Woanders verteufelt – im Spreewald verehrt

Da hat wohl was mit der Abrechnung zwischen Bauherr und Zimmermann nicht gestimmt... (Töpferei Möbert, Burg)

Es ist nicht gerade in der Welt sehr häufig, dass Schlangen eine Verehrung erfahren. Schließlich stehen sie, besonders in der christlichen Mythologie, für das Böse, das Falsche. Und dennoch: im Spreewald hat man ihnen in vorchristlicher, in heidnischer Zeit, sogar eine Krone aufgesetzt! Hier ranken sich Sagen um die Schlange und um einen angeblichen König.

Wie so oft, haben Sagen einen realen Kern, der über die Jahrhunderte durch Weitererzählen immer mehr in den Hintergrund trat und dem Fabelhaften, der Fantasie, den Vortritt ließ. Ähnlich könnte es sich bei der Sage vom Schlangenkönig verhalten, die ihren sichtbaren Ausdruck durch Giebelkreuze an immer noch vielen  Häusern der Spreewälder erfährt.

Der Spreewald ist eine Niederungslandschaft, entstanden in der letzten Eiszeit vor 10 000 Jahren. Die Spree verästelt sich hier in zahllose Nebenarme. Schon geringe Hochwässer sorgten für die Überflutung des Geländes, so dass eine menschliche Besiedlung, zuerst von den Germanen und im 6. Jahrhundert durch Slawen nur an den Rändern und an wenigen „Insellagen“ im Inneren des Spreewaldes möglich war. Die Inseln, der Spreewälder nennt sie Kaupen, sind oft nur wenige Zentimeter höher als die Umgebung, für das menschliche Auge kaum wahrnehmbar. Was die Siedler aber wahrnahmen, war der Umstand, dass sich an einigen Stellen besonders viele Schlangen, fast immer Ringelnattern, aufhielten und hier ihre Eier ablegten. Das tun die Tiere nur an den Stellen, die weniger von Überflutungen betroffen werden, um dem Nachwuchs ein relativ sicheres Aufwachsen zu ermöglichen. Folgerichtig boten sich diese Stellen auch zum Bauen an. Als Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung für das wegweisende, „königliche“, Verhalten der Schlangen, die ihnen den Bauplatz überlassen mussten, brachten die Siedler an den Giebeln der Schilfdächer Windlatten an, die an den überstehenden Enden mit gekrönten Schlangenköpfen verziert wurden. Dass hierbei ganz unterschiedliche Darstellungen, bedingt durch das jeweilige Können und Wissen des Zimmermanns, entstanden, liegt auf der Hand. Doch fast immer war es ein Schlangenkopf mit einer Krone.

Der Burger Spreewaldhausbauer Falk Hitzer hat auch eine Erklärung für das erhöhte Bauen auf Findlingen. Nach seiner Ansicht dient das zwar auch einem gewissen Hochwasserschutz, aber wohl eher dem Schutz vor Schadinsekten. Diese können nur schwer über die glatten runden Steine nach oben kriechen – falls sie überhaupt bis dahin kommen, denn um jedes Haus ist ein feinsandiger Streifen angelegt. Ameisen fallen dann schon oft in den Trichter, den ein Ameisenlöwe (Larve der Ameisenjungfer*) geschaffen hat. „Ein Spreewaldhaus ist mehr als nur ein Abbild eines Hauses nach dem ersten Blick. Es ist eine Philosophie, die bereits mit der Wahl des Bauplatzes beginnt und nie endet. Ein solches Haus lebt über Jahrhunderte und bedarf Hinwendung und Aufmerksamkeit. Der Lohn ist ein gesundes natürliches Wohnen“, so Falk Hitzer. Er  ist nicht nur Hausbauer, er ist auch ein Betrachter und Beobachter, der an den Bau eines neuen Spreewaldhauses traditioneller Art mit dem Blickwinkel eines wendischen Baumeisters an die Erfüllung der Aufgabe geht.

Der Boblitzer Heimatforscher und Publizist Bernd Marx zu der Tradition der Giebelkreuze:

Mit dem Bau von Blockbohlenhäusern mit Schilfdacheindeckung war es technisch notwendig, Windlatten anzubringen. Diese zwischen 20 und 40 Zentimeter breiten Bretter verhindern, dass der Wind die Abschlüsse mit den Schilfrohrbündeln zerzaust und beschädigt. Aus welchem Grund auch immer, wurden und werden diese Windlatten über den Dachfirst hinausgeführt. Dort befinden sich dann die markanten Schlangenköpfe mit den Kronen. Doch nicht nur diese Tiersymbole gab und gibt es. Untersuchungen von Gerhard Wiesner aus Branitz in den 1930er-Jahren belegen, dass es zur damaligen Zeit eine Vielzahl von Windlatten-Motiven im Spreewald gab. Seinen Ausführungen zufolge hatte jedes Dorf sein eigenes. Die damaligen Abbildungen aus Lübben-Steinkirchen, Schlepzig, Goyatz, Jamlitz, Jessern und Neu Zauche hatten wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit Schlangenköpfen. Dagegen zeigen die Windlatten von Straupitz, Waldow und Neubyhleguhre etwas Ähnlichkeit mit Schlangenköpfen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass die Abbildungen andere Tierköpfe oder Symbole darstellen. Das Motiv von Neubyhleguhre erinnert sehr stark an einen Pferdekopf.

„Es ist schon sehr verwunderlich, dass nach etwa 800 Jahren der Christianisierung noch immer heidnische Symbole in unserer Region zu sehen sind“, sagt Dr. Alfred Roggan aus Cottbus, Experte für kultische Zeichen an Bauwerken im Spreewald. Nach seinen Recherchen gibt es noch heute Windlattenverzierungen im Burger Raum, die aus den Jahren 1777 und 1792 stammen. Er selbst aber kennt nur das Motiv der Schlangenköpfe. Es ist zu vermuten, dass die Überzahl der gekrönten Schlangenköpfe an den Spreewaldhäusern auf die gräfliche Familie zu Lynar zurückzuführen ist. Denn ihr Familienwappen zieren solche Schlangen – vermutlich aus den gleichen Gründen wie oben beschrieben. Es wird auch behauptet, dass früher Bauhandwerker, Zimmerleute und Dachdecker ihre persönlichen Zunftzeichen angebracht hätten. Überliefert ist auch, dass sich manchmal die Schlangenköpfe zuwandten, und zwar immer dann, wenn der Bauherr seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen war – aber das gehört wohl in das Reich der Legenden.

Der Tradition folgend, werden noch heute vielerorts diese Giebelkreuze an den Häusern angebracht, auch an Häusern mit Ziegeldach, die eigentlich keine Windlatten mehr benötigen. Hier gibt es meist nur das etwa einen Meter lange gekreuzte Schlangenkönigssymbol.

*Wikipedia: Als Ameisenlöwen werden die Larven der Ameisenjungfern (Myrmeleontidae) bezeichnet, die eine Familie der Insekten aus der Ordnung der Netzflügler darstellen. Innerhalb der Netzflügler bilden die Ameisenjungfern die artenreichste und am weitesten verbreitete Gruppe, ein evolutionärer Erfolg, der ganz wesentlich auf die Lebensweise der Larven zurückgeführt wird. Ein Großteil der Arten (deren Larven ausschließlich räuberisch leben) hat mit der Besiedlung von Sandlebensräumen nämlich eine neue ökologische Nische erschlossen. Eine besonders weit entwickelte Form der Anpassung ist dabei der Beutefang mittels selbstgegrabener Trichter im lockeren Sand. Dieses ungewöhnliche Verhalten war bereits lange vor einer systematischen entomologischen Forschung bekannt und hat sowohl Eingang in Mythen und Legenden gefunden als auch immer wieder wissenschaftliches Interesse geweckt. In vielen Sprachen steht die entsprechende Übersetzung des Wortes „Ameisenlöwe“ als alleinige Bezeichnung der Tiergruppe zur Verfügung und wird auch für die weniger bekannten erwachsenen Tiere, die Ameisenjungfern, verwendet. Der Ameisenlöwe wurde in Deutschland zum „Insekt des Jahres 2010“ gekürt.

Peter Becker, Jan. 2018

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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