Wenn die Federn nur so fliegen…!

Wenn die Federn nur so fliegen…!

Zu Besuch in Spreewälder Winterstuben, beim gemeinschaftlichen Federnschleißen

Wie einst die Spinnte, gehörte auch das Federnschleißen zu den Beschäftigungen an langen Winterabenden. Da in Gemeinschaft die Arbeit viel mehr Spaß macht und auch schneller von der Hand geht, traf man sich zur gegenseitigen Hilfe abwechselnd in den mollig geheizten Bauernstuben. Frauen und auch manchmal Männer machten sich über die Federberge her, die Enten und Gänse in der Vorweihnachtszeit hinterlassen hatten.

Diese Gepflogenheit findet man immer noch in den Dörfern, viele Geflügelhalter wollen nicht die Federn den Mülltonnen zuführen, dazu sind sie ihnen einfach zu wertvoll. Den teuren Daunenkissen oder den mit Synthetik gefüllten Deckbetten trauen sie nicht wirklich, sie stehen auf aus Kindertagen bewährte kuschelige und schlaffördende Naturbetten, gefüllt mit geschleißten, vom Kiel befreiten, Federn – die letzte Spende ihrer ein Jahr lang gehegten und gefütterten Haustiere.

In Stradow treffen sich jeden Winter Nachbarn, Freunde und Verwandte, um diesen Brauch zu pflegen. In der großen Wohnküche war Platz für die zehn Frauen, die um den ebenfalls sehr großen Tisch saßen. Auf diesem ein Berg Federn: Federnschleißen war angesagt. Die Stradower Paul und Erika Psaar, zu den Dorfältesten gehörend, hatten dazu eingeladen. Gekommen waren Nachbarinnen und Freundinnen aus Suschow und Klein Klessow. „Aus anderen Dörfern holen wir uns schon deshalb gern Hilfe, weil wir dann auch mal Dinge erfahren, die nicht in der Zeitung stehen, aber trotzdem hochinteressant sind“, erzählt schmunzelnd die Gastgerberin. Es dauert auch nicht lange, die Gespräche kommen in Gang, das wichtigste ist bald ausgetauscht. Es folgen neue Back- und Kochrezepte, Gesundheitstipps und die Klärung der Frage, welches die besten Hörgeräte sind.

Feder für Feder der zehn Enten, die in der Vorweihnachtszeit ihr Leben für ein schmackhaftes Essen gaben, werden in die Hand genommen und zerteilt. Das Fedrige wird vom Kiel getrennt und kommt in eine Schüssel, die unbrauchbaren Kiele unter den Tisch. „Aber nicht alle“, warf Gisela Kochan ein, „die besten sortieren wir aus, die brauchen wir später zum Ostereierbemalen!“

Die Bewirtung spielt eine wichtige Rolle, schließlich will man sich ja nichts nachsagen lassen: Pfannkuchen werden im Vorfeld gebacken, der Eierlikör ist natürlich ein selbstgemachter. Heute greift die Hausfrau auch mal ins Supermarktregal, um Vorbereitungszeit zu sparen. Männer sieht man in den Schleißerunden eher selten, wenn, dann nur zur Imbisspause. Für kräftige Bauernhände sind die kleinen Federn nichts. „Wir sorgen dafür für etwas Unterhaltung“, erzählte schelmisch lächelnd Paul Psaar. „Ich habe mal eine Spielzeugmaus unter den Federn versteckt, die großes Entsetzen auslöste, als eine Frau unter dem Federberg nach ihr griff!“ Dass Niesen und andere Luftbewegungen von Nachteil sind, liegt auf der Hand. Bei einem früheren Hausherrenstreich sorgte eine Taube in der Küche für Stimmung unter den Frauen…!

Die zehn Enten bringen es letztlich auf ein bis zwei Kilogramm Federn, die für ein Kopfkissen reichen. Demnächst geht es für sie weiter zum Schleißen, zu den Nachbarn und in die Nachbardörfer. Spätabends, wenn der Federberg vom Tisch ist, die Pfannkuchen und der Eierlikör alle sind, kommen die Hände dran. Von der stundenlangen monotonen Zupfarbeit schmerzen sie und brauchen Pflege – natürlich mit Leinöl.

Federnschleißen am Gleis 3:

Zum Schleißen des Rubisco-Vereins kamen Kinder des Lübbenauer Freizeittreffs. Unter Anleitung von Cornelia Harms, Gisela Netz und Ingrid Kurz lernten die Kinder die Technik und vor allen Dingen den Sinn des Schleißens, nicht ohne jedoch ihren Spaß dabei zu haben: Amelie Trentsch (8) steckte sich die schönsten Federn erst mal ins Haar, die sind ihr erst mal „zu schade zum Zerreißen, die kommen später dran“. „Wir brauchen die Daunen, um den Vereinskinderwagen mit neuen Kissen zu bestücken, schließlich soll unsere Puppe weich liegen“, erklärte Cornelia Harms den Kindern schmunzelnd. Der Kinderwagen soll zum Zampern am 26.02. endlich wieder mal zum Einsatz kommen.

Peter Becker, 13.01.22/03.02.22

Über Peter Becker 282 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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