Kirche und Kneipe – gelebtes Zusammenleben (Hotel Bleske, Burg)

Hotel Bleske, Burg

Friedrich Wilhelm Krüger (1850 – 1899) baute 1876 die Gaststätte gegenüber der Kirche. Vielleicht fand er den Platz besonders geeignet, denn nach dem Kirchgang sollte es üblicherweise bis zum Bier nicht allzu weit sein.

Fotoalbum

Genau dies missfiel dem Pastor: Er hatte etwas gegen den Bau der Gaststätte, die er als Sündenbabel bezeichnete und er versuchte, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Krüger hielt dagegen und ließ das Haus so planen, dass von der Gaststättentür bei geöffneter Kirchentür der direkte Blick auf den Altar möglich war und den reuigen Sündern leichter zurück zum Herrn führen sollte – so seine Gegenargumentation. Später wird der Kirchenblick gewinnbringend in der Werbung für das Haus eingesetzt, das jetzt Restaurant zum Reichsadler hieß: „Günstigster Beobachtungspunkt des Kirchganges“. Es war ja auch nicht irgendein Kirchgang, der zu beobachten war, sondern ein ganz besonderer. Wie in allen sorbischen/wendischen Siedlungsgebieten der Ober- und Niederlausitz, trugen die Frauen dazu die schwarz-weiße Kirchgangstracht. Für die Urlauber, die zumeist aus Berlin kamen, war dies stets ein Erlebnis und gut von der Terrasse der Gaststätte zu beobachten – heute noch, allerdings fast nur noch zu Ostern, dem hohen Fest der Sorben und Wenden.

Der Familie Krüger war kein besonders langes Leben beschieden. Er und seine Frau Marianne, gebn. Jarick, verstarben 1899 und 1900 und hinterließen drei minderjährige Töchter. Eine Tochter war Luise Krüger, sie heiratete um 1904 Gustav Roschke, den Besitzer des Leiper Gasthauses Eiche. Die Gaststätte wurde von einem H. Broddack geführt, wie aus einer Anzeige von 1908 zu entnehmen ist. Möglicherweise war es auch der von der Familie bestimmte Vormund der Töchter. Das Haus trug zu dieser Zeit den Namen Broddack’s Restaurant. Der Werbener Paul Bleske übernimmt 1910 die zum Verkauf stehende Gaststätte. Über die Gründe, die zum Verkauf führten, ist nichts bekannt. Paul Bleske, aus Goyatz abstammend, war Fischhändler in Cottbus. Er heiratete die Werbenerin Martha Smalla und führte mit ihr in Werben eine Gaststätte[1]. Wegen der Konkurrenzsituation (zwei Gaststätten im Ort) gab er auf und erwarb am 5. Oktober 1910 die Burger Gaststätte und benennt sie in Hotel Reichsadler um. Paul Bleske ging mit der Brauerei Kirchner (später Stadtbrauerei Cottbus, jetzt Kirchners Brauerei Drebkau) einen Liefervertrag ein, der noch heute besteht! Zwei Jahre nach der Gaststättenübernahme wird Sohn Ernst geboren, der später die Gaststätte übernimmt. Der 1. Weltkrieg führte zu einem Einbruch der Gästezahlen, erst danach entwickelte sich der Spreewaldtourismus allmählich wieder. In Griebens Reiseführer findet die Gaststätte 1927 Erwähnung: Hotel Reichsadler mit 12 Zimmern, 20 Betten, Garten, Veranda und Fuhrwerk. In anderen Reisebeschreibungen werden noch eine eigene Badeanstalt an der Spree mit Sonnenbädern, eine Autogarage und eine hauseigene Tankstelle genannt sowie eine Zentralheizung und fließendes Wasser. Paul Bleske hatte sich einen größeren Abschnitt des Leinweberfließes sichern lassen und übte dort das alleinige Fischereirecht aus. Die kostengünstig gefangenen Fische bereicherten die Speisekarte. Inzwischen wurde das Gasthaus um einen Hotelteil erweitert. Der „Reichsadler“ entwickelte sich immer mehr zum dörflichen Mittelpunkt. Feuerwehr, Vereine und gelegentlich die Gemeindevertretung nutzten das zentral gelegene Haus. Dass alle Bleskes Mitlieder der Feuerwehr waren und noch sind, versteht sich da fast von selbst. Der 50. Jahrestag der Burger Wehr wurde 1931 im Haus gefeiert. In der Festschrift war danach zu lesen: „Das Hotel Reichsadler bot den Kameraden einen angenehmen Aufenthalt, eine reichhaltige Speisekarte. Spezialität: Fisch mit Spreewaldthunke zu herabgesetzten Preisen.“

Aus den 30-iger Jahren stammt die noch heute vorhandene Schmetterlingssammlung. Ernst Bleske (sen.) hat 560 Schmetterlinge aus aller Welt gesammelt und fachgerecht präpariert. Er ist aber nicht durch die Welt gereist, wie anzunehmen wäre, sondern hat einen Tausch betrieben, wie es andere mit Briefmarken machten. Sein Tauschobjekt war der Totenkopffalter, der selten vorkommt. Ab und zu soll man damals den Gastwirt mit Kescher und Lampe gesehen haben, als er in der Dunkelheit auf dem Friedhof dem Falter nachstellte. Auch auf Kartoffelfeldern war der begeisterte Schmetterlingssammler gelegentlich anzutreffen, einem weiteren Lieblingsaufenthaltsort des Falters.

Wieder führte ein Krieg fast zum wirtschaftlichen Ruin. Paul Bleske wollte schon früher übergeben, aber sein Sohn Ernst war zum Kriegsdienst eingezogen worden. Erst 1946, nach dessen Rückkehr aus der Gefangenschaft, konnte die Übergabe stattfinden – zwei Wochen später verstarb Paul Bleske. Ernst Bleske führte als erste Maßnahme die Umbenennung in Hotel Bleske vor, der Reichsadler an der Front des Hauses passte nicht zur neu anbrechenden Zeit und wurde entfernt. Ernst Bleske war mit der Papitzerin Helene Ernst verheiratet, Sohn Ernst kam 1942 zur Welt. Dieser übernahm 1968 von seinem Vater die Geschäfte des Hauses. Dass der Vater aufgeben wollte, lag nicht unbedingt an seinem Alter, er war erst 56 Jahre, sondern an den Arbeitsbedingungen, die im Kern Mängel auf allen Ebenen offenbarten. Da privat betrieben, durften vom Gastwirt nur Löhne unterhalb der Konsum- und HO-Tarife gezahlt werden, mit der Folge, dass sich kaum Arbeitskräfte fanden. Es gab erhebliche Zuteilungsprobleme an Waren, die sich erst dann leicht besserten, als Ernst Bleske jun. Konsum-Kommissionshändler wurde. Der zuständige Mitarbeiter bei „Handel und Versorgung“ war CDU-Mitglied und bevorzugte bei der Verteilung seine Parteifreunde, wie Ernst Bleske bald feststellte. Ein Grund, weshalb auch er in diese Partei eintrat, sie aber 1990 schleunigst wieder verließ. Der allgemeine Mangel an Waren und Material aller Art führte andererseits zu dem glücklichen Umstand, dass in den Gasträumen praktisch nichts erneuert werden konnte. Die Bestuhlung, das Interieur, die alte Kasse – alles ist aus der Zeit von 1910 und den Jahren danach. Heute werden diese Originale von den Gästen bestaunt! Wie schon sein Vater, der 2004 verstarb, frönte auch Ernst Bleske der Sammelleidenschaft. Bei ihm waren es – Kinderwagen. Sein ältestes Modell ist von 1890. Gelegentlich holt er sie aus der Garage und stellt sie vors Haus. Besonders stolz ist er auch auf sein altes Victoria-Motorrad KR 35 von 1935, von dem es nur noch 25 Stück gibt. Zum 100-jährigen Jubiläum der Familiengaststätte übergab er den Oldtimer an seinen Sohn Torsten Bleske. Dieser hatte schon 2002 mit seiner Frau Silke die Geschäfte übernommen.

Zeittafel

1876 Als Gaststätte mit Quartieren erbaut, erhielt sie später den Namen „Restaurant zum Reichsadler“, Erbauer: Friedrich Wilhelm Krüger[2] (geb.31.12.1850, gest. 29.09.1899) verh. mit Marianne, geb. Jarik (geb.09.12.1854, gest. 16.05.1900). Nach dem Tod des Ehepaares Krüger gab es für die 3 Töchter[3] einen Vormund. Dieser hat dann auch den Verkauf des Hotels “Reichsadler” getätigt.
1908 In einer Anzeige: „Gasthaus von Broddack[4], gegenüber der Kirche“ – „Von seinem schattigen Garten beobachtet man den Kirchgang sehr gut.“
05.10.1910 Paul Bleske[5] übernimmt das Hotel und gibt gleichzeitig seine Werbener Gaststätte auf. Seit dieser Zeit vertreibt die Gaststätte das Cottbuser Kirchner Bier (später Stadtbrauerei Cottbus, jetzt Kirchners Brauerei Drebkau)
05.10.1912 Ernst Bleske sen. geboren, heiratete später Helene aus Papitz (verst. 2004)
18.08.1912 Luftbad mit Brausebad eröffnet (Tagebuch H. Steffen)
1927 Erwähnung in Griebens Reiseführer: Hotel Reichsadler mit 12 Zimmern, 20 Betten, Garten, Veranda und Fuhrwerk; in anderen (undatierten) Reisebeschreibungen werden noch eine eigene Badeanstalt mit Sonnenbädern, Autogarage und Tankstelle genannt sowie eine Zentralheizung und fließendes Wasser
1931 Die Burger Feuerwehr feiert im „Reichsadler“ ihren 50. Jahrestag[6]. Die Gaststätte war viele Jahrzehnte Vereinslokal, alle Bleskes waren Mitglied der freiwilligen Feuerwehr
1945 Umbenennung in Hotel Bleske, der Reichsadler im Giebel wird 1947 entfernt
1946 Paul Bleske[7] verst., Ernst Bleske sen. übernimmt die Gaststätte
1929? Gemeinderatsbeschluss zum Spreebad: Bleske stellt fünf seiner zehn Umkleidekabinen zur Verfügung und gestattet die Aufstellung von Sitzbänken auf seinem Grundstück
1930 Gaststättenerweiterung um einen Hotelteil
1949 Umbenennung in „Hotel Bleske“
1968 Ernst Bleske jun. übernimmt von Ernst Bleske sen., die Gaststätte wird als Kommissionshandel Konsum geführt, der Hotelteil bleibt privat
1975 Die Gaststätte gibt den Tankstellenbetrieb und die Landwirtschaft auf
2002 Torsten Bleske übernimmt mit Silke Bleske die Gaststätte
2004 Ernst Bleske sen. in Burg verstorben

 

[1] Smallas Gaststätte, gegründet 1869

[2] Burger Steuerrolle von 1758 erwähnt die Schankwirte Wilhelm und Reinhard Krüger, 1874 – 76 Ernst und Wilhelm Krüger (der Erbauer des Reichsadlers?)

Der Pastor der gegenüberliegenden Kirche hatte etwas gegen den Bau der Gaststätte („Sündenbabel“) und versuchte ihn zu verhindern. Der Erbauer (Krüger) hielt dagegen und ließ das Haus so planen, dass von der Gaststättentür der direkte Blick (bei geöffneter Kirchentür) auf den Altar möglich war und den reuigen Sünder leichter zurück zum Herrn führen sollte – so sein Abkommen mit dem Pfarrer. Über den Gegenblick so manch durstiger Kehle vom Altar in die Gaststätte und dessen Folgen, schweigt die Chronik…

[3] Eine Tochter war Luise Krüger, spätere Roschke (s. Gasthaus Eiche)

[4] Möglicherweise ein Pächter oder der Vormund der drei Töchter, denn ein Krüger soll an Bleske 1910 die Gaststätte verkauft haben

[5] Paul Bleske, aus Goyatz abstammend, war Fischhändler in Cottbus. Er heiratete die Werbenerin Martha Smalla und gründete (1906?) in Werben eine Gaststätte. Wegen der Konkurrenzsituation (zwei Gaststätten im Ort) gab er später auf und erwarb den Reichsadler in Burg. Er besaß an einem großen Leineweberabschnitt das alleinige Fischrecht und konnte so preiswert Fisch in seiner Gaststätte anbieten. Für ihn arbeiteten angestellte Fährleute, er hatte auch eine eigene Badeanstalt an der Spree errichtet.

[6] Festschrift der Feuerwehr: „Das Hotel Reichsadler bot den Kameraden einen angenehmen Aufenthalt, eine reichhaltige Speisekarte. Spezialität: Fisch mit Spreewaldthunke zu herabgesetzten Preisen…“

[7] Paul Bleske verstarb zwei Wochen nach der Rückkehr seines Sohnes Ernst aus der Gefangenschaft.

Peter Becker, überarbeitet Januar 2017

s.a. Becker/Franke: Spreewald kulinarisch, Limosa 2015

Über Bomenius 111 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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