Die Dubkowmühle

Dubkowmühle

Es kann leicht passieren, dass der etwas zu sportlich veranlagte Radwanderer auf einem Weg nach Leipe oder in der Gegenrichtung nach Burg einfach so vorbei zieht. Besonders dann, wenn sein Blick auf die andere Straßenseite gelenkt wird, wo in der Steppenlandschaft häufig Rehe grasen oder Greifvögel durch die Buschlandschaft streichen. Auf der gegenüber liegenden Seite liegt etwas versteckt – die Dubkowmühle. Hier sollte jeder innehalten, diesen geschichtsträchtigen Ort sollte sich entgehen lassen.

Fotoalbum

An der erst 1969 gebauten Straße zwischen Burg und Leipe gelegen, bietet die ehemalige Mühle, in der schon seit 1919 kein Korn mehr gemahlen wird, eine willkommene Gelegenheit zum Verweilen: Moderne Gastronomie, gepaart mit dem Flair der Geschichte.

Die Dubkowmühle ist mit ihrer eigenen Kahn- und Paddelbootanlegestelle auch bei Wassertouristen sehr beliebt: Wer von Burg nach Lübbenau oder umgekehrt unterwegs ist, wird fast immer hier eine Rast einlegen. Die Route auf der Hauptspree ist nicht die einzige Verbindung zwischen den Orten, aber wohl die beliebteste. Die Spree ist breit und leicht befahrbar, Schleusen bieten einen zusätzlichen Anreiz für die Wasserwanderfreunde. Mitten durch ausgedehnte Weide- und Buschlandschaften führt ein beliebter Rad- und Wanderweg, fernab jeglichen Verkehrs, aus Richtung Raddusch an der dortigen Buschmühle vorbei, um nur einen reichlichen Kilometer später auf die Dubkowmühle zu stoßen. Auf den sumpfigen Wiesen am Wegesrand sind Störche in Dutzenden zu beobachten, mit etwas Glück zieht ein Rudel Rothirsche vorbei, den Luftraum teilen sich Rotmilan, Fisch- und Seeadler. Kurz vor der Dubkowmühle zweigt der Weg nach links in Richtung Boblitz und Lübbenau ab. Rechts leuchtet das rote Dach der ehemaligen Mühle durch die Büsche und Bäume hervor. Bei günstigem Wind sind die Geräusche aus dem Biergarten und das Sprudeln des Wassers an der Schleuse zu hören. Der Anradelnde wird an der Brücke über die Spree auf einem Hinweisschild aufgefordert, doch vom Fahrrad abzusteigen – ein völlig überflüssiger Hinweis, denn die zwölf Stufen wird wohl niemand hinauf- und dann wieder hinunterfahren wollen! Deutsche Bürokratie eben, die für Radwege so etwas vorschreibt (5).

 

Geschichte

Im gleichen Jahr 1701, als Friedrich der I. in Königsberg König von Preußen wurde und damit den Aufstieg zur europäischen Großmacht einleitete, erhielt der Walkmüller Georg Schramm aus Neu Zauche von Friedrich Casimir Graf zu Lynar die Erlaubnis, in dem unbewohnten Forstort Dubkowa (niedersorb. dub = „Eiche“) anstelle der bisherigen alten Radduscher Wassermühle rechtsseitig eine neue aufzubauen. In der Folgezeit wurde kräftig Hand angelegt, der Graf unterstützte mit Baumaterial, schließlich sah er in der Mühle auch eine zukünftige Einnahmequelle in Form von Steuern und Abgaben. „Wenn alles fertig ist, soll alles taxiert werden. Schramm will die Mühle bis nächsten Michaelis fertig stellen; mahlpflichtig sind alle Einwohner von Raddusch, Dlugy (Fleißdorf) und Naundorf; Schramm gibt 36 Scheffel Kornpacht, soll einen Jagdhund für den Herrn und 3 Kühe halten“, so der gräfliche Kontrakt. Am 16.10.1702 wird die Mühle abgenommen, aber schon bald übergibt Schramm die Mühle wieder an seinen Sohn Martin und geht zurück nach Neu Zauche; Martin wird Erbmühlmeister. Die bis dahin in Pacht stehende Mühle kann er 1714 für 150 Reichstaler vom Grafen abkaufen, muss aber weiterhin für dessen Jagdhunde sorgen. Zusätzlich bekommt er die Erlaubnis, „ein Gericht Fische“ zu fangen, also so viel, wie seine Familie benötigt.

Die Zeiten sind schwer, der Nordische Krieg (1700 – 1721) belastet die Bevölkerung enorm, besonders die Einquartierung schwedischer und sächsischer Truppen in der Niederlausitz. Martin Schramm starb 1721 und die Mühle sollte wegen großer Abgabenrückstände zwangsversteigert werden, aber seine Witwe Catharina Schramm konnte dies durch zahlreiche Bittgesuche an die Grafschaft letztlich noch verhindern. Hinzu kam der nun glückliche Umstand, dass sich der Sohn Johann George in die reiche Müllerstochter Maria Elisabeth Müller aus Burg verliebte und die Mühle somit gerettet war. Ihre Tochter Margaretha wird drei Jahre später geboren, kann aber wegen Eisgang auf der Spree nicht nach Lübbenau zur Taufe gebracht werden. Die Taufe erfolgte deshalb in der Dubkowmühle, wie die Chronik berichtet. Der Dubkowmüller erhielt am 21. Januar 1737 das Schankrecht und durfte fortan Branntwein herstellen – die Geburtsstunde der Gaststätte. Bei der Durchsetzung der Mahlpflicht in den umliegenden Dörfern gab es allerdings zahlreiche Schwierigkeiten. Die meist des Lesens und Schreibens unkundigen Bauern taten so, als hätten sie  keine Kenntnis von dieser Regelung. Die Ausrufer haben daher ab sofort auch zweisprachig (deutsch, wendisch) diese gräfliche Weisung in den Dörfern verkündet, denn angeblich konnte man selbst die ursprünglich deutsche Anordnung auch nicht verstehen – bäuerliche Schläue eben. Erschwerend wirkte sich auch die 1777 in Raddusch erbaute Buschmühle auf die Umsetzung des Mahlzwangs aus, denn die Radduscher fielen somit als Kunden für die Dubkowmühle aus.

Ein verheerender Brand (es soll Brandstiftung aus Eifersucht gewesen sein) vernichtete 1791 fast alle Leiper Häuser und auch die aus Erlenbohlen bestehende Mühle. Der Neubau wurde dann als Fachwerk errichtet, so wie er heute noch existiert.

Die Mühle wurde in der Folge von Generation zu Generation über Söhne und Schwiegersöhne vererbt. Vor dem 1. Weltkrieg ging die Mühle wegen Steuerschulden in den Besitz des Provinzialverbandes Brandenburg über, 1919 wurde das letzte Mal Korn gemahlen und es verblieb nur noch der Gaststättenbetrieb. In „Griebens Reiseführer“ von 1922 ist aufgeführt, dass es „eine einsame Wassermühle ist, wo der Kahn durchgeschleust werden muss.“ Die letzte Pächterstochter, Wilhelmine Grassow heiratete den Naundorfer August Konzack („Onkel August“, wie er in der Gegend später genannt werden sollte). Erst 1958 bekam die Gaststätte den Anschluss an das Stromnetz. Der findige August Konzack warb schon in den dreißiger Jahren mit „elektrisch Licht“, dass er allerdings aus einer Batterieanlage gewann. Bis zum Anschluss an das öffentliche Netz herrschten Karbidlampen vor. Der dafür notwendige Gasentwickler stand praktischerweise in der Küche der Gaststätte. 1969 erfolgte dann der Anschluss an das öffentliche Straßennetz. Trinkwasser wurde bis 1984 aus dem Graben, der östlich an der Mühle vorbei floss, gewonnen, später und bis zur Wende aber dann aus einem Tankwagen bezogen.

Ein Neffe von August, Erich Konzack, erbte 1975 die Gaststätte und führte in den Folgejahren mehrere Umbauten durch. Die Gaststätte wurde wegen ihrer zentralen Lage im Spreewald schon immer gern besucht, wenn auch die Versorgung in den Achtzigern wohl öfter mal problematisch war. So war sie einmal mitten in der Saison „wegen Krankheit“ geschlossen – so umschrieb man gelegentlich den Umstand, eigentlich nichts verkaufen zu können. „Zwei von uns tranken auf der Wiese Whisky mit Soda, die andern neun saßen so da“ reimte eine launige Brigade von der LPG „Ernst Thälmann“, Missen in einem am 18.06.1986 nachgeholten Gästebucheintrag.

Nach der Wende besuchten auch zahlreiche Prominente aus Ost und West die Gaststätte, einer der ersten war Rudi Carrell, der ins Gästebuch schrieb: „Hier lass’ ich mich überraschen!“. Helga Hahnemann und Maxi Biewer waren ebenso  zu Besuch wie Lothar de Maizière, Reinhard Bütikofer und immer mal wieder auch Politiker aus der Brandenburger Landesregierung.

Ilona Konzack übernahm 2005 die Gaststätte von ihrem Vater, die erste Frau in der nun schon über 300 Jahre alten Geschichte der Besitzer der Dubkowmühle.

August Konzack – „Onkel August“ – schon zu Lebzeiten eine Legende

Wilhelmine, 1893 als Tochter des Leiper Dubkowmühlen-Pächters Grassow geboren, hatte ein Auge auf August Konzack geworfen. Diesem gefiel natürlich auch die Wilhelmine, aber sicher auch die Möglichkeit, mal eine Gaststätte zu führen und Gäste zu bewirten. August Konzack wurde am 15.07.1891 in Naundorf geboren und half bis zu seiner Einberufung 1913 dem Vater in dessen Landwirtschaft. Im Weltkrieg wurde August Konzack zweimal schwer verwundet und erst im Dezember 1918 aus einem Lazarett entlassen.

Am 2. Mai 1919 heiratete August Konzack seine Wilhelmine, aus der Ehe gingen später die Kinder Hildegard und Kurt hervor. Bald danach, am 1. April 1922 konnte er auch die Gaststätte pachten. Der Pachtzins betrug damals das 222-fache des Wertes eines Zentners Heu, weil man sich in der Inflationszeit nicht auf einen Geldbetrag einigen wollte.  August Konzack erkannte schnell die Zeichen der Zeit: Auch diese Krise wird mal vorbei sein und dann muss man für den Aufschwung gewappnet sein. Er ließ das überflüssig gewordene Wasserrad abbauen und nutze den nun freien Raum für Gaststätte und Pension. Das Lokal erfreute sich bald zunehmender Beliebtheit unter den oft weit her gereisten Gästen. August Konzack konnte 1934 das Mühlengrundstück für 15 000 Reichsmark erwerben. Dazu nahm er ein Darlehen in dieser Höhe auf, die  monatliche Rate betrug 87,50 Reichsmark. Offensichtlich wurde der Kredit nicht regelmäßig bedient, denn Großneffe Erich Konzack, der spätere Erbe, musste noch 1975 Restzahlungen leisten.

August Konzack erkannte sehr bald den Wert einer guten Reklame: „Mein Lokal liegt mitten im herrlichen Spreewald, in der Nähe des Lagunendorfes Leipe. Kahnfahrten, Angeln und Baden nach persönlichem Belieben und alles ohne Sonderkosten. Tägliche Rundfahrten in die weitere Umgebung, ebenfalls gratis. Die Verpflegung umfasst 5 Mahlzeiten, ist erstklassig und reichlich. Auch die Kosten sind angemessen, 3 Reichsmark pro Tag bei vollständiger Pension – ich erwarte Sie. Essen, Trinken, Tanzgefühle kriegt man in der Dubkowmühle!“  Die Erfindung des Inklusivurlaubs! (13, 15, 53, 6, 7)

August wusste auch um die Bedeutung der Legendenbildung fürs Geschäftliche: Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Ochsenfrosch, der angeblich im Keller angekettet sei und trunkenen Gästen den Heimweg weisen würde. Der Wirt scherte sich kaum um Regelungen und Formalien, er ging oft stur seine eigenen Wege. In seinem Nachlass, der erst 2010 bei Renovierungsarbeiten auf dem Spitzboden der Dubkowmühle in mehreren Koffern gefunden wurde, stapeln sich Mahnungen, Einladungen zu Gerichtsverfahren und Strafbescheide wegen nichtbezahlter Rechnungen und anderer Verpflichtungen. Mit Papieren wollte er nichts zu tun haben, sie bedeuteten ihm nichts. Selbst ein Gestellungsbefehl zum Ende des 2. Weltkrieges zeigte keine sonderliche Wirkung: So soll er im Frühjahr 1945 dieser Einberufung zum Volkssturm zwar erst mal gefolgt sein, aber auf dem Weg nach Raddusch hat er einfach kehrtgemacht und zu Hause gesagt, „das ist doch alles Quatsch!“ Diese Verweigerung hätte ihn das Leben kosten können, aber bis zur abgelegenen Dubkowmühle drang weder das deutsche noch später das russische Militär vor. Hier hatten sich zu Kriegsende Hunderte Menschen auf der Flucht eingefunden, die von August Konzack täglich mit Kohlrübeneintopf versorgt wurden. Tatkräftige Unterstützung bekam er von Elisabeth Konzack, der Mutter seines späteren Erben Erich Konzack. Diese Frau lebte später in Heidelberg, kam aber nach der Wende zurück und half wieder in der Gaststätte mit. „Sie war eine sehr bescheidene, fleißige und disziplinierte Frau. Jeden Tag in der Saison konnte man sie ab 8 Uhr morgens in der Waschküche finden beim Kartoffelschälen, an manchen Tagen schaffte sie bis zu 15 Eimer“, erinnert sich die heutige Besitzerin, Ilona Konzack. Aber damals herrschte erst mal große Not, es ging um die tägliche Mahlzeit bei ungewissen Zukunftsaussichten. Bei aller Unterstützung musste sich August Konzack dennoch später einen bitterbösen Brief seiner damals bei ihm untergekommenen Verwandtschaft gefallen lassen, die er wohl sehr nachlässig behandelt hatte. „Euer bisschen Verstand ist seit langem von Geldgier und Raffsucht umnebelt“, heißt es 1946 in einem „Dankesbrief“ von den inzwischen im Westen angekommenen Verwandten. Dieser Einschätzung steht allerdings seine Großzügigkeit bei Zahlungsverpflichtungen seiner Gäste gegenüber: Wer nicht zahlen wollte oder konnte, musste eine Kerbe in ein Kantholz ritzen, welche der Wirt unter Verschluss aufbewahrte (4). Diese kann man noch heute in der Gaststätte sehen, allerdings als Nachbildung. Die Originale sind –aus „nachvollziehbaren Gründen“- verschwunden!

Mit der Hygiene nahm es August Konzack auch nicht so genau: Die Toilettenanlagen der Gaststätte waren in einem unzumutbaren Zustand und stellten eine „Seuchengefahr“ dar, wie aus dem Schreiben der Kreishygieneinspektion Calau zu entnehmen war. Wasser für die Speisezubereitung wurde damals aus einem Tankwagen, sonstiges Gebrauchswasser aus dem Fließ entnommen.  Vorangegangene gebührenpflichtige Verwarnungen der Hygieneinspektion ließ er außer Acht. Mehrmalige Kontrollen und Auflagen der Behörden missachtete er derart, dass ihm 1967 staatlicherseits verboten wurde, Speisen anzubieten. Lediglich die Abgabe von Flaschengetränken wurde ihm noch erlaubt. Dennoch ließ sich August Konzack nie die Laune verderben und gefiel sich offensichtlich in der Rolle des „Spreewald-Schweijk’s“.

Große Unterstützung erhielt er nach dem frühen Tod seiner Wilhelmine 1964 durch seine Schwägerin Anna Grassow (1895 – 1977), die die Küche ebenso wie die Buchhaltung und wohl auch ihn selbst im Griff hatte. Bei der bekannten Abneigung August Konzacks gegenüber allem Schriftlichem war sie die alles rettende gute Seele. Anna Grassow war leicht gehbehindert und hatte nie geheiratet. Sie war keineswegs auf den Mund gefallen, ihrem Schwager drohte sie schon mal an, ihn mit „gebrannter Asche“ einzureiben, wenn er nicht machte, was sie wollte. Er wiederum schimpfte auf ihren Putzfimmel: „Schenk‘ lieber ein, als dauernd mit’n Putzlappen rum zulaufen“, bekam sie wiederum öfter zu hören.

In seinem Testament richtete der dankbare August Konzack ihr ein dauerhaftes Wohnrecht auf Dubkow ein. Ihren Platz nahm 1992 ihre Nichte, August Konzacks Tochter, Hildegard Hilgner (1920 – 2008) für eine Zeit ein, die aus Aachen an ihren Geburtsort zurückgekehrt war und sich in das Geschäft einbrachte.

August Konzack ging es in den letzten Lebensjahren nicht mehr gut, er litt an Diabetes und wegen des Krankheitsfortschritts sollte ihn in Lübben ein Bein amputiert werden. Dies wies er lautstark von sich: „Ihr sollt mir mein Bein gesundmachen und es nicht abschneiden!“ Seine Erkrankung soll ein Grund dafür gewesen sein, dass er seinen Kahn oft kniend stakte. Dafür hätte es aber auch andere Gründe geben können, wie in der Gegend erzählt wird: „Der brauchte das Rudel, um sich daran festzuhalten!“

Als er 1974 starb, holte der Radduscher Kahnfährmann Rudi Noack, sein ehemaliger Friseur, mit dem Kahn den Sarg vom Tischler im Groß Lübbenauer Hafen ab und brachte ihn nach Dubkow. Zur Beerdigung auf dem Radduscher Friedhof kamen sehr viele Menschen. Kaum war der Sarg unter der Erde, soll es ein schlimmes Unwetter gegeben haben. „Der Himmel weigert sich, ihn aufzunehmen“, wurde dann beim Leichenschmaus in der Gaststätte Poetsch, in der alle schnell Zuflucht suchten -ganz im August’schen Sinne- gespottet.

Seinem Großneffen Erich Konzack vererbte „Onkel August“ 1974 die Gaststätte, wohl aus Dankbarkeit für die viele Unterstützung, die er von diesem stets bekam. Als der Notar, der August Konzack auch persönlich kannte, das Testament eröffnete, bemerkte er, dass er an dem Dokument nicht die geringsten Zweifel hätte: „Auf einer Schulheftseite hingekritzelt, mit den Schmutzrändern einer Kaffeetasse – das ist echt August Konzack!

Die Legende vom Ochsenfrosch

Sonnenstrahlen drangen durch die dichten Weiden am Ufer der Spree und spiegelten sich im Wasser. August Konzack saß an der Schleuse und schaute dem Spiel zu. Sein Blick glitt dabei immer öfter mal den Fluss aufwärts, mal Fluss abwärts. Ihn interessierte, was an den Flussbiegungen geschah – oder eben nicht geschah. Weit und breit kein Kahn in Sicht! Nur selten kamen in diesen Sommerwochen des Jahres 1930 Ausflugskähne aus Burg oder Lübbenau, um an seiner Gaststätte, der Dubkowmühle, anzulegen. Anfang der zwanziger Jahre hielten hier noch häufig Ausflügler aus Berlin an, aber jetzt, Jahre später, war es stiller geworden.

Schon wieder war die Pfeife ausgegangen und August, den Stammgäste wie Besucher nur „Onkel August“ nannten, stopfte sich krümeligen Tabak nach. An der Schleuse legte ein Paddelboot an. August, der nichts zu tun hatte, aber ein wenig auf die beiden Gäste aus dem Boot hoffte, ging zur Schleuse und kurbelte die Falltore hoch. Eine nicht ganz leichte Arbeit, denn die „Frösche“, wie der Fachmann die Absperrtore nannte, waren sechs Zentner schwer. Die Paddler bedankten sich artig, löhnten aber nicht mit einem Groschen wie es durchaus üblich gewesen wäre und – legten leider auch nicht an. Gedankenversunken und nicht gerade freundlich blickte August den in Richtung Leipe Paddelnden nach. Vom Frosch, der noch oben war, tropften glänzende Wasserperlen in die Spree. „Ich muss mir was einfallen lassen, ich muss mehr Ausflügler in meine Mühle holen. Aber warum sollten sie gerade hier in dieser Einöde anlegen? In Leipe und in Burg gab es viele schöne neue Gaststätten mit zugkräftigen Namen wie „Froschkönig“, „Erlkönig“, „Wendenschloss“, … aber meine Mühle hieß schon immer so und wird wohl auch immer Dubkowmühle heißen. Und wer kommt schon zum Essen und Trinken an eine Mühle, die noch nicht mal eine mehr ist? Das lockt doch keinen an“, sinnierte er, immer noch durch die offene Schleuse den entgangenen Gästen nachschauend. Sein Blick blieb dann aber auf dem Schleusenfrosch hängen, der immer noch nassfeucht in der Sonne glänzte. Wie ein Frosch eben. Fast von allein flossen die Gedanken und formten sich zu einer Geschichte, die Legende wurde. Aus dem Schleusenfrosch wurde ein Ochsenfrosch, sechs Zentner schwer, der im Keller der Mühle angekettet lebt und nachts, wenn August Konzack es will, die trunkenen Gäste sicher durch das die Mühle umgebende Moor führt. Wird einer von denen frech oder ärgert gar das Tier, wird er im Moor allein gelassen. „Das ist es, das ist die Geschichte, die die Leute hören wollen und die das Tier auch sehen wollen!“ entfuhr es ihm.  Eine Erklärung dafür, warum man das Tier doch nicht wirklich zu Gesicht bekommen kann, wurde gleich dazu erfunden: „Er ist eben wegen seiner häufigen nächtlichen Einsätze ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten und zum Auswuchten nach Texas geschickt worden. Und das dauert bekanntlich….“ So oder so ähnlich könnte die Geschichte vom Ochsenfrosch entstanden sein, die sich seit dieser Zeit unzertrennlich mit der Mühle verbindet.

Das „Auswuchten in Texas“ dauerte achtzig Jahre: Erst seit 2010 gibt es das Tier tatsächlich körperlich, wenn auch nur als Holzplastik, aber exakt sechs Zentner schwer. Der polnische Künstler Engelbert Weimann formte ihn nach einem Giebelbild (1, 28, 35, 36 ) das der Leiper Maler  Rainer Lossack 1978 schuf. Die Kette formte er aus einem Stück mit beweglichen Gliedern – eine schwierige Arbeit. Nun erinnert das Tier für Jedermann sichtbar an die August’sche Legende. Die jetzige Besitzerin, Ilona Konzack, eine Nachfahrin des „Onkel August“ erfüllt somit ein Vermächtnis und freut sich, so wie er es getan hätte, über den einen oder anderen Gast, der der Neugier wegen an der Mühle anlegt.

 

August Konzack – Legendensplitter

Im Spreewald kannte ihn jeder, selbst den Urlaubern wurde „Onkel August“ bald ein Begriff. Er war einfach anders: Unangepasst und originell. Zahllose Geschichten und Episoden ranken sich um ihn, viele Menschen haben ihre ganz speziellen Erfahrungen mit ihm gemacht. Oft gutmütig und großzügig, manchmal kauzig und böse, nicht immer ganz zuverlässig – so beschreiben ihn die, die ihn erlebt haben. August Konzack war auch eitel, gab es aber nicht zu. Der Radduscher Friseur Rudi Noack musste ihm stets die Haare färben, er dürfe aber darüber nicht reden. Und er war gesellig, besonders in fröhlicher Runde, in der auch mal das eine oder andere Glas gelehrt wurde. Öffnungszeiten waren ihm fremd. Die Fährleute wussten genau, an welches Fenster sie mit ihrer Rudel klopfen mussten, falls es mal spät war und August schon schlief. Jeder der kam, wurde bewirtet, im Winter wurde dann auch der Ofen angeheizt – aber nur, wenn die Gäste erkennen ließen, vielleicht ein Stündchen da zu bleiben.

August und die Fische

Christa und Siegfried Janzen aus Groß Lübbenau weilten öfter mal zum Fischessen in der Mühle, nirgendwo gab es besser zubereiteten Fisch als bei Konzacks. August Konzack war für sein Rezept weithin bekannt, noch heute gilt sein Fisch in Spreewaldsoße als einmalig und unnachahmlich. Bestellte ein Gast Fisch, ging August sogleich in den Keller und fing einen oder mehrere Fische. Der Keller der Gaststätte stand ständig unter Wasser, die nahe Spree drückte hinein. August machte aus der Not eine Tugend und hörte irgendwann auf, den Keller abzupumpen. Von da an schwammen seine Fische, die er meist selbst im Spreewald fing, durch den Keller. Nachdem er die bestellten Fische bei Anna abgeliefert hatte, gesellte er sich wieder zu den Gästen.  „Wir Frauen saßen da manchmal ziemlich gelangweilt, während unsere Männer immer lustiger wurden. Kein Wunder, dass denen der Fisch dann geschmeckt hat, falls die überhaupt noch etwas schmecken konnten. Aber zur Konzack’schen Ehrenrettung mussten auch wir feststellen, dass der Hecht in Spreewaldsoße immer unübertroffen gut war“, erinnert sich Christa Janzen.

Immer schlagfertig – immer Streiche

Einmal soll August Konzack seine Gäste angesichts einer Ratte in seiner Gaststätte mit der Bemerkung beruhigt haben, dass dies schon die größte war, die anderen Ratten wären kleiner!

Studenten und Studierte schockierte er mit der Erkenntnis, dass „sie ganz schön dumm sein müssten, wenn sie solange zur Schule gehen“!

Den in den sechziger Jahren aktiven Werbern für seinen Beitritt zur Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG)  -er besaß sieben Hektar Land- trat er stets höflich gegenüber, er bewirtete sie reichlich und auf seine Kosten – aber nie bekamen sie seine Unterschrift. August Konzack blieb einer der ganz wenigen Einzelbauern.

Die Dubkowmühle hatte schon ziemlich zeitig einen Telefonanschluss, aber die zwei Freidrähte verwickelten sich schon mal bei Sturm. Dann zog August mit einer Rudel los und trennte die Drähte. Einem vorbei radelnden Genossen soll er auf dessen Frage geantwortet haben, dass er heute noch einen Anruf aus dem Westen erwarte und deshalb die Leitung freihalten müsse! Sein loses Mundwerk hätte ihm manchmal zum Verhängnis werden können, aber er war einfach dafür zu bekannt, als dass er ernsthaft zur Rechenschaft gezogen worden wäre. Wenn es wieder mal nichts zu kaufen gab, philosophierte er gern: „Die Polen haben die Kohle, die Tschechen haben das Licht. Wir haben die Deutsch-Sowjetische Freundschaft – mehr haben wir nicht!“

Einmal muss es ihm sehr langweilig geworden sein, denn er ließ das Gerücht verbreiten, dass er schwer krank sei. Die Nachricht erreichte bald Lübbenau und der Bürgermeister Hentschker machte sich gemeinsam mit Dr. Voss in dem von Wilhelm Prinz gesteuerten Motorkahn schleunigst auf, um dem Gastwirt die nötige Hilfe zukommen zu lassen. An der Mühle angekommen, trafen sie August beim Kartenspiel in der verräucherten Gaststube an, der sich nun seinerseits diebisch über den gelungenen Streich freute. Aber „Onkel August“ zeigte auch Mitgefühl mit seinen überraschten Besuchern und bewirtete seine Lübbenauer Gäste reichlich. Sie sollen erst am späten Nachmittag des nächsten Tages ihre Rückreise angetreten haben können…

Mit dem Vetschauer Arzt Doktor Nagel verband ihn so etwas wie Freundschaft, gemeinsam unternahmen sie oft Angelausflüge in den Spreewald. Einmal ist der Arzt, ein beinamputierter Kriegsinvalide wohl ins Wasser gefallen und damit seine Prothese nicht unter der Nässe leidet, hatte er sie abgenommen und, wieder an der Dubkowmühle angekommen, zum Trocknen über Nacht in den Apfelbaum gehangen. Mit dem Dubkow-Müller soll er die Nacht zechend verbracht haben. Am nächsten Morgen ist „Tante Anna“ fast in Ohnmacht gefallen, als sie aus dem Fenster sah und ein Bein im Baum im Winde schaukelte. Sie schrie laut auf und suchte das Grundstück sogleich nach weiteren „Leichenteilen“ ab. Den beiden Männern, die vom Geschrei wach wurden, hielt sie nach deren kleinlauter Erklärung eine fürchterliche Standpauke.

August auf „Dienstreisen“

Fast legendär sind „Onkel August’s“ Ausflüge in die Dörfer der Umgebung, wie etwa nach Raddusch, zu Friseur Noack. Entweder fuhr er mit dem Kahn oder ging zu Fuß den etwas kürzeren, aber sumpfigen Weg durch den „Pusch“. Die Gummistiefel an den Füßen, die besseren Schuhe im Rucksack, machte er sich auf. An der Radduscher Buschmühle versteckte er die Stiefel in einer alten Erle und machte sich leicht beschuht auf den restlichen Weg ins Dorf. Dann, manchmal erst nach Tagen, ging er den gleichen Weg mit der gleichen Prozedur zurück. Einmal sollen ihm die Gummistiefel gestohlen worden sein. Unter Fluchen stakste er in Halbschuhen durch den Modder, den Kopf dabei noch nicht ganz frei vom Schmerz. Meist schlief er bei seinen Ausflügen auf einer Ofenbank in einer Dorfkneipe oder bei einem Tischler in den Hobelspänen, wie in Lübbenau beim Kahnbauer Neumann. „Eigentlich wollte er nur ein Rudel kaufen“, erinnert sich der Lehder Max Lehmann, der damals dort angestellt war, „aber sie wurden sich nicht über den Preis einig und haben solange diskutiert bis die mitgebrachte Flasche leer und die Sonne untergegangen war.“

Da konnte es schon mal vorkommen, dass er die Lebensmittel, die ihn Anna aufgetragen hatte zu besorgen, im Kahn vergaß. Nach einem nächtlichen Regen sollen einige Bockwürste dann im Kahn geschwommen sein. Kein Grund für ihn in Panik zu verfallen: „Kannst’de die Würschte gleich mit’n Kahnwasser warm  machen“, bekam die schimpfende Anna bei seiner Ankunft zu hören.

„Volles Rohr“

Besonders in Erinnerung geblieben und immer wieder erzählt wird die Episode mit „Volles Rohr“: August Konzack hatte es wieder mal nicht geschafft, vor Einbruch der Dunkelheit mit dem Kahn nach Hause zu fahren. Zufällig traf er auf „Volles Rohr“, einem in der Region bestens bekannten Spreewälder, der eigentlich immer seinem Namen alle Ehre machte, nur eben mal an diesem Tage nicht. Er bot sich an, den August mit seinem Kahn heim zu bringen. „In der Dunkelheit fahre ich immer schön am Ufer lang, da kann nichts passieren“, redete er auf August ein, der eigentlich nicht so recht wollte. „Volles Rohr“ hatte bei seinem Angebot sicher eher an eine in Aussicht stehende Belohnung später, in der Mühle, gedacht, als dass er sich wirklich um August kümmern wollte. Dieser hatte sich inzwischen schon mit dem Gedanken an einen weiteren Abend bei Poetschens in Raddusch angefreundet. Aber die Gelegenheit doch noch nach Hause zu kommen und dabei nicht selbst fahren zu müssen, war auch nicht schlecht. August ließ Vernunft walten und setzte sich ganz vorn in den Kahn, um auf den Weg zu achten, wie er sagte. „Volles Rohr“ griff zum Rudel und ab ging es in die stockdunkle Nacht. Als der Kahn in den Urwald vor der Hauptspree einfuhr wurde es immer enger. Die Äste streiften schon mal die beiden Kahnfahrer, auch gab es öfter mal ungewollte Uferkontakte. Plötzlich riss ein dicker Ast August den Hut vom Kopf, was er nur leicht knurrend quittierte und gleichzeitig auf das, was jetzt gleich kommen wird, diebisch frohlockte: Ein Schrei ging durch Mark und Bein, etwas großes, Schweres plumpste sogleich klatschend ins Wasser – „Volles Rohr“ bekam den Ast an den Kopf und wurde förmlich ins Fließ katapultiert. Mit einem nur mühsam versteckten Grinsen half August ihm wieder in den Kahn und wäre dabei beinahe fast selbst ins Wasser gefallen. Nass und frierend kamen dann beide zu später Stunde in der Mühle an. „Volles Rohr“ durfte sich aufwärmen und seine große Beule pflegen. Am nächsten Tag fuhr er wieder nach Hause, mit Kopfschmerzen, aber die war er ja gewohnt, wenn diese auch diesmal anderen Ursachen hatten.

Der Radduscher Ortschronist  Manfred Kliche hatte Gelegenheit, sich öfter mit Hildegard Hilger, die zuletzt in Raddusch wohnte, zu unterhalten. Die Tochter von August Konzack konnte viele Begebenheiten aus eigenem Erleben wiedergeben, darunter auch die hier geschilderten Episoden:

Der versunkene Spreewaldkahn

August Konzack war dabei, zwei seiner Spreewaldkähne mit Stalldung zu beladen um diesen dann zum etwas entfernten Acker zu bringen. Beim Beladen der Kähne mit der übelriechenden Fracht nahm August öfter mal einen Schluck aus der Schnapsflasche, wohl um die Geruchsnerven zu betäuben.

Als die Kähne fertig beladen waren, rief er seine Tochter Hilde. Sie sollte den zweiten Kahn zum Acker staken. „Ach Vater, warum hast du die Kähne nur so voll geladen, die Wände gucken ja nur noch wenig aus dem Wasser“, rief sie aus. August hatte für diese Bemerkung seiner Tochter nur eine müde Handbewegung übrig und stieg, wie immer im schwarzen Anzug und mit Hut, in den Mistkahn und fuhr vorneweg.

Schon nach wenigen Metern merkte Hilde, wie der Kahn ihres Vaters bedenklich zu schaukeln begann. Alle Warnrufe in Richtung Vater halfen nichts, innerhalb von wenigen Sekunden ging der Kahn unter. Da die Spree hier besonders tief war, schauten von August bald nur noch Kopf und Hut aus dem Wasser. Er hielt sich immer noch am Rudel fest und zog sich mit dessen Hilfe mit seinem vollgesogenen Anzug ans Ufer.

Tochter Hilde blieb nichts weiter übrig, als ihren Vater zu vertrösten.  Sie stakte erst mal ihren Kahn zum Acker,  um ihn dort in aller Schnelle zu entleeren. Ihren nassen Vater hätte sie keineswegs schon vorher zu sich in den Kahn nehmen können, denn dann wäre ihr das gleiche Schicksal widerfahren. Auf ihrem Rückweg stieg der übellaunige knurrige Vater zu. Obwohl nass und am ganzen Körper zitternd, bestand er dennoch darauf, erst mal nach Leipe zu fahren und ein paar kräftige junge Männer zu holen. Denen erklärte er, wo der Kahn lag und das sie Bier und Schnaps nach Herzenslust bekämen, wenn sie den Kahn wieder zurück nach Dubkow bringen. Die Leiper Männer fuhren mit ihrem Kahn, darin Gabeln und Eimer, zum Unglücksort und tauchten nach dem Mist, den sie nach und nach der Strömung übergaben. August’s Kahn wurde dadurch immer leichter und kam schließlich an die Oberfläche. Mit Eimern schöpften die Leiper das Wasser-Dung-Gemisch aus dem Kahn und brachten ihn letztlich wohlbehalten zurück zur Dubkowmühle. Selbst nun völlig durchfroren, nahmen sie die Einladung des Wirts gern an und wärmten sich innerlich wie äußerlich. Der dankbare Wirt entließ seine Kahnretter erst am nächsten Morgen.

Und noch ein versunkener Kahn

August Konzack wollte einen der wohl letzten schönen Herbsttage nutzen und zu einem Bauern nach Leipe fahren, der gerade seine Kartoffelernte eingebracht hatte. Von diesem bezog er in jedem Jahr seine Speise- und auch die Saatkartoffeln. Nachdem er sich schnell mit seinem Lieferanten einig geworden war, beluden Tochter Hilde und der Bauer seinen Kahn. Der war neu und hatte erst wenige Fahrten hinter sich. August hatte ihn beim Leiper Heinrich Piater bauen lassen und achtete nun sehr darauf, dass mit dem Kahn sorgsam umgegangen wurde. Er sparte nicht mit Ermahnungen in Richtung der Belader, doch recht vorsichtig zu sein. Sein neues Gefährt war sein ganzer Stolz und entsprechend stakte er diesen durch das Spreewalddorf nach Hause. Er ließ dabei jeden am Ufer und auf dem Wasser wissen, was er doch für einen schönen Kahn nun hätte. Kurz vor dem Anlegen auf Dubkow sah er schon seine Frau Wilhelmine und Schwägerin Anna winken: Er solle doch den Kahn gleich hier, am Wirtschaftshof festmachen. August sah aber das weit geöffnete Schleusentor und beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und erst hinter der Schleuse anzulegen. Dort hätte er die Kartoffeln leichter entladen können, da dort der Wasserspiegel höher war. Das Rufen der Frauen ignorierte er starrsinnig wie immer und nahm Kurs auf die Schleuse. Plötzlich drückte eine starke Strömung den schweren Kahn mit voller Wucht gegen die Spitze des geöffneten Tores. Der Aufprall war so heftig, dass eine Kahnseite abgetrennt wurde und der Kahn sofort mit August, seiner Tochter und den Kartoffeln auf den Grund der Schleuse sank. Beide konnten sich nass, aber unverletzt ans Ufer retten. August konnte gar nicht fassen, dass sein neuer Kahn nun auf dem Grund der Spree liegt und nun wohl auch nicht mehr zu retten sei. Über seinen Kummer behalf er sich die nächsten Tage mit erprobten Mitteln, von denen es in der Schankwirtschaft reichlich gab, hinweg. Die Frauen würdigte er keines Blickes, aber auch die gingen ihm klugerweise aus dem Weg. Dennoch sprach sich das Unglück bald rum und in der Folgezeit musste sich August einigen Spott gefallen lassen, besonders vom Kahnbauer Piater: „August, dir baue ich keinen Kahn mehr, da ist mir jede Arbeit zu schade, wenn ich sehe, wie du damit umgehst!“ Diese Neckereien setzten sich bis ins Frühjahr fort. „August pass auf, dass die Kartoffeln nicht keimen, sonst wuchert dir die Schleuse zu“ warnten ihn die Leiper Bauern. Irgendwann ließ er dann die Kahnreste bergen, die Kartoffeln waren schon längst von der Strömung die Spree entlang fortgetrieben worden.

Erich Konzacks unverhofftes Erbe

„Erich, schau mal, was ich gefunden habe!“ Anna Grassow, von allen nur Tante Anna genannt, hatte sich die Mühe gemacht und die Papiere aus den Kartons ihres vor Monaten verstorbenen Schwagers August Konzack zu ordnen. Inmitten loser Blätter fand sie sein Testament. Erich Konzack, der Großneffe, war völlig überrascht, als er seinen Namen las und dass er nun der alleinige Erbe der Dubkowmühle sei. „Das brachte mir mehrere schlaflose Nächte ein, denn einerseits fand ich es sehr ehrenvoll, seine Nachfolge antreten zu dürfen, andererseits sah ich den Riesenberg Aufgaben, der mit der halbverfallenen Mühle auf mich zu kam. Wie ich später erfuhr, war noch nicht mal der Kredit von 1935 getilgt, weshalb sogar Tochter Hildegard Hilger auf ihr Pflichterbteil verzichtete“, erinnert sich Erich Konzack an diesen Moment des Erbschaftsantritts.

Schon zwei Wochen nach August‘s Tod waren die ersten zumeist fernen Verwandten angereist, um mal nach dem Erbe zu sehen. So mancher hoffte wohl auf einen großen Geldsegen. Tante Anna nahm denen sogleich alle Hoffnungen: „Der August hat sich vorgenommen zu Nisch’te zu kommen – und das ist ihm auch gelungen!“

Der 1938 in Fleißdorf geborene Erich war der Sohn des Maurerpoliers Friedrich Konzack und der Hausfrau Elisabeth Konzack. Mit Schwester Erika wuchs er im ländlich geprägten Umfeld auf. Als Junge war er natürlich häufig auch im Spreewald unterwegs, wenn es die Zeit in der elterlichen Wirtschaft, der neben der Maurertätigkeit des Vaters betrieben wurde, erlaubte. „Wir Kinder sind damals nur Barfuß gegangen, auch zur Schule nach Naundorf/Fleißdorf,  für die kalte Jahreszeit hatten wir gerade mal Holzlatschen. Mein erstes paar Schuhe bekam ich 1952 zur Konfirmation von einer Tante aus Westberlin geschenkt, dabei auch eine Tafel Schokolade, die erste in meinem Leben“, kann sich Erich noch gut erinnern. In die Kinder- und Jugendtage fallen auch die Besuche bei seinem Großonkel August Konzack in der Dubkowmühle. „Dort habe ich mich immer besonders wohl gefühlt. Der Gaststättenbetrieb, die Urlauber, die vielen Tagesgäste, die mit dem Kahn ankamen…. da gab es immer was zu gucken und zu staunen.“

Gleich nach der Schule begann Erich eine Lehre als Elektromonteur in Calau, die ihn nach der Ausbildung als Schiffselektriker an die Warnow-Werft nach Rostock führte. Dort musste er Leitungen auf im Krieg versenkten und später gehobenen und reparierten Schiffen legen, die dann als Separationsleistungen an die Sowjetunion gingen. Auch auf den neu gebauten Flussfahrgastschiffen, die ebenfalls in die UdSSR geliefert wurden, wurde er tätig. „Das war eine schöne Zeit, ich durfte immer mit auf die Probefahrten in die Ostsee gehen, die mehrere Tage dauerten. Für die Besatzung gab es dann sehr günstig zollfrei Zigaretten, die ich als Nichtraucher meinem Meister mitbrachte. Das hatte zur Folge, dass ich bald wieder von ihm mit dem nächsten Schiff auf See geschickt wurde.“

Es folgten Montagezeiten in Eisenhüttenstadt und Schwarze Pumpe. Anders als heute wurden diese Wege mit der Bahn oder günstigstenfalls mit dem Motorrad zurückgelegt. Erich wohnte inzwischen in Koßwig, war verheiratet und bald Vater von zwei Töchtern, Jutta und Ilona, und dem Sohn Matthias. „Mit dem Motorrad, einer ‚Zündap‘ war ich Tausende Kilometer unterwegs, bei Wind und Wetter! Das konnte ich natürlich nicht ewig machen, deshalb wählte ich 1971 den Weg in die Selbstständigkeit und ließ mich mit einer kleinen Elektro-Werkstatt in Koßwig nieder. Den ersten ruhigen Jahren folgten mit der Erbschaft der Dubkowmühle aber bald turbulente Zeiten. Erich begann mit der Renovierung und einigen Umbauten am und im Haus. „Wenn das alles damals nur so einfach gewesen wäre, wir es heute ist“, seufzt er in Erinnerung an diese Jahre. „Einen Bezugschein für den Erwerb von drei Toilettenbecken und zwei Waschbecken bekam ich nicht vom Kreis, da kein Kontingent zur Verfügung stand“, wie es damals häufig hieß. Nur mit einem solchen Schein konnten damals im Handel diese und andere Artikel aus dem Baubedarf und –zubehör erworben werden. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Ziegelsteine für den Toilettenneubau gab es erst mal gar nicht. Es sei denn, Erich Konzack würde einige Stunden im Gegenwert der Steine im Ziegelwerk Buchwäldchen arbeiten. So wurde aus dem Elektriker ein Zeit-Ziegeleiarbeiter. Mit den so erarbeiteten Steinen konnte dann der Anbau fertiggestellt werden. Die sozialistische Zeit war eben auch eine in jeder Hinsicht „beziehungsreiche“ Zeit, die durchaus auch ihre Vorteile haben konnte. Ein „Vorteil“ war in der Person des Christian Klüder zu sehen: Der musisch begabte und mit viel Unterhaltungstalent versehene damalige Projektleiter des  Calauer Energieversorgungsunternehmens war häufig Gast in der Dubkowmühle. Heute, nun schon lange Rentner, unterhält er immer noch zu Himmelfahrt die zahlreichen Gäste an der Dubkowmühle mit seinem Gesang am Keyboard. Damals aber schmiedeten Klüder und Konzack einen Plan, wie die neu zu errichtende Hochspannungsstromleitung nach Leipe auch für die Dubkowmühle vorteilhaft angezapft werden könnte. Die Idee mit der Trafostation auf deren Grundstück war nur die halbe Miete. Der notwendige Hochspannungsanschluss die andere, denn seit 1958 gab es nur einen Niederspannungsanschluss.  Dafür gab es natürlich wieder einmal kein Kontingent, aber die Behörden hatten nicht mit der Findigkeit der beiden gerechnet. Die Tatsache ausnutzend, dass auf einem Nachbargrundstück ein Wochenendhaus eines Mitarbeiters eines Staatssicherheitsdienstes stand und das dem noch eine „Reihe weiterer Ferienobjekte folgen sollten, die dann an das Stromnetz angeschlossen werden müssten“, was frei erfunden, aber “streng geheim“ war, folgten bald alle Stempel. Der Stromanschluss  der Mühle an das neue Netz mit Erweiterungsmöglichkeit für die Ferienobjekte, die nie kamen, wurde kurzfristig und in bester Qualität ausgeführt!

Es folgten noch weitere Umbauten in den Gasträumen, das Dach wurde neu eingedeckt und alles geschah unter den voran genannten Schwierigkeiten. Die von August Konzack ins Leben gerufene Legende vom Ochsenfrosch fand 1978 in einem Giebelbild vom Leiper Maler Rainer Loassck ihren sichtbaren Ausdruck. Bis dahin war an dieser Stelle noch der alte Werbespruch mit dem „elektrisch Licht“ zu sehen, den August Konzack schon in den Dreißigern anbringen ließ.

„Ich bin heute noch Arno Gerz dankbar, der mir in dieser Zeit sehr viel geholfen hat und durch sein Geschick so manches Problem lösen konnte“, erinnert sich dankbar Erich Konzack an den Radduscher, der noch heute in der Mühle mit anpackt, wo immer er gebraucht wird. (77) Mit einem großen Frühlingsball der Handwerker wurde 1977 die Gaststätte nach der Umbauzeit (93) wiedereröffnet. Dennoch war sie, zumal als Saisonbetrieb ausgelegt, als wirtschaftliches Standbein für die Konzack’sche Familie nicht ausreichend. Der Elektro-Meisterbetrieb musste weiterhin diese Aufgabe übernehmen, war zur Folge hatte, dass die Nebeneinnahmen aus dem Gaststättenbetrieb zu 95 Prozent versteuert werden mussten. „Jeder wird verstehen, dass wir damals nicht gerade hoch motiviert waren. Wir haben die Gaststätte nur der Tradition folgend geführt, aber auch häufig geschlossen halten müssen. Es wäre sonst zu unwirtschaftlich geworden“, so Erich Konzack. Hinzu kam noch die schlimme Versorgungssituation. Obwohl ein Bestellkatalog für alle möglichen Dinge im Gaststättengewerbe vorhanden war, wurden die Bestelllisten regelmäßig zusammengestrichen. „Manchmal bekamen wir nur sechs Flaschen Kräuterlikör, statt der gewünschten Fässer Biere und Weine“, weiß sich Erich gut zu erinnern. Die dadurch bedingten häufigen „Schließtage“ sind noch so manchem Besucher von damals in Erinnerung.

In den Wendejahren änderte sich dies grundsätzlich und das Geschäft kam in Gang. Weitere Umbauten sollten folgen, die Materialbereitstellung war kein Thema mehr, die Veränderungen hätten problemlos durchgeführt werden können. Wenn es da nicht das neue, westlich orientierte Baurecht gegeben hätte: Die historische Dubkowmühle, im Außenbereich und auch im Biosphärenreservat gelegen, unterlag nun strengen Auflagen und schien deshalb von allen baulichen Veränderungen für alle Zukunft offensichtlich ausgeschlossen zu sein. Dem Projektbeauftragten Erwin Lieke aus Lübbenau schien dies die Herausforderung gewesen zu sein, die er suchte: „Ähnlichen Projekten im Spreewald wird die Baugenehmigung erteilt – warum soll es für die Dubkowmühle nicht auch möglich sein, ihre Umbauten zum Wohle der Gäste vornehmen zu dürfen?“ Mit der ihm innewohnenden Energie und Hartnäckigkeit wurde er bei den Ämtern vorstellig und  wurde aber auch erst mal „mit unsachkundigen Argumenten abgespeist“. Ihm blieb nur der Weg über die Öffentlichkeit. In Leserbriefen sprach er von „Bau(verhinderungs)ämtern“ (93) und erreichte durch seine Beharrlichkeit tatsächlich Bewegung in der Sache. Die Untere Bauaufsichtsbehörde in Calau sorgte plötzlich sogar für eine Beschleunigung der Baugenehmigungsphase. (94)

Die Geschäfte liefen nach den Umbauten gut, die Gaststätte war auf dem Standard, den jeder erwartet und steuerte nun in ruhigeres Fahrwasser – ein Grund, sie nach drei Jahrzehnten die Verantwortung beruhigt in die Hände von Erichs Tochter Ilona Konzack zu legen.

Es weht ein frischer Wind auf Dubkow – Ilona Konzack

Sie ist immer mittendrin, sie hilft beim Servieren, beim Abräumen und bäckt auch schon mal die beliebten Spreewälder Plinsen wenn es in der Küche turbulent zugeht, wenn draußen grad mal wieder eine größere Radwanderergruppe oder ein Reisebus vorgefahren ist. Aber meist findet man Ilona Konzack am Tresen. Beim Ausschenken ist immer mal Zeit für ein Gespräch mit den Kahnfährmännern, die Gäste zur „Dubkowmühle“ gestakt haben. Sie braucht diese Kontakte, denn so erfährt sie von den Stimmungen der Spreewaldbesucher, aber auch mal die eine oder andere Neuigkeit aus dem umliegenden Spreewalddörfern. Denn die „Dubkowmühle“, ihr Restaurant, liegt abgelegen zwischen Burg und Leipe, es gibt keine Nachbarn, besonders im Winter ist es mehr als einsam. Mit ihren fünf Mitarbeitern hält sie dann die Tierhaltung aufrecht: Galloways und  Pferde auf dem umliegenden Weideland und in den Ställen müssen täglich versorgt werden. In der Saison herrscht dafür quirliges Leben auf dem geräumigen Hof, ihre dann fast 20 Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun – die „Dubkowmühle“ zählt zu den beliebtesten Ausflugsgaststätten im Spreewald.

Geboren in Frankfurt/Oder, dann aufgewachsen in Koßwig, entschloss sich Ilona nach der Schule eine Ausbildung als Restaurant- und Hotelfachfrau aufzunehmen. Da sie diese sehr gute Ausbildung, wie sie heute einschätzt, mal gut für die „Dubkowmühle“ gebrauchen kann, war ihr damals natürlich nicht bewusst. Das Leben stellte erst mal ganz andere Weichen: Nach der Geburt ihres Sohnes Martin schloss sie gleich noch eine Ausbildung als Fachverkäuferin an und leitete zwei Jahre die Konsum-Verkaufsstelle in Koßwig und dann anschließend den „Schulkonsum“ in der Vetschauer Bebelstraße. In diese Zeit fielen ihre ersten Westbesuche, denn die Familie hatte dort eine zahlreiche Verwandtschaft. Unter Zurücklassung ihrer Kinder, Sohn Robert wurde 1985 geboren, durfte sie mehrmals ausreisen. „Ich kam jedes Mal mit einem Kulturschock zurück. Die Warenfülle drüben und der Mangel in meinem Konsum, die Entfaltungsmöglichkeiten dort und die vorgezeichneten Bahnen hier.“ Da die Zustände für das Ehepaar Kolossa  immer unerträglicher wurden, beschloss die Familie im August 1989 anlässlich eines Verwandtenbesuches in Schlesien, dass Ehemann Werner nicht in die DDR zurück kehrt sondern Zuflucht in der Warschauer Botschaft der BRD sucht. Ilona sollte dann später mit den Kindern im Rahmen einer Familienzusammenführung ausreisen. Doch es kam anders: Eines Abends sah Ilona in der Tageschau, wie ihr Mann in Hannover aus dem Zug stieg. Da gab es kein Halten mehr, am nächsten Abend ging es mit den Kindern im Trabant auf die abenteuerliche Fahrt nach Warschau. Zuvor hatte sie noch die Schlüssel ihrer Vetschauer Wohnung bei Vater Erich Konzack auf die Theke der „Dubkowmühle“ gelegt, die dieser inzwischen führte. Sein eindringliches Abraten half nichts, ihr Entschluss stand fest. Bei einer polnischen Familie fanden sie dann für eine Nacht Unterschlupf, bevor es dann zur Botschaft ging und sie von dort letztlich ausreisen konnten.

In Lingen/Ems fand die Familie Unterkunft, Ilona bekam eine Stelle beim Kaufhof. Nach der Trennung von ihrem Mann machte sich Ilona mit einer Boutique selbstständig und verkaufte Herrenmode. Eines Tages kam ein Signal aus der Heimat: Vater Erich bot ihr die „Dubkowmühle“ an, denn er hatte inzwischen für sich ebenfalls die neuen Möglichkeiten der Marktwirtschaft entdeckt und sich für ein Projekt in der Ukraine entschieden. Nach kurzem Zögern, aber erst nach Erledigung vieler Formalitäten kehrte Ilona, die inzwischen auch wieder ihren Mädchennamen angenommen hatte, in ihre angestammte Heimat zurück: „Ich bin nun im Leben angekommen, ich gehe hier nicht mehr weg!“. So nach und nach nahm sie auch die wendisch/sorbischen Traditionen an, genährt von ihrer Tante Hilde. Diese hatte schon in ihrer Aachener Zeit immer die ganze Familie bei ihren DDR-Besuchen mit Trachten versorgt. Hilde Hilger siedelte schon 1992 zurück nach Dubkow.

Ilona Konzack, die 2008 zur Brandenburger Unternehmerin des Jahres gekürt wurde, hat noch viele Pläne: „Wir wollen noch die Qualität unserer Beherbergungsstätte verbessern und die Nähe der Gaststätte zur Vieh- und Landwirtschaft ausbauen, so wie es früher schon war. Und dann soll noch an den Gastraum ein Wintergarten angebaut werden, damit unsere Gäste den direkten Ausblick auf die Spree in allen Jahreszeiten genießen können.“

 

Peter Becker; überarbeitet Januar 2017

aus: Becker/Franke; Spreewald kulinarisch-Rezepte und Gasthäuser, Limosa, 2015

 

 

 

Über Bomenius 114 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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