Ehm Welk in Lübbenau – eine Betrachtung zum 50. Todestag des Schriftstellers

Ehm Welk in Lübbenau

Am 1. April 1935 zogen Ehm Welk, Frau Agathe und Vater Gottfried Welk von Berlin nach Lübbenau. Das Leben in Berlin war Ehm Welk unerträglich geworden, er wollte nicht mehr die gleiche Luft wie Goebbels atmen. In einem Brief an den Magistrat 1970 bezeichnet Agathe Welk Lübbenau als ihr Exil. Was war der Auslöser dieses Umzugs?

Welk ist 1934 Mitbegründer und Chefredakteur der vom Ullstein-Verlag herausgegebenen ersten Sonntagszeitung Deutschlands „Grüne Post“, die sich hauptsächlich an die Landbevölkerung richtet. In seiner Eigenschaft als Chefredakteur nimmt er im April 1934 zusammen mit anderen Zeitungsleuten an einer von Goebbels einberufenen Konferenz teil. Goebbels wirft der Presse „charakterliche Gleichförmigkeit und Langweiligkeit“ vor und forderte sie zu mehr Offenheit und Kritik auf. Den Beifall der so gescholtenen Presseleute, die bislang diese Gleichförmigkeit und Langweiligkeit förderten, fand Welk als abstoßend und verließ den Saal. Noch am gleichen Tag verfasste er einen Leitartikel für die „Grüne Post“. Unter dem Titel „Herr Reichsminister, ein Wort, bitte“ äußerte er sich satirisch-kritisch zur Arbeitsweise Goebbels. Nur zwei Tage nach dem Erscheinen des Artikels wurde er verhaftet und in das KZ Oranienburg überführt. Sei es durch Intervention ihm wohlgesonnener Berufskollegen oder Goebbels Planspiel, nach einer Woche Haft kam Welk frei, Misshandlungen blieben ihm erspart. Für Goebbels kam der Fall Welk gelegen. Dem Kritiker wurde Schreibverbot verordnet, was gleichbedeutend mit Berufsverbot war und Arbeitslosigkeit nach sich zog. Die „Grüne Post“ erhielt ein Erscheinungsverbot von einem halben Jahr. Gleichzeitig ging über Welk eine Hetzkampagne der NS-hörigen Presse hinweg. Das alles führte zu einem starken Abonnenten- und Leserrückgang der „Grünen Post“, wovon das NS-Konkurrenzblatt „Blut und Scholle“ zunehmend profitieren konnte. Der jüdische Ullstein-Verlag, Mitte der 20er Jahre durch den Neubau eines Verlagshauses in eine finanzielle Schieflage geraten, konnte die neuerlichen Verluste nicht mehr verkraften. Es war ein leichtes für Goebbels, über Mittelsmänner den Verlag noch 1934 zu kaufen, den Juden damit loszuwerden, und mit der neuen Bezeichnung „Deutscher Verlag“ zu führen. An Welk ging das nicht spurlos vorüber. Arbeitslos betrieb er das, was ihm schon immer lag: Schreiben. Aus schlechten Manuskripten machte er gute, er schrieb die Geschichten anderer. Keines dieser Werke trug seinen Namen. Zum Schreiben brauchte er Berlin nicht, so dass ein Ortswechsel beschloss. Biesenbrow, sein Geburtsort, kam nicht in Frage, es hätte wie ein Abstieg ausgesehen, wenn der Chefredakteur arbeitslos dorthin zurückkehrt, wo ihn jeder kannte. Lübbenau wurde ausgesucht, die Heimat Gottfried Welks. Der Umzug aus der Metropole in das Ackerbürgerstädtchen Lübbenau (1935 etwa 4.300 Einwohner) fiel Welk nicht schwer, er drückte das etwa so aus: Bevor ich den an meinen Schuhsohlen haftenden Ackerboden in der Großstadt breit trete, trage ich ihn aufs Land zurück. Agathe Welk war geborene Berlinerin, hatte dort gelebt. Mit ihr kam, so die Wahrnehmung der Lübbenauer, die Moderne der Großstadt in das Provinzstädtchen. Angedacht war ein mittelgroßes Bauernhaus, mit etwas Land herum, das allein bearbeitet werden kann. Obwohl solches gefunden wurde, konnte es nicht gekauft oder gepachtet werden. Lübbenau blieb nicht von Goebbels Presse  verschont und wer wollte sich da mit ihm anlegen?

So wurde das neue Zuhause eine Wohnung in der Dammstraße 26. Die 4-Zimmerwohnung auf 95 m² war ausreichend für drei Personen, die Welks hatten keine Kinder. An dem Vermieter Hellmuth Trüstedt kann Welks Vorgeschichte nicht vorbeigegangen sein, war  auch er politisch bereits auffällig geworden. Im Jahr der Machtübernahme 1933 sollte das alljährliche Schützenfest unter und mit Hakenkreuzfahnen stattfinden. In Absprache mit Wilhelm Graf zu Lynar einigten sich beide, das Fest ausfallen zu lassen. Ein Mißbilligungsschreiben der NSDAP-Ortsgruppe brachte nicht nur Trüstedts „undeutsches“ Verhalten zum Ausdruck, sondern entband ihn von den Funktionen als Stadtverordnetenvorsteher und Kommandeur des Schützenvereins.

Für Welk begann in Lübbenau eine neue Schaffensperiode, wobei er sich im Klaren war, dass auch hier Goebbels Augen auf ihn gerichtet waren. Zumal er seiner 1921 geschiedenen ersten Frau, die Halbjüdin war, weiterhin regelmäßig Geld überwies und sie einlud.

Die Arbeit in der Landwirtschaft hinter dem Pflug bei Verwandten, Spaziergänge in den Spreewald, vertraute Gespräche mit dem Freund Bruno Bürgel waren ein Teil des neuen Lebens. Der andere war das Schreiben. Konnte er die Schriftstellerei als Angestellter mit geregelten Arbeitszeiten nur bedingt ausüben, so war das jetzt Beruf, sein Broterwerb. Die in Berlin begonnene Art des versteckten Schreibens wurde in Lübbenau fortgesetzt. Daneben lag ihm schon lange auf der Seele, die Kindheit in Biesenbrow als Buch zu veröffentlichen. Form und Struktur waren bereits herausgearbeitet, Gedanken auf einer Vielzahl Zettel niedergelegt. 1937 wurde das Schreibverbot aufgehoben, ihm die Arbeit an unpolitischen Büchern – ein dehnbarer Begriff – gestattet. Zum 90. Geburtstag des Vaters im Mai 1937 konnte er ihm das Buch „Die Heiden von Kummerow“ auf den Geburtstagstisch legen.

Die Ereignisse spielen innerhalb eines halben Jahres, vom Frühjahr bis Herbst,  in einem Dorf des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als Pastor, Lehrer und Gendarm die Dorfobrigkeit stellten. Ob das Dargelegte sich auch so zutrug, das blieb sein Geheimnis. Welks Biograf Konrad Reich bezeichnet dieses Buch als die Geburt des Romanautors Ehm Welk. Das nachfolgende Werk entsprang einem Glücksfall. Agathe Welk, ebenfalls eine Schriftstellerin, hatte ihrem Schwiegervater nach dessen Einzug in die Berliner Wohnung  in den zwanziger Jahren eine Reihe Notizbücher geschenkt. Damit ihm der Wechsel von dem kleinen Biesenbrow in das große Berlin nicht so schwer falle, sollte er die Geschichte seines Lebens niederschreiben. Gottfried war ein heller Kopf und fleißiger Schreiber, er brachte es auf 900 eng beschriebene Seiten. Ein Fundus für Welk, wenn auch nicht in der vorliegenden Form verwendbar. Er stellte um, änderte ab, formulierte um, fügte ein und konnte dem Vater noch zu dessen Lebzeiten 1938 die „Lebensuhr des Gottlieb Grambauer“ überreichen. Der Untertitel „Berichte eines einfältigen Herzens“ kann Welk in dieser schwierigen Zeit als eigentlicher Verfasser in den Hintergrund gehalten haben. Was muss in dem Vater vorgegangen sein, als er das Buch, sein Leben, in den Händen hielt. Dabei gab es vor dem Erscheinen  ein Problem. Der „Deutsche Verlag“ wollte nach dem Einreichen des Manuskripts einige Seiten der Originalniederschrift Gottfried Welks, um werbewirksam an die Öffentlichkeit zu gehen. Da die Niederschrift Gottfried Welks mit dem Manuskript Ehm Welks keine Übereinstimmung fand, schrieb  ein der alten Schrift Kundiger etliche Maschineseiten des Manuskripts mit gestellt zittriger Hand nach. Im Verlag merkte man nichts oder wollte nichts merken. Das „Lübbenauer Tageblatt“ widmete eine umfangreiche Rezension  der Buchausgabe, die durchweg positiv ausfiel.

Man wird dem Wirken Welks in Lübbenau einzig durch den Bezug auf diese beiden Bücher nicht gerecht. Da war noch „Der hohe Befehl“, ein umfangreiches und 1939 herausgegebenes Werk, das das Schicksal deutscher Kriegsgefangener z. Zt. des ersten Weltkriegs im Osten Russlands zum Inhalt hat.

Im Dezember 1938 stirbt Gottfried Welk und wird, seinem Wunsch entsprechend, auf dem Groß Klessower Friedhof beigesetzt. Als ältester Einwohner Lübbenaus wird er 1937 und 1938  in der Ortspresse erwähnt.

Nach fünf Jahren in Lübbenau, im April 1940,  verlassen Ehm und Agathe Welk die Stadt, um in Neuenkirchen (poln. Doluje, heute ein Steinwurf von der deutsch-polnischen Grenze entfernt, unweit Stettins) sesshaft zu werden. Stettin war Welk durch Tätigkeiten an der „Stettiner Abendpost“ sowie den „Stettiner Neueste Nachrichten“ bereits bekannt. In Neuenkirchen können sie ein Haus mit großem Garten erwerben. Agathe Welk schreibt rückblickend in dem bereits erwähnten Brief an den Lübbenauer Magistrat: „Wir haben fünf glückliche Jahre dort [in Lübbenau] verlebt und bei allem Genuss der wunderbaren Landschaft dort besonders viel geschaffen.“ Immerhin wurden in dieser Zeit 4.500 Seiten von Welk geschrieben. Seine Bücher fanden reißenden Absatz und mit dem, was in Neuenkirchen hinzukommt, wird er Auflagenmillionär. 1943 erscheinen die „Die Gerechten von Kummerow“. Anknüpfend an die „Heiden von Kummerow“ finden die Ereignisse des Dorfes in der nachfolgenden zweiten Jahreshälfte, vom Herbst bis zum Frühjahr, ihre Fortsetzung.

Das Leben und Arbeiten in Neuenkirchen währt gleichfalls fünf Jahre und endet abrupt. Der Krieg ist nach Deutschland zurückgekehrt, Stettin steht vor der Einnahme der Sowjetarmee. Die Welks reihen sich im April 1945 in die Schar der nach Westen Flüchtenden. Als sie später zurückkommen, ist ihr Haus bis auf die Grundmauern niedergebrannt, die Bibliothek mit 6.000 Bänden, tausende Briefe, Dokumente, … sind vernichtet. Was noch brauchbar ist, nehmen sie mit. Wiederum steht ihnen ein Neubeginn bevor, Ehm ist 60 Jahre alt. 1950 bezieht das Ehepaar ein Haus in Bad Doberan, dort, wo die Kleinbahn Molly sich anschickt, die Stadt zu verlassen. Es wird ihr letzter Wohnort werden. Auch hier gibt  sich Welk unermüdlich dem Schreiben hin, neben ehrenamtlichen Funktionen, die er auf sich genommen hat. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle an ihn gerichteten Leserbriefe zu beantworten und das geht in die Tausende. Nur mit dem Privaten, da hält er sich zurück. Ein Buch dieser Zeit soll herausgehoben werden: „Mein Land, das ferne leuchtet“. In losen Kapiteln, den Zeitstrom nicht einhaltend, offenbart er hier Stationen seines Lebens. Aber immer bleibt erkennbar, dass Biesenbrow/Kummerow, der Bruch, das Land, sein Orplid, die ständigen Begleiter waren und sind. Lübbenau ist kein Kapitel überschrieben. Nach dem Krieg besuchte er seinen Heimatort Biesenbrow. Gibt es Hinweise über einen Lübbenaubesuch nach dem Wegzug 1940, ein stilles Verweilen am Grab des Vaters?

Es sind zwei Momente, die Welk zu dem machten, was er wurde. Da war einmal die Frau an seiner Seite, Agathe Welk. Sie war seine Sekretärin, Beraterin, Lektorin und hielt ihm, wo immer es erforderlich wurde, den Rücken frei. Da war zum Anderen der Willkürakt Goebbels 1934, der ihn aus dem geregelten Leben eines Redakteurs riss und zum Schriftsteller werden ließ.  Am 19. Dezember 1966 stirbt Ehm Welk nach langer Krankheit in seinem Haus und wird in Bad Doberan beigesetzt. Acht Jahre später folgt ihm Agathe Welk.

Welk  wurde zu Lebzeiten vielfach geehrt, bekam Auszeichnungen, Titel. In Lübbenau tragen zwei Straßen (rechnet man Groß Klessow dazu) und eine Schule seinen Namen. Am Haus in der Dammstraße 26 erinnert eine Plakette an den Aufenthalt Welks von 1935 bis 1940.

Hans-Joachim Nemitz / November 2016

 

Über Bomenius 111 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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