Willi Selmer – ein Bayer hat Wurzeln geschlagen

Willi Selmer

„Wundverschluss“ …. Willi Selmer hat bei diesem Begriff ganz anderes im Sinn als irgendein medizinisches Problem. Er sieht die Lausitzer Landschaft, die Kohlegruben und deren Hinterlassenschaften, die eher Wüsten gleichen und vielleicht erst in Jahrzehnten mit Grün überwuchern oder mit Wasser aufgefüllt einen See ergeben. Spätere Generationen werden dann die Wunden in der Landschaft nicht mehr sehen, auch nicht, dass der Landschaft etwas fehlt, was ihr einst innewohnte: die Kohle. Die Wunden sind verschlossen, aber geheilt…?

Willi Selmer ist Jahrgang 1965, wuchs in Bayern auf, wurde Zimmerer und nach einem Studium Bautechniker im Hochbau. Nichts deutete auf eine große Veränderung in seinem Leben hin – er war dabei, sich in Bayern einzurichten. Doch fern im Osten Deutschlands tat sich durch die Wiedervereinigung ein neues Aufgabenfeld für seinen Arbeitgeber, ein Architekturbüro auf. Hochbausanierung und Denkmalschutz waren im Osten Deutschlands eine Brache, es gab viel zu tun für den damals Mittzwanziger, der kurzentschlossen das Abenteuer annahm und nach Spremberg ging. „Die Landschaft der Niederlausitz, die auf mich Bayern einen nahezu magischen Reiz auslöste, zog mich in ihren Bann, die Weite, der alles überspannende Himmel – und dann diese Riesenlöcher in der Landschaft. Ich hatte mir vorher nie Gedanken gemacht, der Strom war einfach da, aber hier sah ich eindrucksvoll, welchen Preis wir Menschen dafür zahlen, alles nur für unseren Komfort. Für unseren Energiehunger, für ein paar Fernsehstunden am Abend oder anderes Entbehrliches, wird die Erde aufgerissen, ihr werden schlimme Wunden zugefügt“, sagt Willi Selmer rückblickend auf die für ihn prägende Zeit, die ihn immer mehr an die Lausitz fesselte. Mehr noch: Sie bewegte ihn innerlich, sie verlangte nach Ausdrucksformen – und hielt ihn in ihrem Bann.

Schon als Zimmerer hatte er aus Holzresten Skulpturen geformt, später auch aus scheinbar Wertlosem Neues geschaffen – „Upcycling“ nennt er das, zurückholen. Willi Selmer sieht in Weggeworfenem etwas, was in seinen Händen zu Kunst werden kann. Besonders haben es ihn die Hinterlassenschaften der Tagebaue angetan, wie etwa Schrott, Holz- oder gar Förderbandreste, die plötzlich zu Kunst erwachsen. Die im Bergbau übliche Bezeichnung für Abbruchkante nimmt er sehr wörtlich und zugleich sinnbildlich: Ein alter Balken, an dem die Kanten abgebrochen sind, wird mit Zinkblech beschlagen und somit „repariert“. Die Wunden sind nur noch Narben, sie sind geheilt. Solche Pfähle mit „Abbruchkanten“ stehen an den Zugängen zu den schwimmenden Häusern im benachbarten Gräbendorfer See – eben an der Abbruchkante des ehemaligen Tagebaus Gräbendorf.

Willi Selmer hatte 1996 kurzentschlossen seinen Job aufgegeben, weil er ihn nicht mehr befriedigte und widmete sich zu den Künsten. Ein Haus in Lassow, eine ehemalige Gaststätte, stand zum Verkauf und er erwarb dieses ebenfalls kurzentschlossen nach einer schlaflosen Nacht: Ich will den Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit wagen, Laasow soll mein Lebens- und Kunstmittelpunkt werden. Damals sprach noch nicht viel für den Standort, denn das Haus, wie der ganze Ort, waren nicht weit entfernt vom gerade erst stillgelegten Tagebau.

Willi Selmer: „Die meisten suchen ein Haus am See – bei mir kam der See ans Haus, allerdings erst im Laufe vieler Jahre. Seit 2007 ist der Gräbendorfer See zur allgemeinen Nutzung freigegeben, für mich drei Gehminuten entfernt.“ Es ist dennoch nicht die heile Welt, wenn es auch auf den ersten Blick danach scheint. Den Künstler begleiten die Sorgen um die Zukunft und die Rolle des Menschen: „All die materiellen Werte, die geschaffen wurden, sind verloren. Dabei hat sich scheinbar nichts verändert und dennoch hat sich alles verändert. Zurück bleiben Narben, sichtbar in der Oberfläche. Das in der tiefe Herausgerissene fehlt. Die Seele, der Rohstoff, das Leben. Und alles ordnet sich wieder neu, so als ob nichts gewesen wäre.“

Willi Selmer ist auf vielen Ausstellungen präsent, aktuell im „Kunst Raum (K)“ in Calau, wo er mit 30 anderen Künstlern und Künstlerinnen im gesamten Stadtgebiet zu sehen ist. Seine Kunst ist eindeutig, fast unverwechselbar: zumeist immer noch aus Holz und Metall bestehend, bekommen seine Werke wieder ein neues, zweites (upcyceltes) Leben.

Viele seiner neuesten Werke tragen Barcodes. Willi Selmer: „Die Gestalt ist ein Mensch. Das Bildnis sind wir, der Code beziffert uns. Vielleicht verhüllt der Strichcode auch nur unsere Ängste vor der konkreten Zahl, vor dem verlangten Preis, der uns unser Leben kosten wird.“

Peter Becker, 04.09.2023

Über Peter Becker 376 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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