Tierarzt Peter Gäbel

Der 1941 im sächsischen Heidenau geborene Peter Gäbel erwarb in Dresden das Abitur. An der Berliner Humboldt Universität folgte ein sechsjähriges Studium der Veterinärmedizin. In Dresden hatte er inzwischen seine Frau fürs Leben kennengelernt. Seine Gisela heiratete er 1969, gleich nach dem Studium. Die Kinder Astrid und Alexander kamen 1972 und 1975 zur Welt.
Damals war es für junge Tierärzte vorgeschrieben, eine einjährige Pflichtassistenz zu absolvieren. Die ersten drei Monate war er als Fleischbeschauer auf dem Schlachthof in Forst tätig, den Rest des Jahres als Assistent eines Herzberger Tierarztes. Er hätte dort eine Praxis übernehmen können und auch wollen, die Stelle gefiel ihm. Zur gleichen Zeit aber wurde der Vetschauer Tierarzt Dr. Triesch als Kreistierarzt nach Calau berufen. Dessen Stelle war nun auch frei und wurde Peter Gäbel angeboten. Der sagte auch zu, allerdings war da noch vorher das Wohnungsproblem für die junge Familie zu lösen. Tierarzt Dr. Triesch, ganz praktisch veranlagt, nahm seinen Nachfolger einfach in seine Wohnung auf, bis sich was finden würde.
Der junge Tierarzt stand nun vor einem Berg immenser Aufgaben. Über Nacht war er für über 5000 Großvieheinheiten zuständig, also für Kühe und Pferde. Hinzu kamen noch Hunderte Schafe und Schweine in der damaligen LPG Göritz/Belten und dem Volkseigenen Gut Reuden. Die Haltung in großen Ställen setzt einen gesunden Tierbestand voraus, Tierseuchen hätten einen Totalverlust bedeutet. Aufgabe des Tierarztes war u. a. die halbjährliche Untersuchung auf TBC, jährlich auf Brucellose und Leukose. Dazu kam die Zuchthygiene, d. h., dass Kühe schnell wieder tragend werden sollten, denn nur tragende Kühe sind wirtschaftlich gesehen gute Milchkühe. Peter Gäbel hatte alle Hände voll zu tun, hinzu kamen noch die Akutfälle, denn außerdem gab es in den umliegenden Dörfern zahlreiche individuelle Tierhaltungen zu betreuen, die zu Hause von der Telefondienst schiebenden Gattin aufgenommen wurden. Besonders schlimm war es einmal für den Tierarzt, als er zu einem Unfall einer Schafherde mit einem Bus nach Göritz gerufen wurde. Über 80 tragende Schafe lagen in ihrem Blut und verendeten auf der Straße. Immer mal wieder kam es auch vor, dass Kühe auf die Gleise gerieten und vom Zug erfasst wurden. So etwas lässt einen Tierarzt nicht kalt, besonders nicht, wenn er nicht mehr helfen kann. Einmal haben wildernde Hunde -damals gab es noch keine Wölfe- ein Blutbad in einer Schafherde angerichtet. Mühevoll hat Peter Gäbel deren Felle vernäht, die Wunden versorgt und so einige Tiere gerettet.
Die DDR-Massentierproduktion brach nach der Wende allmählich weg, die Tierbestände wurden verkleinert oder ganz abgeschafft. Tierarzt Gäbel, wie alle praktizierenden Tierärzte all die Jahre beim damaligen Rat des Kreises fest angestellt, wurde plötzlich ohne Sozialplan in die Selbstständigkeit entlassen. Diese Zeit war eine große Herausforderung, alle tierärztlichen Arbeitsmittel, mit denen er schon viele Jahre gearbeitet hatte, mussten nun von der Kreisverwaltung abgekauft werden. Auch seinen Dienstauto, ein „Moskwitsch“, musste er abgeben. Von Abschreibungen und Zeitwerten hatte er keine Ahnung – es musste irgendwie weitergehen, er war mit diesen Problemen nicht allein, vielen anderen in die Selbständigkeit Gespülten ging es ebenso.

Glücklicherweise hatte Gattin Gisela schon seit einigen Jahren eine Arbeit beim Institut für Kraftwerke (IfK) in Vetschau gefunden und war nach der Wende auch übernommen worden. Deren Gehalt war in der Umbruchzeit eine große Unterstützung, denn die gestellten Tierarztrechnungen konnten von einigen Tierhaltern erst nach Monaten bezahlt wurden. Die für die Behandlung notwendigen Medikamente wurden erst einmal vom Tierarzt vorgestreckt.
So langsam stabilisierte sich die Situation, einige Landwirte machten sich selbstständig, deren Tierbestände galt es zu versorgen. Anders als früher war nun der Halter für die Tiergesundheit verantwortlich, der Tierarzt wurde oft erst einbezogen, wenn Not am Mann war oder wenn gesetzliche Untersuchungen vorgeschrieben waren. Als Tierarzt im Spreewald fuhr er auch öfter mal mit dem Kahn zu den meist im inneren Spreewald liegenden Koppeln. Dort mussten bei Jungbullen vor dem Verkauf Nasenringe eingezogen und die Klauen gepflegt werden. Mastlämmer bekamen noch eine Impfung gegen Lippengrind. Diese an sich harmlose Krankheit heilt meist von selbst, sieht aber nicht schön aus und mindert bei den betroffenen Tieren den Verkaufswert.
In seiner jahrzehntelangen Tierarztpraxis hat Peter Gäbel auch besondere Erlebnisse gehabt. Dazu zählt die Tollwuterkrankung zweier Kühe in Raddusch, die vom Fuchs gebissen wurden. In der Folge mussten sich Tierarzt und Pfleger einer umständlichen und mehrwöchigen Tollwutimpfung in Cottbus unterziehen. Für alle Beteiligten schmerzhaft und zeitraubend, denn damals gab es keinen wirksamen Impfstoff.

Ein Tierarzt muss auch immer auf der Hut sein, besonders wenn Bullen in der Nähe sind. Angriffe gingen aber immer glimpflich aus, meist beließ es das Tier bei Scheinangriffen und Drohgebärden. Gern fuhr Peter Gäbel aufs Gut Dubrau. Hier kamen jährlich etwa 15 Fohlen zur Welt. Wenn auch ein Tierarzt grundsätzlich alle Tiere gleichwertig sieht und behandelt, so ist die Versorgung der Pferde und deren tiermedizinische Betreuung für ihn stets besonders beeindruckend gewesen. In den letzten Jahren spielte die Behandlung von Kleintieren eine wesentliche Rolle.
Die Arbeitszeit war immer unbegrenzt und zum großen Teil nicht planbar, die Familie musste einiges aushalten, wenn er im Umkreis von einigen Dörfern unterwegs war.
Tierarzt Gäbel, schon einige Jahre im Rentenalter, betreute einige langjährige Kunden weiter. Dazu gehörte beispielsweise die Gallowayherde der Dubkow-Mühle. Diesen stattlichen Tieren Blut für Untersuchungen abzunehmen, stellte für Tierarzt und Helfer eine große Herausforderung dar, die er aber gern annahm. „Was soll ich sonst machen? Mein Beruf ist mein Hobby und ich hoffe, dieses Hobby noch eine Weile machen zu können. Ich kann und will mich nicht zurücklehnen, solange ich noch gebraucht werde!“, sagte er damals. Zuhause wartete auf ihn jahrelang ein sehr gesundes Kleintier, eine Katze. Sie stellt mit ihrem Eigensinn die Geduld von Tierarzt und Tierarztgattin immer mal auf die Probe. Meist tut sie aber das, was alle Katzen gern tun: Sie schmust abends auf dem Sofa mit ihren beiden Herrchen.

Peter Becker, 06.12.13/08.12.23

Über Peter Becker 376 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.