Lehder Kahn-Stammtisch

Mit Feuer und Wasser: Der Lehder Kahnbauer beim Biegen der Kahnseiten.

Der Spreewaldverein e. V. hatte es sich auf die Fahnen geschrieben und letztlich auch erreicht: Das einzigartige Spreewälder Transportmittel, der Kahn, ist in das bundesweite Verzeichnis als Immaterielles Kulturerbe aufgenommen worden. Im Juni 2023 erfolgte dazu in Potsdam die offizielle Aufnahme ins Verzeichnis. Damit wurde die Bedeutung des Kahnes als solchem für die Spreewälder Rechnung getragen – einst das Verkehrsmittel schlechthin, heute mehr ein touristisches Erlebnis.

Doch wie nun weiter, was kommt danach? Eine Verzeichnisaufnahme ist zwar ein richtiger und guter Schritt, doch dies allein könnte bald schon wieder in den Hintergrund treten, außer ein paar Plaketten würde vielleicht nur noch wenig daran erinnern. Melanie Kossatz und Sarah Plotzky vom Spreewaldverein wollen genau das verhindern: Ihnen ist es wichtig, am Thema dranzubleiben und es sogar noch aufzuwerten, auf eine höhere Stufe zu stellen. In einem zweimal jährlich stattfindenden Kahn-Stammtisch wollen sie die Akteure zusammenbringen und mit ihnen darüber beraten. Unter Akteuren verstehen sie nicht nur Kahnbauer und -fahrer, sondern auch Menschen, die mittel- oder unmittelbar etwas mit dem Kahn zu tun haben. Eine Unterscheidung in Alu- oder Holzkahn ist dabei eher hinderlich, denn es geht um den Kahn als solchen, der ein wichtiges identitätsstiftendes Merkmal für die Spreewaldregion ist.

Im neuen Lehder Gemeinschaftshaus kamen sie nun kürzlich zusammen: Revierförster und Kahnbauer, Biosphärenreservatsverantwortliche, Kahnnutzer und Vertreter der Kahnfährvereine.  Nach einer Einführung durch Melanie Kossatz und Sarah Plotzky sprudelten die Ideen. Um nicht den Überblick zu verlieren, ließen die beiden zweckmäßigerweise alles auf Haftnotizen schreiben, sortiert nach Suche und Biete. Inhaltlich ging es dabei oft um die Einbeziehung der Jugend, um Praktika in den noch wenig vorhandenen Kahnbaubetrieben, um Werbung für das Handwerk allgemein, besonders aber um Werbung für den Bootsbau. Thomas Lubkoll, Alu-Kahnbauer aus Lübbenau: „Spreewaldkahnbauer ist kein Lehrberuf, der des Bootsbauers aber schon – der Spreewaldkahn ist letztlich nur eine Spezialisierungsrichtung.“ Thomas Lubkoll verwies auch auf den Umstand, dass es kaum Dokumente darüber gibt, wie ein Spreewaldkahn zu bauen ist: „Wir kennen nur verschieden Größen und arbeiten mit Schablonen – und jeder Menge Erfahrung.“

Die Anwesenden waren sich einig, dass besonders der Bau des traditionellen Holzkahns immer mehr in den Hintergrund treten wird. Es ist ein Handwerk, welches einerseits der Konkurrenz der wartungsärmeren Aluminiumkähne nicht gewachsen ist und andererseits unter Überalterung der noch vorhandenen Kahnbauer leidet – der Holzkahn wird wohl ein Liebhaberstück werden und in den Spreewälder Familien sicher auch noch lange Zeit verbleiben. Hinzu kommt der Mangel an geeignetem Kiefernholz. Revierförster Christian Göhler: „Wir haben zwar immer noch mächtige Kiefern im Bestand, aber deren Harzeinlagerungen sind deutlich zurückgegangen. Ob es Folgen der Trockenheit oder des Klimawandels sind, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber harzarmes Holz ist für den Kahnbau bestimmt nicht geeignet!“

An der Pinnwand fanden sich dann weitere Vorschläge, um das Interesse für das „Kulturgut Kahn“ zu steigern. Marko Schröter vom Kleinen Hafen Lübbenau könnte sich Probefahrstunden vorstellen und bietet sie auch an, auch um Kahnfährnachwuchs zu finden und zu begeistern, so wie es der Lehder Fährmann Wolfgang Gahl schon seit Jahren praktiziert, erst kürzlich hatte er den 400. „Kahnfahrlehrling“ ausgebildet. Einige Ideen gehen dahin, auch die Kinder einzubeziehen. Melanie Kossatz könnte sich eine Werkstatt für „Kinderrudel“ vorstellen, Susann Troppa vom Biosphärenreservat empfiehlt für kleinere Kinder das von der Künstlerin Karen Ascher gestaltete Ausmalvorlage, auf dem sich neben dem Kahn weitere Lausitzer identitätsstiftende Merkmale befinden. Für die Erwachsenen gibt es das „Lausitzer Erbe kurz erklärt“ im haltbar-nachhaltigen Jackentaschenformat.

Die Malvorlage von Karen Ascher
An der Pinnwand kamen zahlreiche Ideen zusammen.

Carola Piegert, Lübbenauer Paddelbootverleiherin, sieht weitere, rein optische Möglichkeiten, das Image des Kahns aufzuwerten: „Wir müssen weg vom eng gestellten Massenbeförderungsmittel mit unbequemen Sitzbänken, mehr hin zu Individualität – einfach auch hin zu schöneren Kähnen.“ Graf Rochus zu Lynar sieht das ebenso und erinnert an die einstige Vielfalt und Unterschiedlichkeit früherer Kähne – mehr Individualität statt Gleichmaß. Kahnfährmann Ullrich Wolff aus Neu Zauche installiert bei entsprechender Nachfrage die Drachenfigur Plon auf seinem Kahn – für die Urlauber ein besonderes Erlebnis und für den Kahnfährmann reichlich Gesprächsstoff bietend. Der Plon gilt bei slawischen Völkern als Glücksbringer, er zierte bereits beim Preußenkönigsbesuch 1844 im Spreewald dessen Kahn.

Der Plon als Gallionsfigur (Fährmann Ullrich Wolff)

Am Ende des Tages waren sich die Teilnehmer darüber einig: Eine solche Runde, aus verschiedenen Landkreisen und Interessengruppen zusammengesetzt, hätte es ohne die Initiative des Spreewaldvereins nicht gegeben. Neben dem offiziellen Austausch waren es auch die Kennenlern-Pausengespräche: Lübbener Fährleute trafen auf Burger, Lübbenauer auf Schlepziger und Straupitzer. Und es bestand uneingeschränkte Einigkeit darüber, dass solche überregionalen Stammtische fortgeführt werden müssen – eine Anregung, die von Melanie Kossatz und Sarah Plotzky nur zu gern gehört wurde: die nächste Veranstaltung wird im Herbst stattfinden.

Peter Becker, 06.03.24

Zum Nachlesen – in Erinnerung und Gedenken an meinen Mitautor Bernd Marx (+ 22.02.24):

Über Peter Becker 371 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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