Ein Haus mit zwei Namen: Bahnhof Jamlitz oder Bahnhof Lieberose?

Ein neues Buch klärt nicht nur darüber auf, sondern über sehr viel mehr

Etwas verwirrt umkreist der Besucher das ehemalige Bahnhofsgebäude in der Gemeinde Jamlitz: Hatte er nicht eben das für Bahnhöfe so typische Schild „Jamlitz“ gesehen, Schwarz auf Weiß? Auf der Rückseite des Gebäudes angekommen, steht „Lieberose“. Wo bin ich eigentlich, mag sich der Ortsunkundige und eher zufällige Besucher denken. Dass das nicht immer so war, sondern erst seit wenigen Jahren so ist, erfährt der Nachfragende von den jungen Leuten im Haus. Es sind Jugendliche, die im Rahmen eines Hilfsprojekts im Haus leben und sich neu orientieren wollen. Das heutige Justus-Delbrück-Haus ist Herberge und Lebensmittelpunkt für junge Menschen geworden.

Jamlitz, Lieberose … diese Orte stehen für viele heute noch als Inbegriff finsterster Geschichtsepochen. Begonnen hatte dieses Kapitel in den 1940er-Jahren, als die SS mit Hilfe von KZ-Gefangenen, zumeist Juden, einen Truppenübungsplatz erbauen ließ. Der Bahnhof und seine abgeschiedene Umgebung eigneten sich dafür bestens. Später erwies sich diese „Eignung“ in anderer, noch schlimmerer, Weise von Vorteil, nämlich als KZ-Häftlinge in großem Umfang in die nun dafür umfunktionierten SS-Baracken verbracht wurden. Kranke, Alte und Schwache gingen in Gegenrichtung von hier auf Transport nach Auschwitz – ihrem sicheren Tod entgegen. Nach der Besetzung des Lagers durch die Sowjetarmee wurde es genutzt, um Menschen, die unter Verdacht standen, dem NS-Regime gedient zu haben, zu internieren. Viele von ihnen überlebten die grauenvollen Haftbedingungen nicht.

Der Bahnhof geriet noch einmal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als die sowjetischen Truppen aus Deutschland abzogen und große Teile von ihnen 1992 in Jamlitz verladen wurden. Ein letzter Akt in der Bahnhofsgeschichte fand 1996 statt, als der letzte Zug den Bahnhof verließ – das Gebäude hatte seine Funktion verloren.

Wie es zu den zwei verschiedenen Beschilderungen genau kam, ist in dem eben erschienenen Buch „Der Bahnhof in Jamlitz von seinem Entstehen bis zur Gegenwart. Ein besonderes Kapitel deutscher Eisenbahngeschichte 1876 bis 2021″ von Andreas Weigelt nachzulesen: Der Autor, Historiker und zugleich Leiter der Dokumentationsstelle des Lagers Jamlitz, regte 2017 an, die verschiedenen Bahnhofsbezeichnungen, die das Gebäude einst trug, auf diese Weise zu würdigen. Nie hat das Gebäude in seiner Geschichte zwei Bahnhofsnamen gleichzeitig getragen, aber gelegentlich wechselnde, den jeweiligen Befindlichkeiten und Anordnungen geschuldet.

Darüber und über weitaus mehr rings um die geschichtsbeladene Stätte erfährt der Leser aus der Feder des Autors. Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes groß und gewichtig und enthält auf 345 Seiten fundierte Geschichte, gesammelt und zusammengetragen von zahlreichen Helfern, von Menschen, die Jamlitz auf irgendeine Weise verbunden waren oder sind. Das Buch bildet den Zeitraum zwischen Pferdebahn und dem heutigen Justus-Delbrück-Haus detailliert ab, akribisch recherchiert und umfangreich dokumentiert. „Ein Bahnhof im Spiegel seiner wechselvollen Zeitgeschichte“ – so könnte das Buch im Untertitel auch heißen. Oder: „Welcher deutsche Bahnhof stand in 145 Jahren mehr im Fokus des Zeitgeschehens als Jamlitz?“

Quellen:

Andreas Weigelt: Der Bahnhof in Jamlitz von seinem Entstehen bis zur Gegenwart, REGIA-CO-WORK 2021, Hrsg. Evangelische Kirchengemeinde Lieberose und Land

https://www.demokratiebildung.info/

Das Buch kann zum Preis von 35 EUR hier erworben werden:

Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Land
Dr. Andreas Weigelt
Leiter der Dokumentationsstelle Lager Jamlitz
Evangelische Kirchengemeinde Lieberose und Land
Markt 19
15868 Lieberose
Tel. 033671-280032  
info@die-lager-jamlitz.de

Peter Becker, 08.11.21

Über Peter Becker 231 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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