Lübbenauer Osterwerkstatt für Geflüchtete vermittelt Heimatgefühle

Eigentlich war die Osterwerkstatt am Lübbenauer GLEIS 3 nur für den Abend geplant, doch wegen der aktuellen Situation organisierte die LÜBBENAUBRÜCKE eine nachmittägliche Sonderveranstaltung. Das Team um Marianne Noack und Gabriele Seewald sagte spontan zu, ihr Wissen um Wachs-, Kratz- und sonstige Ostereierverzierungstechniken an die in Lübbenau weilenden ukrainischen Flüchtlinge weiterzugeben. Unterstützung bekamen die beiden Frauen von zwei Dolmetscherinnen, von Beate Kaczmarek und Rosemarie Wolf. Diese hatten mit den ganz speziellen Übersetzungen aus dem Bereich der „Osterterminologie“ etwas zu kämpfen, kamen aber stets zum Ziel: Wenn der eigene Wortschatz nicht reichte, half der Translator auf dem Tablet, um den einen oder anderen Fachbegriff zu übersetzen, mal ins Englische, mal ins Russische oder idealerweise ins Ukrainische. Die jungen Frauen und Kinder aus der Ukraine verfügen über unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen, aber sie eint das für alle slawischen Völker so wichtige Osterfest, als Fest der Auferstehung, des Erwachens neuen Lebens. Viele Gedanken werden sich beim Gestalten der Ostereier deshalb auch gerade diesem Aspekt zugewandt haben: Werden wir, meine Familie, mein Volk, unbeschadet den Krieg überstehen? Wie wird das Leben danach weitergehen?

Iryna Wynyschenko setzt mit ruhiger Hand den Federkiel an und setzt Wachströpfchen für Wachströpfchen die „Wolfszähne“, das Hauptmotiv der Ostereierverzierung. Sie denkt dabei an ihre zurückgelassene Familie, an die Freunde und Kommilitonen. Die Neunzehnjährige studiert Städteplanung an der Kiewer Universität – und tut es immer noch, denn durch eine Kooperation der BTU Cottbus mit der Hochschule in Kiew gelingt auch der Fernunterricht. „Ich habe aber tagelang pausiert, denn unsere Flucht mit Mutter, Schwester und Tante ging über Lwow nach Warschau und dann nach Berlin. Am 11. März sind wir dann in Lübbenau angekommen und haben hier durch die Vermittlung weiterer Familienmitglieder eine private Unterkunft bekommen, wo wir uns nun an das Leben in Deutschland gewöhnen“, erzählt sie. Um die Gedanken mal abschweifen zu lassen, genießt sie das Fahrradfahren durch den Spreewald. „Hier in Deutschland scheint ja jeder ein Fahrrad zu haben, das ist bei uns nicht so verbreitet“, sagt Iryna und zeigt dabei erstmals ein Lächeln im Gesicht.

Iryna Wynyschenko

Am anderen Ende des langen Tisches taucht Margarita Mytsenko ihre verzierten Ostereier ins Färbebad. Auch ihre Gedanken weilen in der Heimat, wo sie noch ihre Eltern weiß und sich um sie sorgt. Die alleinerziehende Finanzbeamtin ist mit ihrem sechsjährigen Sohn und einer Tante nach ebenfalls tagelanger und zermürbender Flucht zuerst nach Lübben gekommen, wo ihnen Bekannte dann den Weg nach Lübbenau ebneten. In der Zerkwitzer Pension Tannenwinkel haben sie erst einmal eine Unterkunft gefunden, um hier zur Ruhe zu kommen. Margarita Mytsenko: „Mein Sohn erschrickt immer noch, wenn er laute Geräusche hört und beginnt zu weinen. Ich erkläre ihn immer wieder, dass wir in Sicherheit sind und er sich freuen kann, hier in diesem schönen friedlichen Land zu sein“.  Der neunundzwanzigjährigen Beamtin sind Verfahrenswege nicht unbekannt, aber sie wundert sich schon, wie viele „Zettel“ hier in Deutschland immer wieder ausgefüllt werden müssen. In ihrem weitestgehend voll digitalisierten Heimatland ist es etwas anders, einfacher. „Wer aber wie mein Sohn und ich schon das Donnern des Krieges erlebt hat, setzt dann doch andere Prämissen und stellt den Frieden über alles – wir genießen das friedliche Leben hier und wünschen uns baldigen Frieden in der Heimat“, ergänzt sie noch. Zufrieden schaut sie auf ihre gestalteten Ostereier, packt sie sorgfältig ein, um in ihrer Unterkunft für ihren Sohn eine österliche Atmosphäre schaffen zu können.

Margarita Mytsenko

Sebastian Liedtke, Einrichtungsleiter bei der AWO (ehemals Station) in Lübbenau von der Initiative „Buntes Lübbenau“ zur aktuellen Flüchtlingssituation in Lübbenau: „Wir konnten etwa 40 Personen vermitteln, die über Verwandtschaftskontakte nach Lübbenau kamen. Besonders unsere schon länger hier weilenden Gastronomie-Azubis haben ihre Familien hier in Sicherheit gebracht. Die beiden städtischen Wohnungsunternehmen haben unkompliziert Hilfe geleistet, fast alle Schutzsuchenden konnten untergebracht werden. Aktuell haben wir noch zwei Familien hier in der Station, denen Wohnraum zugewiesen werden muss. Damit sind wir inzwischen auch an der Auslastungsgrenze angekommen, mehr kann die Stadt vermutlich nicht aufnehmen“.

Peter Becker, 28.03.22

Über Peter Becker 274 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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