Das Bescherkind unterwegs in Lübbenau

Im Coronajahr können nicht genug Segenswünsche und Glücksnüsse ausgeteilt werden!

Im Freilandmuseum Lehde wird alljährlich zur Spreewaldweihnacht der Niederlausitzer Brauch des Bescherkindes gezeigt. Der Heimatverein Rubiško hat sich dabei am Jänschwalder Bescherkind orientiert und die Figur weitestgehend an das Original angelehnt. Vereinsvorsitzende Andrea Pursche: „Wir wollten den Besuchern des Freilandmuseums etwas Besonderes, aber auch Authentisches, bieten. Dass dieser Weg richtig war, beweist nicht zuletzt der Andrang der Besucher, wenn wir durch das Freilandmuseum schreiten: Sie wollen vom Bescherkind Trost und Zuversicht vermittelt bekommen und freuen sich über die Wünsche und über die vergoldete Nuss, die wir jedem als Glücksbringer schenken.“ Andrea Pursche hat nicht Aufwand und Mühe gescheut, diese Figur über die Jahre zu etablieren. Sie berichtet davon, dass sie spürt, wie sehr sich „die Menschen da draußen“ nach Glück und Zufriedenheit sehnen. Abwechselnd mit anderen Vereinsfrauen stellt sie das Bescherkind dar oder ist als Begleitperson dabei. Sie erleben dabei so ziemlich alle menschlichen Gefühlsregungen, von Hoffnung auf Gesundheit bis hin zur Verbesserung der persönlichen Lebensbedingungen, manchmal begleitet von Tränen in den Augen. Kinder schauen staunend und voller Erwartung in das verdeckte Gesicht – und sind manchmal auch ein wenig enttäuscht, denn eine Nuss wird nicht von jedem Kind als Geschenk angesehen. Hier hilft dann elterliche Aufklärung über die erste Betroffenheit hinweg. Es kommt sogar vor, dass Gäste ihre Nuss vom Vorjahr dabeihaben und nur eine neue Segnung wünschen. All das kommt bei den Organisatoren gut an, denn es zeigt, dass das Bescherkind einen festen und nicht wegzudenkenden Platz im Ablauf der Spreewaldweihnacht hat.

In diesem Jahr finden bekanntlich keine Veranstaltungen im Freilandmuseum Lehde statt. „Aber das Bescherkind soll dennoch stattfinden, gerade in dieser Zeit, in der wir Menschen Hoffnung und Zuversicht mehr denn je brauchen“, sagt Andrea Pursche. Im Rahmen des Lübbenauer Adventskalenders, eine Aktion der Altstadthändler IGEA, öffnete sich am 9. Dezember die Tür der Lübbenauer Touristinfo am Kirchplatz. Mit Abstand, gewährleistet durch eine etwas längere Birkenrute, wünschte das Bescherkind in Begleitung von Nadine Feist Ehrerbietung mit Glück und Segen; das Streicheln der Wange musste leider entfallen. Dafür war der Mundschutz des Bescherkindes überflüssig, denn das mehrfach bedeckte Gesicht bot so etwas wie Vollschutz. Die vergoldete Nuss, überreicht von der Begleiterin, wurde sehr dankbar angenommen. Zu den ersten, die die Wünsche entgegennahmen, gehörten die Mitarbeiterinnen der Touristinformation, die benachbarten Geschäftsinhaber Jana und Uwe Pielenz sowie deren Kundin Sandra Pfeiffer aus Boblitz.

Zum traditionellen Hintergrund:

Die Tracht des „Janšojski bog“, wie das Jänschwalder Bescherkind muttersprachlich genannt wird, wird aus den schönsten Teilen der niedersorbischen Tracht zusammengestellt. Den Kopfputz zieren Hochzeitsgirlanden und Kränze von drei Brautjungfern. Vor dem mit weißem Tüll verdeckten Gesicht hängen noch bunte Bänder und Ketten. Niemand soll das Bescherkind erkennen – das würde Unglück bringen. Über einem roten Bandrock werden zwei weiße Schürzen und bunte bestickte Rockbänder von anderen Röcken angesteckt. Der Brauch entstammt der Spinnte, zu der die Mädchen des Dorfes von Mitte Oktober bis zum Aschermittwoch allabendlich in einem der Bauernhäuser zusammenkamen. An den Abenden vor Weihnachten traf man sich zur letzten Spinnte des Jahres. Das Mädchen, welches im nächsten Jahr heiraten sollte oder das älteste Mädchen, wurden von den anderen ausgewählt und als Bescherkind angekleidet.

Unmittelbar vor Weihnachten tauchte das Bescherkind mit zwei Begleiterinnen in den Stuben der Dörfler auf. Es klopfte mit der Rute ans Fenster und wurde in freudiger Erwartung eingelassen. Das Bescherkind legt eine Birkenrute, die „Lebensrute“ auf die Schulter und streichelt die Wange der Familienmitglieder. „Ich gebe dir Glück und Segen“, lautete dabei stets die Ehrerbietung des Bescherkindes. Die Begleiterinnen übergeben danach ein kleines Geschenk. Meist war es schon an den Vortagen heimlich vom Familienvater in der Spinntestube abgegeben worden.

Peter Becker, 08.12.20

Über Peter Becker 188 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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