Schmogrower Dorfjugend pflegt eine besondere Erntetradition

Hahnrupfen, Stollereiten und Froschkarren sind im Spreewaldraum hinlänglich bekannt, eher weniger dagegen sind es Hahnschlagen und Hahnfangen. Letzteres wird jährlich von der Schmogrower Domowina-Jugendgruppe gezeigt. Der frühere Brauch, einen Hahn zu töten, zumal auf ziemlich qualvolle Weise, mutet heute grausam an. Die einstigen wendischen Siedler sahen in dem Hahn ein Fruchtbarkeitssymbol, dass im Frühjahr durchaus seine Berechtigung hatte (Ostern!), aber nach der Ernte nicht mehr benötigt wurde und Platz für Neues zu schaffen hatte. Damals wurde mit verbundenen Augen von der männlichen Dorfjugend mit einem Dreschflegel auf den Hahn eingeschlagen, fliehende Tiere wurden eingefangen und ebenfalls erschlagen – der Beste darin wurde Erntekönig!

Heute ist im Kern nur noch das blinde Schlagen mit dem Dreschflegel geblieben – auf einen leeren Topf. Den Hahn gibt es zwar auch noch, aber er schaut sich in sicherer Entfernung im strohgepolsterten Käfig das Geschehen an, welches früher seinen Artgenossen das Leben kostete. Der heutige Hahn wird zwar auch irgendwann den Weg in den Topf gehen müssen, aber nicht zu diesem Anlass.

Der diesjährige Schmogrower Erntebrauch begann mit einem Marsch durchs Dorf, angeführt von den Peitzer Musikanten, gefolgt von den jungen Frauen in Sonntagstracht und der männlichen Dorfjugend im Einheits-Schwarz-Weiß. Mitten im Zug wird der Hahn getragen. Auf dem Festplatz wurden jeweils zwei jungen Männern die Augen verbunden, von den Damen kurz eingetanzt und mussten unter korrigierenden Zurufen den Topf finden und mit dem Dreschflegel treffen. Wer ihn am meisten trifft, wird zum 1. Erntekönig ernannt – Ricardo Bähr darf sich nun ein Jahr lang mit diesem Titel schmücken! 

Diese Form der Brauchtumspflege zeigt, dass das Leben und die Bräuche der Vorfahren geehrt werden, aber auch an neue Gegebenheiten angepasst werden können und müssen. Die allseits gestiegene Achtung vor dem Lebewesen kommt darin zum Ausdruck, dass kein Tier des Brauches wegen geopfert werden muss. Dies würde auch von den Zuschauern wenig toleriert werden. Von vielen wird schon als grenzwertig empfunden, dass beim Hahnrupfen in anderen Orten ein getöteter Hahn im Mittelpunkt steht. Es setzt sich immer stärker die Erkenntnis durch, dass auch Tierleichen eine gewisse Würde entgegengebracht werden sollte! Der Schmogrower Hahn bekommt zwar doch noch etwas Stress, denn er wird für einen weiteren Wettbewerb kurz freigelassen. Er wird aber bald wieder vom dann 2. Erntekönig eingefangen und zurück in den Käfig verbracht, wo er, noch etwas aufgeregt gackernd, seine Federn ordnen kann. Die Mädchen ermitteln anschließend beim Froschkarren ihre Königin(nen).

Schmogrower Erntekönige und -königinnen 2022: Ricardo Bähr, Justin Pigol, Felix Dreßler, Johanna Schmoger, Anna Sofie Marrack und Anja Konzack. Die Letztgenannte steht der Domowina-Dorfjugend vor. 

Peter Becker, 14.08.22

Über Peter Becker 274 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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