Vor 175 Jahren erhielt Cottbus den Anschluss an die Welt – durch die Cottbus-Schwielochsee – Eisenbahn

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Cottbus eine Stadt, die kaum an ein Wegenetz angebunden war. Alle Transporte mussten mit Fuhrwerken durch Sand und Schlamm, durch Schnee und Eis, bewerkstelligt werden. Meist gingen sie in Richtung Schwielochsee, um von dort über die Spree mit Segel-, später Dampfschiffen, ihre Reise nach Berlin und weiter in die Hafenstädte Hamburg und Stettin anzutreten. Dies alles war der inzwischen sich schnell entwickelnden Cottbuser Tuchindustrie nicht förderlich, denn andererseits war sie auch auf Maschinenlieferungen und Waren aller Art verstärkt angewiesen.

Der Streckenverlauf der Pferdebahn (rot) war nicht mit dem der späteren Spreewaldbahn identisch. (Grafik: Andreas Graf)

Ein junger Textilunternehmer (Brückners Erben), Heinrich Albert Liersch, der vor 200 Jahren in Cottbus geboren wurde, war es schließlich, der die Idee einer Schienenverbindung von Goyatz nach Cottbus der örtlichen Unternehmerschaft und den Stadträten vortrug. Nach anfänglichem Zögern wurde dem zugestimmt, eine Aktiengesellschaft gegründet und nach kurzer Bauzeit startet am 24. Juni 1846 das erste Pferdegespann auf Schienen in Goyatz in Richtung Cottbus. In etwa acht bis zehn Stunden war die Fracht am jeweiligen Zielort. Die Strecke führte fast geradlinig von Goyatz nach Cottbus, Senken wurden mit Dämmen ausgeglichen, Hügel wurden durchschnitten, um ein möglichst gefällearmes Streckenprofil zu bekommen. Noch heute sind diese Bauabschnitte besonders im Byhlener Raum gut zu erkennen, die in nur einem Jahr Bauzeit -mit Schubkarre und Schaufel- errichtet wurde. Durch das Profil wurde es möglich, mehrere Wagen aneinander zu koppeln und sieben bis acht Tonnen Last zu befördern. Der Pferdelenker ging neben dem Gleis, wird sich aber bei leichteren Lasten durchaus auch mal auf einer Art Kutschbock etwas ausgeruht haben.

Darstellung des Betriebes in einer Illustration von Ingrid Groschke (Lübben)

Die Investoren hatten in ihren Planungen bereits den späteren Einsatz von Dampflokomotiven vorgesehen, deshalb waren die Schienen in der heute bekannten Normalspur verlegt worden. Doch aus verschiedenen Gründen sollte es nicht dazu kommen. Bis 1879 fuhr die Pferdebahn, bis sie wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt werden musste. Seit 1866 war Cottbus inzwischen über die Berlin-Görlitzer Eisenbahn ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen, die Waren gelangten jetzt viel schneller, wetterunabhängiger und vor allen Dingen billiger in die Stadt und aus ihr heraus.

Der Cottbuser Anzeiger widmete sich in einem Leitartikel der Pferdelok, der „bahnbrechenden Erfindung“ die aber nie in der Praxis zum Einsatz kam. (Slg. Gebler)

Über die Pferdebahn, genauer Pferdeeisenbahn, kursieren bezüglich des Antriebs Geschichten, die sich als unwahr herausstellten. Eine bezieht sich auf den Antrieb durch eine Pferdelok, bei der die Tiere ein Förderband unter sich wegtraten, welches mittels eines Getriebes die Antriebskraft auf die Schienen bringen sollte. Diese Impulsoria genannte Maschine hat es nie über das Patentstudium hinausgebracht, sie blieb eine „Papierlok“. Dennoch ist sie auf Anschauungstafeln im Goyatzer Raum zu sehen und vermittelt leider einen falschen Blick auf die Geschichte der Bahn.

Abenteuerlich, aber nie im Einsatz: die Pferdelok Impulsoria (Quelle: Wikipedia)

Erst 20 Jahre nach dem Ende der Pferdebahn sollte es wieder eine Eisenbahnverbindung durch den Spreewald geben, diesmal auf ganz anderen Strecken als auf der ehemaligen Pferdebahntrasse. Über 70 Jahre versah die „Bimmelguste“, wie sie liebevoll genannt wurde, ihren Dienst, bevor sie 1970 ihren Betrieb einstellen musste. Erst diese Verkehrsverbindung brachte den Spreewald näher an die Welt heran. Die Pferdebahn verfolgte nur das Ziel, die Stadt Cottbus ans Verkehrsnetz anzubinden, der Spreewald mit seinen Fließen und Niederungen wurde damals eher als Hindernis angesehen.

Episoden und Anekdoten

Wenn auch die Pferdebahn seit weit über 100 Jahren Geschichte ist, so hat sich doch manche Episode oder Anekdote erhalten, als die Kutscher allein mit ihrer Fracht durch die Wälder zogen. Manch Begehrlichkeit wurde dabei geweckt, besonders unter dem Aspekt, dass der oft durstige und hungrige Kutscher manchmal wusste, welche Frachter er beförderte. Von Pökelfleisch über Fettheringe bis zum Branntwein – alles war vorhanden, nur nicht für ihn erreichbar. Oder doch? Wenn man nur erfinderisch genug war, kam man an die Ware ran. So manch Kutscher soll ziemlich betrunken am Ziel angekommen sein – die Pferde trotteten ihren schienengebundenen Weg auch allein. Den Branntwein genoss der Lenker durch einen Strohhalm aus einem selbst gebohrten Miniloch im Branntweinfass! Diebstahl war an der Tagesordnung, auch als Kompensation für zu geringe Entlohnungen. Die Spediteure zahlten in der Folge noch weniger, weil sie vom Diebstahl ihrer Waren wussten und ihn zumindest bei Kleinmengen tolerierten – ein Teufelskreis!

Wie der Bohnenkaffee in den Spreewald kam: Ein Kutscher brachte seiner Frau ein Säckchen grünlicher Bohnen mit. Er hatte gehört, dass sie mit Milch genossen eine Delikatesse sein sollen. Die Frau gab sich große Mühe, aber die Bohnen wollten in der kochenden Milch einfach nicht weich werden. Es bedurfte einiger weiterer Test und Tipps, bis der Kaffee richtig zubereitet werden konnte.

Was gut riecht, muss nicht gut schmecken – oder als Kosmetik noch nicht bekannt war: Der Mann einer jungen Frau hatte ein Döslein „gefunden“ und es seiner Gattin zum Geschenk gemacht. Als sie es öffnete, nahm sie einen wundersamen Duft wahr. Sie bestrich damit eine Brotscheibe und biss voller Genusserwartung hinein. Der Geschmack war eher enttäuschend, auch Salz, Pfeffer oder Zucker halfen nicht. Eine Nachbarin konnte aufklären: Es war Haarpomade.

Über Peter Becker 207 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

1 Kommentar

  1. Ein tolles Jubiläum. Eine tolle Geschichte – Pferdeeisenbahn. Wer kann sich dies in unserer schnellebigen Zeit noch vorstellen. Und wir werden wieder dahin kommen: alles BIO und völlig nachhaltig. Aber etwas schneller sollte es schon gehen. Es wird bestimmt ein schönes Heft und sollte die Gäste im Spreewald mal auf Spurensuche nach alter Technik bringen. Andreas Graf Byhlen-Berlin

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