Abschied von Lieberose

Wechsel – Abschied – panta rhei – Ende und Anfang (Gastbeitrag von Michael Becker, Schauspieler)

Alexa sagt für „Lieberose, Deutschland“ sechs bis neun Grad, Wind und bedeckten Himmel voraus. Schaue ich vom Balkon im neunten Stock meiner Cottbuser Wohnung sehe ich das würdige Theater inmitten des Häusermeeres der Stadt, darüber hellblauen Himmel und Sonnenschein. Dieses Theater war fünfunddreißig Jahre lang mein Lebensmittelpunkt, meine Heimat, mein Zuhause, meine Familie, dort stand ich mein halbes Leben auf den Brettern, die mir die Welt bedeuteten. Das letzte Mal spielte ich am 3. März 2018 den Giles Corey in „Hexenjagd“ von Arthur Miller und ich nahm ein grusliges Ende. Weil ich standhaft blieb, wurde ich umgebracht. Man legte mir schwere Steine auf den Brustkorb und erdrückte mich so. Ich erstickte. Meine letzten Worte sollen „Mehr Gewicht“ gewesen sein. Sehe ich heute Bilder im Fernseher vom Sterben Corona-Erkrankter auf den Intensivstationen der Krankenhäuser, stelle ich mir vor, dass diese Menschen ähnlich wie Giles Corey zu Grunde gehen. Sie ersticken. Gruseliges Ende. 50.000 Menschlein sind bis heute, sagt das Morgenmagazin des Fernsehers eben, an der Corona-Krankheit durch Erstickung von der Welt gegangen. Fast täglich starben bisher etwa 1000 Väter, Mütter, Töchter, Söhne, Geliebte, Großmütter, Großväter, Kollegen, Fremde, Nachbarn, Bekannte, Unbekannte. Man muss kein Verschwörungsidiot sein, um festzustellen, dass diese Epidemie ein Zeichen darstellt: für die Menschen, weltweit. Die eigentliche Epidemie, die über uns hereinbrach, ist die Gier nach Mehr, Weiter, Höher, Schneller, Reicher. Kein Warnen und Mahnen halfen.

Wir stecken fest, und es wird kein „Weiter so“ geben, nichts wird mehr so sein, wie vorher. Wir sind an einem Wendepunkt angekommen und müssen uns entscheiden: Untergehen, oder eine völlig neue Lebensweise anstreben. Amerika hat exemplarisch den Untergang der alten Welt vorgeführt. Lügen, Dummheit, Krieg, Egoismus, Barbarei, Weltzerstörung, Unkultur sind der Dreck, in dem sie erstickt. Eine Krankheit stoppt den Wahnsinn. Grotesk waren die Bilder im Fernseher vor wenigen Tagen. Verblödete, gelenkte Massen im Sturm auf das Heiligtum eines Imperiums, das die Welt beherrschen wollte. Totale Kulturlosigkeit entlarvt sich in Gänze. Ein Unausprechlicher fliegt zu den Klängen von Frank Sinatras „My Way“ davon. Ein neuer Unaussprechlicher wird thronisiert mit Gesang von Lady Gaga.

Geschützt wird das Ganze durch bis an die Zähne bewaffnetes Militär. Ein grusliges Ende. Ein grusliger Anfang. Gruslige Aussichten. „Es wechseln die Zeiten, die riesigen Pläne der Mächtigen kommen am Ende zum Halt“ singt Brecht im Lied von der Moldau. „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, es wechseln die Zeiten, dann kommt schon der Tag.“ Wechsel – Abschied – panta rhei. Heraklid grüßt.

Heute ist es nun soweit. Am Nachmittag werde ich nach Lieberose fahren und den neuen Besitzern die Schlüssel für mein Haus übergeben. Meine Ära geht zu Ende, neues Leben zieht ein. Was habe ich auf diesem schönen Fleckchen Erde nicht alles erlebt. Hier hat sich mein halbes, privates Leben abgespielt. Einst wohnte das kinderlose Ehepaar, Herr und Frau Barthel, in dem Häuschen, später der alte Krüger. Ich sehe ihn noch auf der Kellertreppe sitzen, die in seine Küche führte. Er spielte Akkordeon und sang mit tiefer Bassstimme ostpreußische Lieder. Meine Großmutter zog ein und lebte dort bis zu ihrem Tod. In Krügers Küche wurden nach dessen Tod Karnickelfelle und Altpapier aufgekauft. Monatlich kam ein Aufkäufer aus Beeskow. Er lobte den Geschmack des guten Wassers von Omas grüner Hofpumpe. Die hielt Herr Molzen, der damals bei Reinhards, gegenüber wohnte, als Brunnenbauer in Ordnung. Er war ein guter, freundlicher, Kerl und machte das für ‘ne Tasse von Omas gutem Kaffee, „Jacobs Krönung“. Mit Mike, meinem langjährigen Lebenspartner, erlebte ich die beste Zeit in der Mühlenstraße 14. Er war ein bildschöner, handwerklich geschickter, in der Familie und eigentlich bei jedermann außerordentlich beliebter, verrückter Kerl. Das Haus wurde umgebaut, bekam ein neues Dach und die großen Glastüren zum hinteren Garten. Wir hatten zwei Schafe, drei afrikanische Bergziegen und ein vietnamesisches Hängebauchschwein, Zierenten, Hühner, eine Gans, die Hunde Pina, Moppi und Quinti, einen Papagei, Zwergzebrafinken und jede Menge Katzen. Ziegen, Schwein und Enten hatten wir dem Cottbuser Tierparkdirektor Klaus-Jürgen Jacob abgekauft. Es wurde viel gefeiert, gekocht und gegessen, getrunken, geraucht, und geliebt. Oma, meine Mutter, meine Schwester Katharina, Schwager Rüdiger, und Neffe Christoph, Tanten und Onkels, der damalige Kulturminister Herbert Schirmer, Schauspieler, Tänzer, Musiker, Sänger, Freunde von Mike und mir und meine russisch-jüdische Mischpoke, waren oft und gern unsere Gäste. Mike verwandelte den Garten zu einem meiner Geburtstage in einen Sommernachtstraum.

Überall Kerzen, auf den Wegen, in den Bäumen, im Haus. Im Kupferkessel, der am Pflaumenbaum hing, köchelte „Indisch Lamm“. Der Schäfer hatte es vor aller Augen geschlachtet und ausgeweidet. Es waren himmlische Zeiten mit Mike, neun glückliche Jahre. Die Beliebtheit von Mike hatte ihre Folgen. Eines Tages waren die himmlischen Zeiten vorbei. Mike zog aus. Ich blieb mit Oma, Pina, und dem restlichen Zoo zurück. Das Schwein, unsere Ms. Piggy, war schon in den Töpfen der Gaststätte „Zum Kleinbahnhof“ verbraten.

Die afrikanischen Ziegen machten Karriere, landeten im Stargarder Tierpark. Die beiden Schafe fuhr ich mit meinem grünen Trabi Kombi zu ihrem letzten Auftritt in den Cottbuser Schlachthof. Sie quittierten mein Tun, indem sie mir das ganze Auto vollschissen. Da es sich um Schafskacke handelte, die bekanntlich aussieht wie Munition, ließ sich ihre Rache mit Handfeger und Kehrschaufel beseitigen.

Wechsel – Abschied – Panta rhei. Zeit verging, Wasser floss weiter im Mühlenfließ, hin zum Schwielochsee und von dort weiter in die Ostsee. Alles fließt. „Auch der Kummer und die Tränen sogar – vergiss den Kummer und auch die Tränen vom vergangenen Jahr“ singt Brecht.

Neue Liebe – neues Glück. Mein neues Glück hieß Sascha. Wieder wurde gebaut, gekocht, getrunken, und geliebt. Geraucht wurde auch, aber anderer Tabak. Sascha hatte den Garten in eine Cannabis-Plantage verwandelt. Bis zu zwei Meter hohe Pflanzen zierten unsere grüne Hölle, unser Paradies, unseren Garten Eden. Auf dem Heuboden getrocknet verströmten sie ihren speziellen Duft, den Duft des Verbotenen. Niemand in Lieberose kannte das Zeug, niemand nahm Anstoß. Sascha war glücklich und ich fing seinetwegen wieder mit dem Rauchen an. Aus Liebe versteht sich. Jahre vergingen und auch Sascha verging, wie der Rauch. „Er verging wie der Rauch und die Wärme ging auch…“ singt Brecht. Auch Oma ging eines Tages und hinterließ, wie Sascha, eine traurige Lücke. Mutti und ich begleiteten Oma bis zu ihrem letzten Atemzug. Sie schlief ganz friedlich ein. Es war traurig, aber auch schön zu sehen, wie sanft Leben vergehen kann. Kein gruseliges Ende. Panta rhei.

Marianne, meine „Beinahe-Verlobte“ aus Oberschulzeiten kreuzte auf und brachte Marina, ihre beste Freundin, mit. Marianne ging, Marina blieb. Zwanzig schöne Jahre mit Marina folgten. Sie brachte Ruhe, Sicherheit und Ordnung in mein bis dahin wildes, verrücktes, schönes Leben. Wir hatten eine gute Zeit, lebten wie ein gutes Ehepaar. Aber die Liebe war nicht mehr zu Gast in der Mühlenstraße 14. Als Marina nach langer, gemeiner Krankheit starb, reifte in mir der Gedanke, mich von Lieberose zu trennen.

Ich habe dort so viel Freude, so viel Liebe, so viel Glück erfahren, dass es nicht schwer fällt „Adieu“ zu sagen. Ein junges Ehepaar zieht mit seinen kleinen drei Kindern ein. Neues Glück. Neues Stück – neues Glück, haben wir im Theater immer gesagt. Alles fließt – panta rhei. Das junge Ehepaar sind die Barthels aus Berlin. Diese haben aber mit den Barthels von einst nichts zu tun. Heute übergebe ich an sie die Haus- und Hofschlüssel. Ich wünsche ihnen Glück, Gesundheit und Freude, so wie ich lange, lange, sehr lange Glück, Gesundheit und Freude hatte, in meinem geliebten Lieberose, in meiner Villa Kunterbunt, in meinem Märchen-Zauber-Garten. Der alte König zieht aus und übergibt sein Königreich dem neuen König und seiner Königin und dem königlichen Nachwuchs. Gutes Ende. Guter Anfang.

Wechsel-Abschied-panta rhei.

Michael Becker, Cottbus, 20. Februar 2021

Über Peter Becker 202 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

1 Kommentar

  1. Cesćony kněz Becker,

    danke für den schönen Gastbeitrag. Es sind allerdings nicht weltweit 50.000 sondern vielmehr laut WHO 2.500.000 Tote in Zusammenhang mit COVID-19 zugrunde gegangen.

    Übrigens könnten sich wohl viele Wegzügler vorstellen, wieder in die Region zurückzukehren. Bei so einem Häuschen im Grünen könnte ich auch schwach werden!

    Luby póstrow
    Měto Balašk

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