Woklapnica und WhatsApp

Im Doppeldorf Naundorf/Fleißdorf wird an der Tradition des „Abklopfens“ des alten Jahres festgehalten. Einst in den Spreewalddörfern überall üblich, findet dies nur noch in einigen Orten statt.

Beim Rückblick, der Woklapnica, wird Bilanz gezogen, geschaut, was gut und was schlecht war, wer gekommen und wer gegangen ist. Besonders den Angekommenen, den Zuzüglern, wird große Aufmerksamkeit -manche sagen Neugier- zuteil. Schließlich möchte man ja wissen, wer nun in der Nachbarschaft lebt, was er oder die ins Dorfleben mit- oder einbringen kann. Dies allein mag schon ein Grund sein, warum die Woklapnica stets gut besucht wird. Ein weiterer Grund ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich Neuankömmlinge in Form einer Saalrunde „einkaufen“ müssen. Oft gibt es noch einen weiteren Grund, wie in Naundorf/Fleißdorf seit Jahren praktiziert: Es findet ein gemeinsames Eieressen statt. Die Eier und der Speck stammen aus dem Zamperumzug der Vorwoche. Alles gute Gründe, doch mal zur Dorfversammlung zu gehen!

Noch während Ortsvorsteher Thomas Paulick in seinem Bericht das Jahr 2023 Revue passieren lässt, dringen aus der Küche der Naundorfer Pension „Storchennest“, dem Versammlungsort, immer stärker werdende und appetitmachende Gerüche. Dort schlagen Christa Bubner und Marlies Koal Ei für Ei in die Pfannen.

Hinsichtlich des „Einkaufens“ spendierte Inga Hoeltke von der Pension „Hollerbusch“ zwei Flaschen Hochprozentiges aus der Spirituosenmanufaktur der Michelbergers. Tom und Nadine Michelberger hatten sich als neue Hoteliers bereits im Vorjahr vorgestellt und sich, wie schon im Vorjahr, bei der Bewirtung der fast 100 Fastnachtsumzügler eingebracht.

„Genau das macht unser Dorfleben aus“, greift Ortsvorsteher Thomas Paulick den Faden auf. „Anfangs waren wir alle etwas skeptisch, manche waren sogar ängstlich, als sich die Familie als Großinvestor in unserem kleinem Dorf niederließ. Aber wir wurden eines Besseren belehrt, die Michelbergers sind ein großer Gewinn für uns – Naundorf kann mit ihnen punkten!“

In Paulicks Bericht ging es auch um Zukünftiges, wie etwa dem Bau des neuen Feuerwehrgerätehauses. Interessiert nahmen die Einwohner Kenntnis von dem Projekt, welches das Dorfbild prägen wird.

Dorfleben ist auch Clubleben, welches maßgeblich von Karsten Jurk und Torsten Mroß koordiniert wird. Zampern, Fastnachtsumzüge und andere Veranstaltungen, oft gemeinsam mit der Feuerwehr um Wehrleiter Maik Bitzker organisiert, bilden das dörfliche Festgeschehen ab. Um eine passende Räumlichkeit für alle Wetterbedingungen zu haben, wurde ein Festzelt angeschafft.

Naundorf/Fleißdorf ist ohne das Multi-Organisationstalent Steffen Radehose undenkbar: Er organisiert Ausflüge mit Bus und Sonderzug wie Treckertreffen gleichermaßen. Andersherum kümmert sich die Dorfgemeinschaft rührend um Lino, den schwerstbehinderten Sohn von Susi und Steffen Radehose.

Für naturverbundene Menschen wie es Dörfler sind, gehört zur Woklapnica auch der Blick auf das Storchenleben in den beiden Ortsteilen. In den vier Horsten wurden acht Störche flügge – eine sehr gute Reproduktionsrate wie in der Runde zustimmend geraunt wurde. Manch einer mochte sich vielleicht vorstellen, wenn die über 200 Einwohner über ähnliche „Ergebnisse“ verfügen würden. Doch Thomas Paulick musste da etwas dämpfen, denn es wurden nur zwei Kinder im Jahr 2023 geboren. Dem gegenüber standen leider zwei Todesfälle: Werner Schultchen und Dieter Gelse. Mit einer Schweigeminute gedachten die Einwohner den Verstorbenen.

Tradition und modernes Leben schließen sich nicht aus, eher ist das Gegenteil der Fall, denn kurze Nachrichtenwege und gegenseitige Informationen befördern das Dorfleben. Dies sieht auch der Ortvorstand so und hat eine WhatsApp-Gruppe, den „Dorffunk“ eingerichtet, um sich gegenseitig zwischen den „Woklapnicas“ auf den aktuellen Stand zu bringen. Dazu gehört auch eine modern gehaltene Homepage mit ähnlichem Hintergrund.

Nach dem einstündigem Vortrag bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder ein Anliegen vorzubringen. Da aber schon während Paulicks Ausführungen eigentlich alles, ganz im Sinne einer Woklapnica, besprochen wurde und auch weil aus der Küche der Eierduft immer stärker wurde, gab es kaum noch Wortmeldungen. Lediglich die endlich durchzuführende Entschlammung der Dorffließe wurde, wie schon in den Vorjahren, angemahnt.

Peter Becker, 17.02.24

https://www.naundorf-fleissdorf.de/

Über Peter Becker 376 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.