Im Spreewalde

Ein illustrierter Ausflug von Ludwig Loefler – zusammengestellt von Hans-Joachim Nemitz, Lübbenau 2022

Am Abend des 6. August 1859 reiste Theodor Fontane per Postkutsche von Berlin nach Lübbenau, wo er am Morgen des 7. August ankam. Seine Begleiter waren Karl Bormann (Theologe und Lehrer), Wilhelm Lübke (Kulturhistoriker) sowie Otto Roquette (Schriftsteller). Zeitgleich reiste Ludwig Loefler (Lithograf) mit einem Reisegefährten ebenfalls nach Lübbenau. Hier und im Spreewald kreuzten sich Fontanes und Löflers Wege. Ob die Reise zwischen ihnen abgestimmt war, ist unbekannt. Fontane fuhr am Abend des 8. August zurück nach Berlin.  Sein Spreewaldbericht erschien vom 31. August bis 3. September 1859 in der „Preußischen Zeitung“.

Ludwig Loefler durchreiste von Lübbenau aus weitere Orte der Lausitz und trat in Sorau (Zary/Polen) die Rückreise nach Berlin mit der Eisenbahn an. Sein Spreewaldausflug, der hier bis Burg wiedergegeben wird, erschien in der 41. Kalenderwoche 1859, der zweiten Oktoberwoche, in der „Gartenlaube“. Die Betrachtungen über den Spreewald und die Menschen kann als Ergänzung zu Fontanes Bericht gesehen werden. Bei der Wiedergabe habe ich die Urform der Veröffentlichung beibehalten, um  dem damaligen Zeitgeist gerecht zu werden. Die eingefügten Lithographien entstammen aus Ludwig Loeflers Feder.

Hans-Joachim Nemitz

Postreise! Welche Poesie im Klange dieses Wortes gegen die starre Prosa „Eisenbahn“! Welche Vorspiegelung gemüthlicher Scenen im gut gepolsteten Wagen und traulichen Poststationen! Welche Begeisterung für die gute alte Zeit, in der man dieses Genusses bei jeder Veränderung der Localität theilhaftig werden konnte!

Dies Gefühl der Wonne dauert indessen nur so lange, als man in der Zukunft oder Vergangenheit lebt. Die Gegenwart ist schrecklich, und sie wurde es, als wir an einem warmen Augustabend in dem dumpf dröhnenden Kasten aus dem Post-Thorwege der Spandauer Straße hinausfuhren. Die Straßen waren fast fremd, die Menschen andere, als wir die Bilder, Stück für Stück, durch die kleinen Fensteröffnungen der Kutsche vorübergleiten sahen. Ein schleierartiger heißer Dunst lag zwischen den Gegenständen und drang in unser Gefängniß, das außer uns noch eine kränkliche Frau mit einem Bündel Kinderzeug, in das ein junger Weltbürger zweifelhaften Geschlechts gewickelt war, und ein diesem zarten Alter schon seit geraumer Zeit entwachsenes Mädchen enthielt. Ein wenig frischere Luft umwehete uns, als wir auf die trostlose Chaussee kamen, die sich durch die Einöden von Tempelhof und Mariendorf hindurchquält, dagegen stellte sich ein neues Leiden in der nächsten Ortschaft ein. Es war, da wir in eine Beichaise[1] gekommen waren, das Wagenwechseln, bei dem wir bis Lübben allen möglichen Turnübungen unterworfen waren und hinsichtlich unserer werthen Persönlichkeiten fast zu schlecht wegkamen, als in Baruth der Postmeister dem Postillon zurief: „Laden Sie aus, ich habe den Sechssitzigen bestellt.“ Das „Ausladen“ betraf uns.

Traurige kleine Städtchen, noch trauriger in dem herumkletternden Laternenschein der schlaftrunkenen Postknechte, waren die Stationsörter bis zu dem freundlicheren Lübben, wo uns außer einem Blick in den Hain der Luba nichts vergönnt war, als eine Tasse Postkaffee, ein Aufguß, der weder mit Mokka, noch mit Martinique, noch mit St. Domingo in irgend einem Grade der Verwandtschaft steht.

Ein Berliner Schulrath, ein ditto Professor und zwei anerkannte ditto Dichter waren die Vorfahren und wir die Nachkommen, da das Loos zum Beiwagen uns treu geblieben war, und in ihrer, wenn auch nicht unmittelbaren, Gesellschaft durchrollten wir die nachtfeuchte Straße nach Lübbenau, die sich durch weinumrankte Chaumièren, hochstehende Bohnen, Gurken und kleine Waldungen hindurchschlängelt, und an jenem frischen Morgen in den ersten schiefen Strahlen der Sonne glitzerte. Die kleine Stadt war sonntäglich gewaschen und geputzt, und eine feierliche Stille ruhete auf derselben. 

In der zopfigen, ziemlich geräumigen Kirche mit einem barocken Denkmal derer von Lynar war wendische Predigt, aber fast nur Weiber, alle im ungewohnten steifen Festtagsanzuge, hörten derselben zu. Am Schluß des Vortrags trat eine Anzahl junger Mädchen in die Nähe des Altars, und wurde dort von dem Geistlichen katechisirt. Es ist dies eine gute nachahmungswerthe Sitte, da sämmtliche Unverheirathete weiblichen Geschlechts bis zur abgeschlossenen Ehe in gewissen Zeiten aufgefordert und verpflichtet sind, sich dieser Quasi-Prüfung zu unterwerfen.

Die Besteigung des Thurmes schien uns wesentlich, um das Terrain zu recognosciren, auf dem wir uns bewegen wollten, und da sahen wir die üppigen, von unzähligen Wasseradern durchschnittenen Wiesen mit Hunderten von Heuschobern und wurden durch die in den Gärten wuchernden Pflanzen inne, daß wir uns in dem Lande der Gurken, Zwiebeln und des Meerrettigs befanden. Zwei Parkanlagen in diesem Bilde der Landescultur zogen uns an, und um sie näher kennen zu lernen, besuchten wir zuvörderst den Schloßgarten des Grafen von Lynar. Außer einem großen Vermögen sieht man an dem stattlichen Gebäude darin nichts, denn auch nicht eine Spur von Kunstsinn leuchtet aus demselben hervor. Dagegen ist der parkähnliche Garten, welcher es von drei Seiten umgibt, sehr beachtenswerth. Dieser ist nicht groß, aber hinsichtlich der verschiedenen Baumgattungen, versteckten Plätzchen, Brücken und Points de vue mit vielem Geschmack angelegt. Eine starke, natürliche Bewässerung hat eine große Ueppigkeit des Wachsthums hervorgebracht, und Tulpenbäume, hochstämmige Weiden, Weihmuthskiefern und Lebensbaum, Orangerie und epheuumrankte Birken, Platanen und dunkle Tannengebüsche wechseln ab mit saftigen, schwellenden Rasenplätzen und vollen, von Gesundheit strotzenden Kürbis-, Rhabarber- und Maisbosquets. 

Die andere der erwähnten Parkanlagen ist eine zweite Besitzung dieser Grafenfamilie. Es ist der Ort, wo trotz aller Exclusion das Exklusive aufhört, – es ist das mit allem aristokratischen Stolze erbaute Erbbegräbniß. Ein ziemlich großes, von vier starken Mauern umgebenes Campo santo birgt die Gebeine der einstigen Grafen, und bronzene Gedenktafeln theilen die Namen etc. etc. der  Todten den Lebenden mit. Ein Tannengehege umgibt den noch neuen Bau, in dem die verschiedenen, oft schon Staub gewordenen Reste der Lynare der letzten Jahrhunderte erst vor wenigen Jahren mit dem ganzen vorrechtlichen Ehrengepräge ihres Standes beigesetzt wurden. Am Nachmittage, nach einem Diner, in dem wir eine der Schattenseiten von Lübbenau kennen lernten, bestiegen wir einen jener flachen Kähne, die nur in sandigen, ruhigen Gewässern verwendet werden. Eine Bank mit Lehne gab uns in dem ziemlich vier Fuß breiten Fahrzeuge einen ziemlich komfortablen Sitz, und „Polenz“, der Gondolier, ergriff das Ruder, um uns durch das landschaftliche Venedig zu führen. Die Strahlen der Sonne stachen noch mächtig, als wir aus den dunklen Parkanlagen von Lübbenau in einen der unzähligen Arme der Spree fuhren, bald aber befanden wir uns in dem Bereich des Dorfes Lehde und in dem Schatten seiner einzelnen Gehöfte.

Polenz berichtete uns hier in seiner eigenthümlichen Aussprache (er begleitete die Anfangsvocale stets mit einem vorherigen H, ließ dasselbe aber, wo es vorhanden, fort), „daß Lehde hinsofern hein öchst merkwürdiger Hort sei, hals daselbst 34 Grundbesitzer hund 32 Nachtwächter wären“, da nämlich jeder dieser ersteren verpflichtet wäre, eine gewisse Zahl von Nächten zu wachen, zu Kahne die Besitzungen zu umfahren hätte, und daß hiervon nur der Schulze und der Schullehrer ausgenommen wären. Es waren trauliche Enclos, umgeben von hohen Bäumen, Fischbehältern, allen möglichen Geräthschaften und Sachen, die dem Genremaler ein so wichtiges Beiwerk für das Interesse seiner Bilder liefern, und die, wie alle Zufälligkeiten, nicht componirt werden, sondern nur durch das unmittelbare Schöpfen aus der Natur dem Bilde den Reiz der Wahrheit geben können. Die Bewohner lagen größtentheils ihrer Sonntagsbeschäftigung ob, d. h. sie thaten nichts, und selbst das Grüßen unseres „Fuhrmannes“ schien hin und wieder störend auf sie einzuwirken, da der Dank erst spät, wie ein fernes Echo nachfolgte. Am lebendigsten waren noch die Hunde, die entweder bellend an ihren sie fesselnden Stricken emporsprangen oder den Kahn am Ufer, so weit es möglich, verfolgten, und die Rinder in ihren Ställen, aus denen sie nur zu Markte oder zur Schlachtbank geführt werden. 

Bei einem einzeln stehenden Hause, an dem mit großen Buchstaben das Wort „Wotschowska“ stand, neben der Försterwohnung, legten wir an, und bald breitete eine alte Eiche, unter der vor langen Zeiten Gottesdienst gehalten wurde, ihre mächtigen Aeste über, und eine junge Försterin ihr weißes Tischtuch vor den Fremdlingen aus. Es waren hübsche, freundliche Leute, die uns hier mit der wendischen Gastfreundschaft bekannt machten, und der mürrische Ausdruck der früher erwähnten schwand allmählich aus unserem Gedächtniß. 

Brod, saure Milch und ein Schnaps, der, um einen Docht gegossen, sich nur des darin enthaltenen Wassers wegen nicht als Brennspiritus legitimirt, sind die einfachen Nahrungsmittel, mit denen man unter diesem Urvolke bewirthet wird, und nur an einzelnen bevorzugten Orten kann man, wie wir später erlebten, originell, aber sehr gut zubereitete Fische und Krebse bekommen. Einsam war es da in der Försterei, und die junge liebenswürdige Frau ist, wie sie sagte, nur auf das häusliche Glück angewiesen, und nur ein paar vorüberziehende Fremde bringen einige Veränderung in dies einsame Leben.

Am traurigsten ist es zur Winterzeit, wenn hoher Schnee liegt, oder das dünne Eis noch keine Tragfähigkeit hat und dennoch zu dick ist, als daß ein Kahn durchdringen könnte. Es sieht dann besonders schlimm aus mit den Körpern der Verstorbenen, die alle nach Lübbenau gebracht werden müssen, und denen zu folgen ein Abgesandter jeder der Ortschaften des Spreewaldes verpflichtet ist. Aber dennoch läßt das Völkchen nicht von seinem kleinen Besitzthum und mühsamen Erwerb, und lebt wie seine Voreltern in Sprache und Sitten und wird alt, trotz der fieberschwangeren Dünste, oft bis in die neunziger Jahre.

Unser Steurer führte uns von diesem Haltpunkt aus in einen der neueren Canäle, die sich durch eine große Langweiligkeit auszeichnen, indem sie (natürlich sehr weise und sehr praktisch) nichts als die gerade, zwei Punkte verbindende Linie sind, und bald darauf wieder in einen der Spreearme einmünden. Hier wurde eine andere Art der Weiterbeförderung nöthig, indem des trockenen Sommers wegen theils unser Bootsmann aussteigen und den Kahn über den angeschwemmten Sand ziehen mußte, theils wir uns gezwungen sahen, das morastige, mit hohem Gras und alten Baumstubben bedeckte Ufer entlang zu waten. Aber es war dies nicht das am wenigsten Interessante unserer Fahrt, die bald darauf in dem pittoresken Dorfe Leipe eine abermalige Station erreichte. Herrliche Leute empfingen uns an der Thür des sogenannten Gasthauses mit freundlichem Händedruck, und bald war uns das einfache, aber vortreffliche Mahl auf einem reinen Tuche im Freien servirt und wir umgeben von einem unumstößlichen Beweise vollständigster Eintracht, einem Jagdhunde und einem jungen Reh, während aus einem jenseit des Grabens gelegenen Gehöfte einige neugierige Häubchen durch das Stacket lugten. Am Schluß unseres frugalen Abendessens wurden wir von unseren Berliner Freunden überrascht, und zusammen traten die beiden Kähne die Weiter- und Rückfahrt an. 

Die Abendstunde war herangebrochen, als wir zwischen dem Wurzelwerk, den Stangen und Bretern und den malerischen Strohdächern dahin fuhren. Fast vor jedem Häuschen saßen Weiber und hatten irgend eine Manipulation für die kleine Wirthschaft vor, während die Männer ihre Pfeifen rauchten und die wirklich hübschen Kinder im Wasser herumplanschten oder auf dem Rücken liegend in’s Weltall stierten.

Aber das war auch des Sehens Werth, denn als wir hinaus kamen auf die Leip’sche Spree, da hatten wir den großen, in Licht getauchten Abendhimmel vor uns, am Horizonte verbrämt mit einem violettgrau gefärbten Strich Gewitterwolken, auf dem sich die unzähligen Heuschober absetzten wie die Hütten eines Kaffernkraals. 

Es wird später. Immer mehr verschwimmt Eins in das Andere. Schilf und Stackete bilden riesige Sätze in persischer Keilschrift, die einzeln stehenden Weiden nehmen gespenstische Formen an, und das Licht des an dem dunkleren Theil des Himmelsgewölbes leuchtenden Halbmondes gewinnt an Intensität. Hin und wieder huscht ein stiller Kahn vorüber und das leise Geräusch des Wassers unterbricht auf Augenblicke die unendliche über das Ganze gelagerte Ruhe. Unsere Gefährten schlagen einen andern Weg ein. Es ist noch später, und Bohnenstangen und Röhricht vermischen sich mit dem Kírchthurm von Lübbenau, und Stadt und Dorf und Bäume und Breter bilden eine dunkle Masse, zwischen welcher und uns nur ein kleiner glänzender Streifen des sich im Wasser spiegelnden Nachthimmels den Lauf unseres Fahrzeuges anzeigt. Lautlose Gehöfte schweben an uns vorüber. Nur ein alter, gelangweilter Frosch stößt ein einzelnes „Quak“ aus, was aber unerwidert bleibt. Man hört das Picken der Uhren in den Taschen. Plötzlich schlägt Hundegebell an unser Ohr, und dumpfes Gemurmel verräth uns die Nähe von Menschen. Wir sind unter den Bogen der düstern Allee des Schloßgartens – wir sind zurück in Lübbenau! Wie es Einem oft nach ungewohnter Beschäftigung zu gehen pflegt, so ging es auch mir, denn als ich am Morgen nach jener Fahrt aufwachte, hatte ich die ganze Nacht auf dem Wasser zugebracht und war in einem halben Canot unter fremde Völker gekommen und hatte mich dort in allen möglichen Unsinn, den nur ein Traum mit sich bringen kann, verwickelt. Ich konnte nicht lange davon ausruhen, denn der Kahn erwartete uns schon wieder, und Polenz hatte bereits seine Paar Kruken jenes Lübbenauer Giftes, welches er mit dem wohltönenden Namen „Bier“ bezeichnete, an Bord gebracht. 

Welch‘ herrlicher Morgen! Wieder fuhren wir an den alten Eichen vorüber, die als Flöße am Eingange zum Spreewalde lagen, während sich unter ihnen die Aeste der darüber hängenden Bäume im Wasserspiegel wie urweltliche Seeschlangen in die Tiefe krümmten und wanden, und wieder gelangten wir nach Lehde. Heute, aber schlugen wir von dort aus einen anderen Weg ein, eine andere Grobla (Spreearm) trug uns weiter. Es war ein heißer Tag; die Insecten durchsummten die zitternde Luft, die blauen und grünen Libellen schossen von Halm zu Halm und die Tausende von funkelnden Thautröpfchen, mit denen jedes Gräschen geziert war, konnten der heraufsteigenden Sonne nicht lange widerstehen. Wir schmorten auf unserem Sitze, welcher Zustand fast unerträglich wurde, als wir in einem der künstlichen Canäle das sengende Gestirn gerade vor uns hatten und nur die Kronen junger Bäume einen kärglichen Schatten gaben.

Heut war es lebendiger im Walde; man mähte Gras, schlug Holz, und oft glitten beladene Kähne an uns vorüber und das „guten Morgen“ am Werkeltage klang mir frischer, als an dem Tage Vorher. Nach manchen Kreuz- und Querfahrten kamen wir auf die Mutnitza, den Hauptstrom, der trotz seiner Breite dem Schiffer die meisten Schwierigkeiten macht. Er ist an vielen Stellen sandig und seicht, und oft mußten wir an das hier beinahe unwegsame Ufer, um eine Strecke zu Fuß zurückzulegen. Aber es war doch so schön in dem dickbelaubten, kühlen Urwalde, unter den mächtigen Eichen, Buchen und Erlen, unter denen schon, Gott weiß wer, vielleicht der Wendenfürst Jasko, sein Wesen getrieben haben mag, und die Vögel piepten so lustig über und um uns und Legionen von Sumpfthieren umraschelten uns, aufgeschreckt von dem ungewohnten Feinde. Gegen 10 Uhr gelangten wir endlich an einen Ruheplatz, zu den „drei Eichen“, bei welchen die „Eichschenke“ durch seine corpulente Wirthin ein großes Verdienst für verschmachtende Reisende entwickelt. 

Ich weiß von meinen medicinischen Freunden nicht, ob und in welcher Quantität genossen saure Milch schädlich auf die menschliche Natur einwirkt, so viel aber glaube ich jetzt nach dem Bottich voll in der Eichschenke zu wissen, daß das Resultat auch der allergrößten Portion mich nur am Fortbewegen meiner Person hindern, sonst aber durchaus keinen Nachtheil erzeugen würde. Etwas schwerfällig saß ich auf unserer Bank im Kahn allerdings, als wir weiter fuhren den Strom hinauf, und die Transpiration, als wir wieder in der vollen mittäglichen Sonne schwelgten, war auch wohl einer besonders großen Anhäufung von Flüssigkeit zuzuschreiben. Bekanntschaften hatten wir auch gemacht und uns Freunde erworben, denn die Hunde der Eichschenke begleiteten uns noch ein gut Stück durch das Wasser.

Die Waldung hört auf – größere bebaute Felder schließen die Spree ein, und uralte, mächtige Baumstämme unter denselben deuten noch auf die einstige, vor Jahrhunderten bestandene Verbindung mit ersterer. Unweit der Straubitzer Buschmühle endete unsere Fahrt. Ein Bauerngehöft war der Ort, wo wir unsern treuen Polenz entließen und gastliche Aufnahme für einige Stunde fanden. 

Wie überall im Spreewalde ein sehr wohlgebildeter Menschenschlag zu finden, dem eine außerordentliche Reinlichkeit als Folie dient, so fanden wir auch heut ein paar sehr hübsche Mädchen in einer höchst bescheidenen, aber sauber gehaltenen Wohnung. Mir kommen diese einzelnen Besitzer wie die amerikanischen Colonisten vor, wo jedes Mitglied angewiesen ist, für das Ganze seine Kräfte aufzubieten, denn ein Theil der Kinder kehrte soeben vom Grasmähen zurück und trug dasselbe ein; eine der Töchter war in den Ställen beschäftigt, eine andere fanden wir in der Küche, die hier das Entrée des Hauptgebäudes bildet, während der Vater Einkäufe in der Stadt Cotbus besorgte und sich erst später einfand. Der bringt denn von solchen Ausflügen so manches Neue mit nach Hause, da sonst ziemlich selten ein Geräusch der Welt zu diesen Amphibien dringt. Als wir den 15-16 jährigen Sohn dieser Familie fragten, ob er denn in seinen Mußestunden Bücher lese, antworte er ebenso gut „nein“ wie auf die Fortsetzung der Frage „auch keine Zeitung?“ Es saß sich aber vortrefflich vor dem niedrigen Hause mit der runden Steinstufe vor dem niedrigen Eingänge, und Weinranken, Georginen und Malven waren ein so schöner Schmuck des kleinen sonnigen Gärtchens daneben, wie ihn nur eine Prachtvilla haben kann. Hammel, Katze, Hund und Cochinchinahahn beneideten sich nicht den dürftigen Rasenfleck, sondern genossen ihn zusammen und machten sich die südliche Mittagshitze zu Nutze.

Pferde hatten wir seit unserem Postbedarf nicht mehr gesehen, daher erschien uns die Frage unseres Wirthes fast Wunderbar, ob wir nicht nach Cotbus, wohin uns die Wanderlust trieb, fahren wollten. Wir zogen es aber vor, obigen 16 jährigen Sohn als Begleiter anzunehmen, und machten uns mit ihm gegen drei Uhr auf den Weg, den wir auch trotz gemietheten Wagens in drei Viertelstunden zu Fuß hätten zurücklegen müssen. Das Terrain vor Burg, zu dem unser soeben erreichter Rastort schon gehörte, umfaßt fünf Meilen, und nach dem Kern des selben, gleichsam der Hauptstadt (dem Einäugigen unter den Blinden), richteten wir unsere Schritte. Der Fußpfad führte durch grüne Wiesen und Stoppelfelder, in welchen letzteren die fleißigen Leutchen hackten und die Stoppeln einzeln mit den Händen herauszogen. Unser junger Führer berichtete uns über die, wenigstens für uns, neue Erscheinung, daß mit dem Korn zugleich der Rübensamen gesäet würde, daß die Rübe im Wachsthum zurückbleibe und ihr nun, nach beendigter Ernte des ersteren, durch das Entstoppeln Platz gemacht würde; die großen Haufen solchen kurzen, ausgerodeten Strohes werden als Streu in den Ställen verwendet. Ueberall erblickt das Auge die patriarchalischen Gehöfte, aber jetzt seltener durch Gräben getrennt, und wenn dies der Fall, wenigstens durch eine Art von Brücken verbunden, die von Jedem, der sie betritt, ein gewisses Talent für den Seiltanz beanspruchen.

Nur selten gewährte uns auf dieser Wanderung ein Busch den so sehr bedürftigen Schatten. Immer mehr häßliche, sandige Flecken stellten sich zwischen verbrannten Feldern ein, und unsere gute nordische Kiefer, die man in dem ganzen Spreewalde vergebens sucht, findet wieder einen ihr günstigeren Boden.

In dem Hauptdorfe Burg, das zusammenhängend wie unsere übrigen Dörfer erbaut ist, und in einem so trostlosen Sande liegt, wie ihn nur die gute Lausitz aufzuweisen hat, wurde unser Junge zurückgeschickt, und nach kurzer Rast in der schattigen Laube eines Gasthauses traten wir unsere Weiterreise an. Wenn alle Strauße der Welt sich vereinigten, um durch Majorität zu entscheiden, wo ihnen der liebste Sommeraufenthalt in Deutschland sein möchte, so würde durch Stimmeneinheit die Partie zwischen Gülden und Cotbus gewählt werden, und wenn das Kameel „das Schiff der Wüste“ genannt wird, so weiß ich nicht, ob wir nicht einiges Anrecht auf diese (wenigstens auf die poetische) Bezeichnung zwischen Gülden und Cotbus bekamen. Brennende Sonne, Kieferngehölz, in dem sich die Hitze wie zur Conservirung bis zum nächsten Sommer gelagert, und zolltiefer Mehlsand versetzten uns in einen Zustand, der nicht zu beschreiben ist; und wenn wir gelegentlich stille standen, um einige warme Luft zu schnappen, so war der gegenseitige Anblick so ganz neu, so durchaus dem eigentlichen Individuum unähnlich, daß wir in ein Lachen der Verzweiflung ausbrachen. Nach vierstündigem Wege endlich erschien uns wie ein Himmelszeichen die sehnsüchtig erwartete Spitze des Cotbuser Thurmes, und bald verrieth uns eine halb verkommene Eisenbahn[2], auf der in der Ferne ein von einem Pferde gezogener Waggon brummte, die Nähe der Stadt.                                                                                    

Unseren außerdeutschen Lesern glauben wir die Mittheilung schuldig zu sein, daß der            Spreewald in der preußischen Niederlausitz liegt (Regierungsbezirk Frankfurt a/O.) und in einem sieben Meilen langen Bruch besteht, der, von der Spree vielarmig durchschnitten, bei hohem Wasserstande fast ganz überschwemmt wird und trotzdem sieben Dörfer und viele einzelne Colonien enthält. Der größte Theil dieses interessanten Bezirks ist im Sommer nur auf Kähnen, im Winter nur auf dem Eise zugänglich.  D. Red.


[1] Zusatzkutsche, wenn das Platzangebot der Hauptkutsche nicht ausreichte

[2] Es handelt sich um die 1846  errichtete Pferdebahnstrecke von Cottbus nach Goyatz

Über Peter Becker 282 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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