Raddusch, der Spreewald und bald auch Berlin ohne Wasser?

Diese auf den ersten Blick zugespitzte Frage stellt sich auf dem zweiten Blick schon ganz anders dar. Sie könnte mit voller Berechtigung auch lauten: Spreewald ohne Wasser? Oder: Berlin ohne Wasser?

Diese von keinem gewollte, aber sehr reale Zukunftsvision treibt die Akteure an, die Natur und deren Wirkmechanismen bei allem zukünftigen Tun mit „ins Boot“ zu holen, allen Menschen die Augen zu öffnen – nicht nur den Betroffenen, den Radduschern, den Spreewäldern oder den Berlinern. Junge Berliner Wissenschaftler:innen und Künstler:innen haben am letzten Wochenende im Radduscher Hafen gezeigt, wie das gehen könnte.

Der Radduscher Hafen zeigte sich zwei Tage mal etwas anders: Rudel, die nachts leuchteten, steckten einen imaginären Raum von zehn mal zehn Meter in Breite, Höhe und Tiefe ab, in diesem Würfel wurde das Leben an und in der Spree dargestellt. Wassermikrofone haben Geräusche aufgenommen, die über Kopfhörer abgehört werden konnten. Für viele eine völlig neue Erkenntnis: Wasser redet, es kommuniziert und ist längst nicht das „stille Wasser“, für das es von vielen gehalten wird.

Überhaupt scheinen sich wohl die wenigsten Menschen Sorgen übers Wasser zu machen; im Spreewald war es ohnehin immer da, es war und ist Lebensraum für Mensch und Tier. So verwundert es auch gar nicht, dass die Radduscher KITA-Kinder, die zur Veranstaltung eingeladen waren, auf die Frage des „Slawen Manne“ (Manfred Kliche), wo denn das Wasser herkomme, antworteten: „Aus dem Wasserhahn!“ Die Frage nach der Speicherung, wurde ebenso zügig beantwortet: „In Flaschen!“

Die zahlreichen Spreewaldsagen, die Manfred Kliche den Kindern darbot, haben fast immer mit Wasser zu tun. Die Kinder durften anschließend ihrer Begeisterung freien Raum lassen, sie zeichneten den Schlangenkönig, die pflügenden Ochsen und den Wassermann – und halfen in einer szenischen Darstellung als nutzbringende Geister (Lutken) am Radduscher Weinberg aus, als dort die Weinstöcke zu vertrocknen drohten.

Zum Konzept der Veranstalter gehörte es, möglichst viele Menschen und besonders die Kinder einzubeziehen. Sie werden einmal das „ausbaden“ (um beim Thema zu bleiben) müssen, was in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten der Natur angetan wurde. Die heute Lebenden haben sich an den dauerhaften und regulierten Zufluss des Wassers durch den Spreewald gewöhnt. Ausgetrocknete Fließe oder überschwemmte Wiesen und Dörfer sind Bilder aus der Vergangenheit. „Heute haben wir alles im Griff“, lautet die Erkenntnis, an der man nicht zu rütteln braucht, alles andere beunruhigt nur.

Doch die ruhigen letzten 100 Jahre nähern sich ihrem Ende: Wenn in wenigen Jahren die letzte Kohlengrube schließt, fließt auch kein Grubenwasser mehr in die Spree – nach Expertenmeinung macht dies eine Wassermenge von 50 bis 75 Prozent aus! Im Spreewald wird dieses Problem bald in aller Deutlichkeit zu spüren sein. Doch ist es auch schon oberhalb der Spree, in Berlin angekommen? Julia Möllendorf, eine ehemalige Lübbenauerin, lebt seit 2008 in Berlin: „Darüber redet in meinem privaten wie dienstlichen Umfeld eigentlich niemand. Wasser ist ja immer verfügbar – niemand scheint sich Sorgen zu machen!“

Voller Sorgen um ihr Berliner Wasser, ihre Berliner Spree, an der sie seit Jahrzehnten wohnt, kam Monika Thees aus der Hauptstadt, sie ist im Berliner „Wassernetzwerk“ aktiv: „Wir müssen endlich etwas tun, es geht nicht so weiter: das Grundwasser sinkt, Abwässer werden im immer kürzeren Abständen recycelt, die Rückstände darin, besonders Medikamente, werden immer konzentrierter. Wir brauchen einfach mehr Wasser in der Stadt, wir brauchen eine ‚Schwammstadt‘, in der das Wasser länger verweilt!“ Monika Thees ist begeistert von den Machern der Radduscher Veranstaltung, die sie sich für Berlin auch so wünschen würde. In diesem Punkt kann ihr der Organisator Maximilian Grünewald Hilfe anbieten: „Wir reisen mit unseren Materialien und den von den Kindern gemalten Bilder und einem Aquarium voll Spreewasser nach Berlin. Wir machen dort zur Berlin Science Week vom 1. Bis 10. November mit Ton und Bild auf die leidende Spree aufmerksam.“ Symbolisch wurde alles in einen vom Lübbenauer Steven Lehmann gestakten Kahn verbracht und auf die Reise geschickt.

Nachdenklich blickten die Anwesendem dem Kahn nach, unter ihnen der junge Radduscher Kahnfährmann Tim Peschenz. „Ich habe mir eigentlich für die nächsten Jahrzehnte das Kahnfahren als sinnvolle Begleitung meines ansonsten geregelten Berufslebens vorgestellt, aber nun mache ich mir doch langsam Sorgen. Werden wir überhaupt noch fahren können? Es gibt heute schon kaum eine Strömung, die das Wasser in Bewegung und Durchlüftung hält – überall nur Entengrütze … Wie kommen die alten Leute vom dann hohen Steg in den tiefer liegenden Kahn …?“

Am Abend des zweiten Tages ist sich Schauspieler Maximilian Grünewald sicher, dass das Konzept aufgegangen ist: „Wir agieren auf den Bühnen immer nur mit Menschen, der Mitspieler Natur kommt nicht vor. Wir müssen diesen wichtigsten Partner wesentlich mehr Beachtung schenken – und das ist uns hier gelungen. Der Spreewald hat eine andere Dimension als vielleicht unser letztes Projekt, ein abgelegenes Schweizer Bergdorf, aber beide eint die mehr oder weniger bewusste Auseinandersetzung, besser das Ausgeliefertsein, mit und in der Natur.“

Organisiert wurde das Festival von Künstler:innen aus den Bereichen Sound, Theater und Film sowie von Wissenschaftler:innen der Humboldt- Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin (TU) und Freie Universität Berlin (FU). Humboldt- Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin (TU) und Freie Universität Berlin (FU).

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Theaterkollektivs AnthroposEx und des Projekts AnthropoScenes und wird im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder von der Berlin University Alliance gefördert.

Peter Becker, 01.10.23


Update vom 20.10.23: Der 2. Teil der Veranstaltung findet am 5. November 2023 in Berlin statt, wie uns mitgeteilt wurde:

„Viele von Ihnen haben die Ergebnisse unserer Forschung bereits im Rahmen der Veranstaltung ‚Raddusch ohne Wasser?’erlebt. Nun möchten wir Sie auch zu unserer Ausstellung nach Berlin einladen!
Am 5. November werden wir als Teil des Art-Science Forum der Berlin Science Week ein Stück Raddusch nach Berlin bringen – in Form von Installationen, Performance und Audiowalks, sowie einem neu entstandenen Film. Im Zentrum stehen die Geschichten, Ideen und Eindrücke, die wir mit dem Kahn nach Berlin transportiert haben.
Kommen Sie zu uns um 15 Uhr in den Holzmarkt 25, um die Spree in allen ihren Dimensionen weiter zu erforschen.“

Pauline Münch

AnthropoScenes | Making Sustainable Water Futures Public
IRI THESys | Humboldt-Universität zu Berlin

Über Peter Becker 371 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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