Mehr als eine Tracht …

Sabrina Kuschy im Gespräch mit Thomas Mietk (Foto: P. Becker)
Zweisprachige Ausschilderung in Schlepzig
Zweisprachige Ausschilderung in Schlepzig (Foto: P. Becker)

Urlauber und manche Einheimische reduzieren das Sorbische/Wendische oft nur auf das Tragen der Tracht. Dabei ist das nur ein äußerer und dazu ein oberflächlicher Eindruck. Mit der Tracht sind Traditionen und Sprache eng verbunden, mit ihr identifiziert sich eine nationale Minderheit, ein slawisches Volk vom Stamme der Lusici – sie waren es, die vor etwa 1500 Jahren die unwirtliche Spreeniederung besiedelten. Germanische Stämme hatten sie vermutlich wegen dieser Unwirtlichkeit einst verlassen, sie blieb über Jahrhunderte menschenleer.

Das Werden und Wachsen dieser Volksgruppe, den heutigen Sorben -von manchen auch Wenden genannt- wissenschaftlich aufzuarbeiten und auf eine allgemeingültige Stufe zu stellen, hat sich eine Projektgruppe zum Ziel gemacht. Dabei will man sich auf das heutige Kreisgebiet Dahme-Spreewald konzentrieren, um sich nicht in zahlreichen Details und Besonderheiten zu verlieren.

Die Beauftragte für die Angelegenheiten der Sorben/Wenden beim Landkreis, Sabrina Kuschy plant in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Kreisarchivs Dahme-Spreewald, Thomas Mietk, einen öffentlichkeitswirksamen Band zum Forschungsstand der sorbischen/wendischen Kultur, Geschichte und Identität herauszugeben. Mietk sagt dazu: „Dieses Buch soll eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte und der Brauchtumspflege im Siedlungsgebiet des Landkreises Dahme-Spreewald sowie die gegenwärtige Situation der Sorben/Wenden darstellen“.

Auf über 300 Seiten wird erstmalig und vollumfänglich das sorbische Leben einer Region dargestellt werden. Es wird das heutige Wirken vieler engagierter Menschen, nicht nur dass der Sorben/Wenden, zeigen und auch Wege nennen, wie Tradition und Sprache erhalten werden können. Fünf Autoren, unter ihnen  Historiker und Archivare, sind am Arbeiten, sie tragen zusammen und bereiten den Text für eine breite Leserschaft auf.

Brotaufstriche von Gisela Christl, gleichberechtigt etikettiert in beiden Sprachen (Foto: P. Becker)
Straupitz zeigt Zweisprachigkeit (Foto: P. Becker)

Gerade die Zweisprachigkeit ist (natürlich neben der Tracht) eine Besonderheit der Region, die den Gast neugierig macht. Dazu reichen zweisprachige Ortsschilder nicht aus, aber sie sind schon mal ein guter Anfang. Wie es im ganz Kleinen, im Alltäglichen, gehen kann, zeigt die Gästeführerin Gisela Christl. Sie gibt auf Ihrem sorbischen Bauernhof, dem serbki burski dwór in Steinkirchen, an ihre Besucher selbstgemachte Brotaufstriche ab – auf dem Etikett steht dann eben neben Himbeergelee gleichberechtigt in gleicher Schriftgröße die sorbische Bezeichnung: Malinkowy želej.

Der sorbische/wendische Bauernhof von Gisela Christl in Lübben/Steinkirchen (Foto: P. Becker)

Urlauber sehen es besonders gern, wenn sie die Besonderheit der Region in Form der Schriftsprache mit nach Hause nehmen können! Vielleicht findet ihre Idee Nachahmer, vielleicht steht auf heimischen Gurkenkonserven auch bald mal górki?

Sabrina Kuschy: „Wir sind uns sehr bewusst über den Schatz, den wir mit der sorbischen/wendischen Sprache und Kultur in den Händen halten. Diese einzigartige Kostbarkeit wollen wir mit dem Buch -Mehr als eine Tracht…Sorbische/wendische Kultur, Geschichte und Identität im Landkreis Dahme-Spreewald- für alle Generationen bewahren und hinaustragen.“ Voraussichtlicher Erscheinungstermin ist Mitte nächsten Jahres.

Sabrina Kuschy im Gespräch mit Thomas Mietk (Foto: P. Becker)
Über Peter Becker 207 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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