Ein Kurhaus, das keines war

Kurhaus Burg

Ein Burger Traditionshaus mit wechselvoller Geschichte – vom Hotel zum Sitz der sowjetischen Kommandantur.

Fotoalbum

Um 1860 kannte wohl jeder im Burg die Pankoa. Das waren fast vierzig Morgen Land, benannt nach Christian Pank. Er war Dorfschulze von Burg und betrieb eine kleine Gaststätte, direkt an der Spree gelegen. Wie damals üblich, war es nur eine kleine Schankstube, die sich im der Bauernwirtschaft befand. Es gab darüber hinaus noch ein paar einfach gehaltene Kammern in einem Nebengebäude, das bald den Namen Logierhaus erhielt. Als Übernachtungsmöglichkeiten für Durchreisende schien es ausreichend zu sein, Urlauber gab es damals noch nicht. Auch Lübbener Fährleute sollen diese Gelegenheit ab und zu genutzt haben. Hinzu kamen die damals ebenfalls üblichen Ausspanngelegenheiten für Pferde, vornehmlich für den Kutschverkehr. Für einen Landgasthof wie den Pank’schen kein besonders hoher Aufwand – Futter und Stallungen waren vorhanden.

Später verliert sich der Name Pank. Vermutlich hatte er nur Töchter. Eine hat einen Bartusch geehelicht, deren Tochter Valeska heiratete den Gymnasiallehrer Friedrich Raedsch. Dieser Name taucht in einem Kaufvertrag von 1910 auf. Johann Friedrich Domann kauft ihm für seinen Sohn Fritz die Gaststätte und wohl auch die Pankoa ab. Das Land wird bald wieder verkauft, um einen Saalanbau finanzieren zu können. Vorm 1. Weltkrieg erlebte der Ausflugsverkehr in den Spreewald eine erste Blütezeit. Die Schmalspurbahn brachte von Cottbus die Besucher ins bis dahin ziemlich abgeschiedene Burg. Gaststätten profitierten davon, viele erweiterten ihre Gasträume und schufen Fremdenzimmer.

Unmittelbar vor Kriegsausbruch wird der Saal mit Bühne und großer Mitteltreppe fertiggestellt. Es folgen düstere Jahre, die mehr schlecht als recht überstanden werden. Doch 1923 musste verpachtet werden, vermutlich reichte Kraft und Geld nicht mehr aus. Unter Hermann Wicher, dem Pächter, erfolgte in wieder besseren Zeiten der Anbau der Veranda. Um den Tourismusverkehr wieder anzukurbeln und den Urlaubern einen gewissen Anreiz zu geben gerade hier abzusteigen, wurde das Haus 1931 in Kurhaus Spreewald umbenannt. Namensvergaben schienen wohl damals ohne Prüfung der näheren Umstände möglich gewesen zu sein. Von Kurbetrieb im herkömmlichen Sinn konnte keine Rede sein, wenn auch in der Werbung ab und zu vom Großstädter die Rede ist, der sich auf der Liegewiese oder bei einer Kahnfahrt „auskurieren“ kann. Das Haus verfügt um 1934 über 20 Fremdenzimmer, „fließend Wasser und Bad im Hause“, wie Fritz Domann in einer Werbeanzeige mitteilt. Das Haus war in diesen Jahren Vertragspartner des DDAC, des Deutschen Damen-Automobilklubs.

Nach Streitereien mit dem Pächter hat Fritz Domann wieder die Leitung des Hauses selbst in die Hand genommen. Fritz Domann verstirbt zwei Jahre später. Seine Witwe sucht nach einem Pächter, den sie in einem Weltkriegskameraden ihres Mannes fand – Jakob Müller[1]. Der hatte die Schmogrowerin Marianne („Ria“) Schötz geheiratet und lebte inzwischen in Köln. Der Umzug der Familie in den Spreewald erfolgte umgehend. Neben Sohn Otto, der später im 2. Weltkrieg fiel, gehörten dazu die Ziehkinder und Zwillinge Gertrud und Maria. Ihre Mutter, eine Schwester von Jacob Müller, verstarb früh. Der neue Gastwirt kann auf dem von seinem verstorbenen Kameraden geschaffenen Fundament aufbauen und das Kurhaus erfolgreich führen.

Die Cottbuser Industrie- und Handelskammer drängt 1942 auf Namensänderung. Zu offensichtlich war wohl der reine Werbeaspekt ohne Hintergrund – ein Kurhaus ohne Kuren. Eine Namensänderung in Kurhotel stellte da einen gewissen Kompromiss dar. Kuren konnten die Gäste ja woanders, einer Übernachtung im Kurhotel stand nichts im Wege. Vermutlich wurde das Haus in den letzten Kriegsjahren als Lazarett genutzt und kam dadurch seinem alten Namen, wenn auch unfreiwillig, wieder näher als gewollt.

Im Frühjahr 1945 zog die sowjetische Militärkommandantur ein. Dem Pächter Jakob Müller wurde die Führung des Kurhotels untersagt, obwohl er ein im Grundbuch eingetragenes Vorkaufsrecht hatte. Wohl wegen seiner (vermuteten) Nähe zur NS-Diktatur wurde er sogar für zwei Tage in einem Verschlag auf dem Kurhotelgelände eingesperrt. Nach Klärung der näheren Umstände konnte er dann die in der Nachbarschaft gelegene Bleiche-Gaststätte übernehmen. Sie war zu Kriegszeiten ein Gefangenenlazarett und sollte wieder ihren Gaststättenbetrieb aufnehmen.

Der Witwe Domann blieb nichts Anderes übrig, als mit ihrer Tochter allein das Haus durch extrem schwierige Zeiten zu führen. Als 1946 Sohn Hans Domann aus der Gefangenschaft heimkehrt, schien es aufwärts zu gehen. Dessen Hilfe war mehr als nötig geworden, denn die beiden Frauen schafften die Landwirtschaft als Haupternährungszweig kaum. Der Gaststättenbetrieb war unmittelbar nach dem Krieg und den ersten Jahren danach praktisch zum Erliegen gekommen. Hans Domann hatte eigentlich andere Pläne, fügte sich aber dann der Notwendigkeit. Ein Vertrag mit dem gerade erst gegründeten Freien Gewerkschaftsbund Deutschland (FDGB) bescherte schon 1948 die ersten zwölf Urlauberbetten dauerhaft für das Haus. Hinzu kamen noch die Vertragsgäste, die im Umfeld wohnten, aber ins Kurhaus zum Essen kamen. Im gleichen Jahr heiratet Hans Domann die Radduscherin Getrud Buchan. Sie wird sich in den folgenden Jahrzehnten in der Küche des Hauses beweisen und somit wesentlich zum guten Ruf des Lokals beitragen. Erst 1983, nach 35 Jahren Dienstjahren, zieht sie sich zurück.

Anfang der fünfziger Jahre war das Haus mit seinen beiden großen Sälen ein Kinderferienlager. Jeden Freitag fand auch eine Landkinoveranstaltung statt. „Für 85 Pfennig gab es die neuesten Kinofilme zu sehen“, erinnert sich Anwohner Fritz Lukas. Er kann sich auch an den großen „Rummel“ erinnern, als der damalige DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl mit dem Kahn aus Burg kommend, am Kurhotel anlegte.

Ende der fünfziger Jahre steht wieder eine Umbenennung an. Nun ist auch der Begriff Kurhotel dem Besitzer selbst nicht mehr zeitgemäß und er beantragt die Namensänderung in Hotel zum Spreewald. Erst nach mehreren Anläufen wird das genehmigt. Beliebte Tanzorchester wie Unisono und das des Berliner Rundfunks unter Leitung des in Burg geborenen Günther Gollasch, gastieren häufig im Haus. Die Verträge mit dem FDGB und die vielen Tagestouristen stellen die Mitarbeiter vor große Herausforderungen. Die Küche wird zwar noch einmal umgebaut, aber mehr als fünf Servicekräfte werden staatlicherseits nicht genehmigt. In den Sommermonaten arbeitet das Personal fast bis zur Erschöpfung und manchmal darüber hinaus – vom Montag bis Sonntag. Das gut geführte und erfolgreiche Haus muss wohl dem Staat zu viel Privatwirtschaft gewesen sein. Der FDGB drängte auf Verkauf – an sich selbst. Sich der allgemeinen Situation im sozialistisch geprägten Umfeld bewusst, gab Hans Domman 1977 nach. Aus dem Hotel wird ein FDGB-Heim, dass wirtschaftlich zur eineinhalb Kilometer entfernten „Bleiche“ zugeschlagen wird. Das Heim „Zum Spreewald“ wird 1986 rekonstruiert, 61 Zimmer stehen nun zur Verfügung.  Zur Wende wird das Haus von der Treuhand der Gemeinde zum Verkauf angeboten. Ebenso wie die Bleiche wird das Kurhaus 1993 verkauft, der Nettoerlös aus beiden Verkäufen kommt der Gemeinde zu Gute. Mit dem Eigenkapital kann die Gemeinde Fördermittel für wichtige Strukturmaßnahmen akquirieren. 1993 übernimmt Volker Ehrlich das Haus, das sich der Tradition entsprechend bald wieder Kurhaus zum Spreewald nennt. Im Rahmen einer Zwangsvollstreckung erwirbt 2003 die Catering Service GmbH das Objekt. Danach erfolgt 2004 eine Instandsetzung und Übernahme des Hotels durch PCS GmbH Cottbus. Im Rahmen einer Neuplanung des Gesamtobjektes wird im Oktober 2011 der Hotelbetrieb stillgelegt und ist noch nicht wieder aufgenommen worden (Stand 2015).

 

 

 

Zeittafel Kurhaus Burg [5]

1860 Vermutl. erste Erwähnung, Besitzer Christian Pank, Gemeindevorsteher Burg-Dorf, 5 – 10 ha Landwirtschaft („Pankoa“ werden die Ländereien genannt)

Ländlicher Gasthof mit einfacher Übernachtungsmöglichkeit für Gäste und Lübbenauer Fährleute, Blockhaus als Logierhaus, Pferdeausspannmöglichkeit.

Pank hatte offenbar keine männlichen Nachkommen, deshalb tauchen (vermutlich die Ehemänner der Tochter/Töchter) andere Namen auf: Bartusch, Raedsch, die verpachtet haben sollen

1910 Kossät Johann Friedrich Domann kauft für seinen Sohn Fritz vom Gymnasiallehrer Friedrich Raedsch und seiner Ehefrau Valeska (gebn. Bartusch) die Gaststätte. Nach Verkauf der Pankoa wird der große Saal (14 x 17 m) erbaut
1913/14 Saalbau mit Bühne und großer Mitteltreppe
1923 Verpachtung an den Kolonisten Hermann Wicher
Um 1930 Anbau Veranda, um Fremdenverkehr nach Wirtschaftskrise wieder anzukurbeln, Namensvergabe „Kurhaus Spreewald“, ohne tatsächlich ein Kurhaus zu sein.
1933 Nach Streitereien mit dem Pächter Wicher übernimmt Fritz Domann wieder die Gaststätte bis zu seinem Tod (1936). Seine Frau … Domann verpachtete es an einen Regimentskameraden ihres Mannes: Jakob Müller aus Köln (dessen Frau Marianne Schötz stammte aus Schmogrow)
1931 – 1942 „Kurhaus Spreewald“
1942 Cottbuser IHK drängt auf Namensänderung in „Kurhotel“
1945 Sitz der sowjetischen Kommandantur, Jakob Müller wurde die Geschäftsführung verboten. Mutter und Schwester des Hans Domann übernehmen die Geschäfte
1946 Nach Rückkehr aus der Gefangenschaft übernimmt Hans Domann (trotz „geringer Neigung“) die Gaststätte
1948 Erster Vertrag mit dem FDGB für 12 Urlauber
1948 Hans (Johannes) Domann heiratet die Radduscherin Gertrud Buchan[2] (1923), diese führt bis 1983 die Küche des Hotels
1958 Umbenennung „Hotel zum Spreewald“: Beliebte Tanzorchester wie Unisono und des Berliner Rundfunks unter Leitung des in Burg geborenen Günther Gollasch gastieren im Haus
Nach 1960 Umbauten Küche, große Arbeitsbelastung für die fünf Mitarbeiter (mehr wurden nicht genehmigt)
1977 Hans Domman verkauft das Haus an den FDGB
1990 Treuhand stellt der Gemeinde das Haus zum Verkauf zur Verfügung
1993 Familie Volker Ehrlich übernimmt das Haus
2003 Zwangsvollstreckung
2004 Übernahme durch PCS Cottbus
2011 Einstellung des Hotelbetriebes wegen Neuplanung/Umbau

 

[1] Jacob Müller: 1888 – 1963, Ehefrau Marianne: 1886 – 1968, Sohn Otto: 1910 – 1942

[2] Tochter Anneliese verh. Carmesin

 

Peter Becker, überarbeitet Januar 2017

s.a. Becker/Franke: Spreewald kulinarisch, Limosa 2015

Über Bomenius 118 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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