Die Spinnte als „wendisches Heiratvermittlungsbüro“

LÜBBENAUBRÜCKE erinnert mit mehreren Spinnteabenden (niederwendisch „pśěza“) an eine jahrhundertelange Spreewaldtradition.

Für den 9., 16. und 23. Februar 2022 lädt der Verein jeweils um 18 Uhr ins Kulturzentrum Gleis 3 ein, um in Anlehnung an die traditionellen Spinnteabende alte Spinntechnik wieder aufleben zu lassen. Peter Lehmann führt in die Grundlagen ein, mitzubringen ist ein eigenes Spinnrad. (Anmeldung unter 03542-403692, info@luebbenaubruecke.de)

In den Spreewalddörfern war es für Frauen und Mädchen Tradition, sich in der Stube eines Bauern zum gemeinsamen Verrichten von Handarbeiten zu treffen. Schon lange vor dem Winter war bekannt, welche bäuerliche Familie Gastgeber sein wird. Diese Rolle wechselte jedes Jahr von Haus zu Haus. So war sichergestellt, dass jeder mal in zeitlich großem Abstand die Spinnte-Gesellschaft bewirtete. In Zeiten der Armut und einer damit verbundenen bescheidenen Lebensweise war das für die Gastgeber nicht immer leicht, schließlich dauerte die Spinnte stets vom Burckhardttag, dem 11. Oktober bis zum Aschermittwoch im Folgejahr. Es musste geheizt, für Kerzenlicht und einen kleinen Imbiss gesorgt werden. Die dörfliche Solidargemeinschaft sorgte daher im Vorfeld für die Unterstützung der Gastgeberfamilie: Junge Burschen übernahmen das Mähen sämtlicher Wiesen, Frauen halfen der Bäuerin bei der Kartoffelernte.

Abend für Abend wurde Schafwolle und Flachs versponnen, gestrickt und sonstige Handarbeit verrichtet. Dorfneuigkeiten machten die Runde, es wurden Sagen und Geschichten erzählt sowie Lieder gesungen. Letzteres wurde mit großer Hingabe zelebriert, denn die Vorsängerin, die „Kantorka“, übte neues Liedgut ein, welches zum Ostersingen vorgetragen wurde. Am frühen Ostersonntagmorgen zogen die Frauen in Kirchgangstracht von Haus zu Haus, um mit ihren in der Spinnte erlernten Liedern die Botschaft von der Auferstehung zu verkünden.

Abschlussfoto: Frauen der Radduscher Spinnte (Quelle: Manfred Kliche, Ortschronik)

Auch die Burschen und Männer des Dorfes trafen sich in dieser „frauenlosen“ Zeit Abend für Abend zum Kartenspiel. Danach gingen sie manchmal zur Spinntestube und neckten die Frauen. Der aus Burg stammende weltbekannte Musiker Günter Gollasch erinnerte sich: „Wir Jungen haben dann abends unsere Streiche mit ihnen gespielt. Meine Idee war es, Zwirnsfäden vor die Fenster straff zu spannen und daran zu zupfen – dieses ziemlich unangenehme Geräusch sollte den Mädchen das Gruseln lehren!“ So manche Verpaarung soll in den Spinnstuben ihren Anfang genommen haben, wie Wilhelm Braunsdorf 1901 beschreibt: „Der Volksmund hat sie Heiratsvermittlungs-Bureaus genannt!“

Neben der rein praktisch ausgerichteten Spinnte -monotone Arbeit gelingt in Gemeinschaft besser- gab es auch noch die im tiefen Dunkel der Geschichte liegende heidnische Tradition der Opfergaben. Im Kalender einstiger slawischer vorchristlicher Festlichkeiten gibt es am 31. Oktober ein „Fest der Mokosz“, wobei die Frauen zu Ehren der Wendengöttin Garn und Stoff opfern und am erst am folgenden Abend ihre Arbeiten beim Nähen, Weben und Sticken beginnen dürfen.

Die Spinnte in ihrer neuzeitlichen Form gibt es immer noch: Fast jährlich treffen sich in Leipe bei Sigrid Konzack und in Burg bei Christa Dziumbla Frauen und Männer(!) zur Spinnte.

Die Leiperin Sigrid Konzack mit ihrem Bruder Berthold Lehnigk beim Verspinnen von Schafwolle.

Der Burger Dieter Dziumbla verspinnt Schafwolle.

Die Lübbenauer Neuauflage des Spinnteabends

Zum ersten Spinnteabend im Lübbenauer Kulturzentrum Gleis 3 kamen sieben Frauen. Sie einte der Willen, sich der alten Technik zu stellen und wie ihre Großmütter die langen Winterabende sinnvoll zu verbringen. Fast alle kamen mit einem alten, meist ererbten, Spinnrad, welches erst einmal daheim vom Staub der Jahrzehnte befreit werden musste. Nicht alle hatten Schafwolle dabei, denn diese sollte an diesem Abend unter Anleitung von Peter Lehmann versponnen werden. Das war auch nicht nötig, denn der Kursleiter brachte selbst welche mit: im Regenwasser gewaschene, schon vorgekämmte und auch frische geschorene Wolle. Letztere sorgte bald für fettige Hände und einem kräftigen Stallgeruch, dem mit Lüften abgeholfen werden konnte… . Christine Bielagk aus Luckau war eine derjenigen, die sich ihre Wolle mitgebracht hatte. „Ich war kürzlich in der Krabatmühle und habe mir dort vorgewaschene und zum Spinnen aufbereitete Wolle gekauft. Auslöser war ein Geschenk meiner Familie, die mir Handarbeitsversessenen ein altes Spinnrad schenkte. Nun warten wohl alle auf meine ersten selbstgestrickten schafwollenen Socken, vermute ich …!“

Die junge Lübbenauerin Lisa Wimmer fühlt sich ebenfalls zum alten Handwerk hingezogen. „Ich habe daheim schon einen Webrahmen, habe auch schon erste Kurse besucht und hoffe nun, meinem Können noch denn nächsten Schliff zu geben“, erzählt sie. Doch bevor sich die ersten Spulen füllen sollten, war noch Detailarbeit nötig: Hier klemmte die Spindel, dort riss der Antrieb und manchmal fehlte die Einfädelnadel. Bis alle Spinnräder richtig und unter Last surren konnten, war erst mal Leerlaufarbeit angesagt: Peter Lehmann ließ die Schuhe ausziehen und bat die Teilnehmerinnen ihre Spinnräder anzutreiben. Dies erwies sich als gar nicht so einfach, denn um ordentlich spinnen zu können, muss sich mit möglichst gleichmäßiger Geschwindigkeit die Spindel drehen. Schon nach wenigen Minuten machten Fuß und Wade auf sich aufmerksam. „Erstaunlich, wie meine Oma ohne zu klagen stundenlang spinnen konnte, sich dabei nicht beschwerte, und sie konnte sich noch mit mir unterhalten und alte Geschichten erzählen“, berichtete eine Kursteilnehmerin, sich dabei die Wade massierend.

Bald füllte ein Surren den Raum, alle Spinnräder verbreiteten eine Atmosphäre, wie sie wohl einst in den Spreewälder Stuben zur Zeit der Spinnte vorherrschend war. Mit Gesang ging es aber bei der Lübbenauer Neuauflage noch nicht, dazu waren alle viel zu konzentriert bei der Arbeit und mussten auch mal zwischendurch Fuß und Wade eine Pause gönnen. Doch am Ende des Abends waren einige Spulen gut gefüllt.

Peter Becker, 21.12.21/10.02.22

Über Peter Becker 262 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.