berufswahl zurück. In Cottbus besuchte er bis 1946 die Berufsschule und hat sich dort besonders bei der Schriftenmalerei hervorgetan – ein erster Schritt in Richtung Kunstmalerei. Später, im Kraftwerk Lübbenau-Vetschau, half ihm dieses Talent. Er war dort vorrangig für die Anfertigung von Transparenten mit den damals bekannten Losungen, für Plakate und Schilder aller Art zuständig.
Wilhelm Selleng blieb immer in Burg wohnhaft, hier hat er auch seine Frieda kennengelernt. Schon in der Schule haben die beiden Gleichaltrigen einen Blick füreinander übriggehabt. So richtig gefunkt hat es dann ganz klassisch in der Spinnte: Die Frieda hat fleißig ihre Handarbeiten gemacht und der Wilhelm hat mit den anderen Burschen durch das Fenster die Mädels erschreckt. Der Wilhelm wollte aber immer nur die eine necken …. Als sie 1950 heirateten, ging es zu der Zeit in Burg noch sehr traditionell zu. Beide verstehen noch heute gut die wendische Sprache, die in beider Elternhäuser alltäglich war. Frieda nahm damals ein paar Jahre am nächtlichen Ostersingen teil, bis es vom Ortspolizisten kraft seines Amtes mit dem Argument verboten wurde, dass solche nächtlichen „Schreiereien“ nicht mehr in die neue Zeit passen. Für das kulturelle Leben sei jetzt die Freie Deutsche Jugend zuständig! Das war das Ende des Ostersingens in Burg, das von Mitternacht bis zum frühen Morgen des Ostersonntages ging.
Wilhelm Selleng hatte als Maler alle Hände voll zu tun, Arbeit gab es reichlich, Material eher wenig. Besonders deutlich wurde die Materialknappheit beim Hausbau 1957. Fast alles wurde irgendwie und oft dank guter Beziehungen in Cottbus beschafft und mit der Spreewaldbahn nach Burg transportiert. „Erst die schweren Steine in Cottbus einladen, in Burg schnell ausladen und mit dem Fuhrwerk zur Baustelle bringen. Nach Feierabend im Betrieb ging es dann oft noch auf Baustellen und in Wohnungen anderer, um dort noch zu Malern oder zu Tapezieren – irgendwie musste der Bau ja finanziert werden“, erinnert sich Wilhelm Selleng an diese Zeit, in der auch die vier Töchter aufwuchsen.
Im Kraftwerk wurde er auf den künstlerischen Zirkel der malenden Arbeiter aufmerksam. Unter der Leitung von Rudolf Bax und Reinhold Grünning lernten talentierte Arbeiter, Zeichnungen und Bilder anzufertigen. Wilhelm Selleng hatte schon vorher im Burger Dorfclub an Kursen teilgenommen, die der Vetschauer Maler Wilhelm Schieber dort regelmäßig abhielt. Bei gutem Wetter ging es in die Natur des Spreewaldes, dort wurden Skizzen angefertigt, aus denen dann daheim oder in einem Gemeinschaftsraum zumeist Aquarelle entstanden. „Konzentriert euch auf das Wesentliche, betrachtet das Motiv möglichst von allen Seiten und sucht euch die beste aus!“ Wilhelm Selleng hat die Worte seines Meisters nicht nur gehört und heute noch im Ohr, sondern auch beherzigt. Der Betrachter, dem auch die Schieber-Bilder nicht fremd sind, erkennt sofort den Schieberstil, den sein Burger Schüler noch vervollkommnet hat. Seine Aquarelle sind besonders detailliert, sie sind ausdrucksstark und spiegeln eindrucksvoll den eingefangenen Moment wider. Viele seiner Bilder wurden ihm von der Domowina, von Betrieben und Institutionen abgekauft, viele stellte er im Burger Raum aus. Den weitesten Weg legten zwei Spreewaldlandschaften zurück, die in der mongolischen Hauptstadt im Rahmen einer Ausstellung gezeigt wurden. Seine Frieda ist besonders stolz auf das Bild mit der Spreewaldbahn. Nicht nur, weil es besonders gut gemalt ist, sondern sicher auch, weil die Schmalspurbahn ihnen früher, neben den notwendigen Baumaterialien, schöne Erlebnisse beschert hat. Schnell waren sie, die kein Auto besaßen, in Cottbus oder am Schwielochsee. Das Bild hat einen Ehrenplatz im Haus und ist unverkäuflich.
Wilhelm Selleng, der 1992 in den Ruhestand ging, hat neben seiner Lust am Malen eine weitere musische Ader: „Du kannst doch bestimmt auch gut singen“, wurde er 1967 vom damaligen Vorsitzenden des Burger Concordia-Vereins, Erwin Dahley, angesprochen, als er gerade mal wieder mit dem Malen der Bühnendekoration beschäftigt war. Und so kam es, dass er seit dieser Zeit ununterbrochen im Chor singt und inzwischen das an Jahren älteste Mitglied ist. Die zweiwöchentlichen Proben, mal in Straupitz, mal in Burg, sind zur Gewohnheit geworden. „Man kommt unter Leute und hat gemeinsam Freude und Spaß“, nennt Wilhelm Selleng einen wichtigen Aspekt zum Aktivbleiben im hohen Alter. Und wenn es das Wetter irgendwie erlaubt, ist jeden Sonntag die Fahrradtour in den Spreewald dran. Zügig radeln dann die beiden 85-Jährigen durch die Landschaft. „Ich tu‘ es für meine Knie“, lautet Wilhelms Begründung. „Und ich für mein Kreuz“, ergänzt seine Frieda.

Peter Becker, 06.01.2014/02.02.2024

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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