Spreearm gibt Fischerkahn preis

Bei Tauche im Ortsteil Werder wurde bei Entschlammungsarbeiten an einem Spreenebenarm ein Kahn entdeckt. Der im gleichen Ort beheimatete Kahnbauer Mario Müller wurde an die Fundstelle gebeten, um mit ihm zu beraten, wie verfahren werden könnte. Den Beteiligten war klar, dass eine Bergung des vollständig im Schlamm liegenden Kahns einerseits notwendig war, damit der Beräumungsauftrag erfüllt werden konnte, andererseits aber auch mit massiven Beschädigungen gerechnet werden müsste. Gemeinsam mit Freuden und einem Trecker aus dem Dorf wurde der Kahn zentimeterweise aufs flache Ufer gezogen. Der Schlamm wurde entfernt – und ein Fischerkahn kam zum Vorschein, gebaut mit Vorder –, Heck-  und Kielsteven, mit Fischkasten und in Längsbohlenbauweise gefertigt. Diese Bauart ist einer frühen Form des Kahnbaus zuzuordnen, erst später wurden Querbohlen verbaut. Der spitze Bug und das ebenfalls spitze Heck ließen das Fischen in schmalen Gräben zu, er konnte sich so leichter durch den Pflanzenbewuchs bewegen. Tischlermeister Mario Müller: „Da ein Wenden im Graben nicht möglich ist, ließen die beiden Steven auch eine Fahrt in beide Richtungen zu.“ Der Kahnbauer, der inzwischen wieder die Längsbohlenbauweise für seine Kähne praktiziert, hat den Aufbau des gefundenen Kahns genau analysiert: „Ich bin über die Handwerkskunst erstaunt, denn es wurden sehr lange und gebogene Nägel durch die Bohlen getrieben, um diese miteinander zu verbinden.“ Über ein faustgroßes, kreisrundes Loch im Boden machten sich die Männer Gedanken, denn ein Loch im Kahnboden ist ziemlich ungewöhnlich. Doch die Erklärung folgte, nachdem die gesäuberten Fundstücke aneinander und übereinander gelegt wurden: Das Loch im Boden diente einer Stange zum Festmachen des Kahnes. Damit nicht zu viel Wasser eindringt, war der Lochbereich mit Bohlen eingeschottet worden.

Nun liegt der Kahn am Ufer, ist ziemlich zerstört und harrt einer weiteren Verwendung. „Vielleicht hat ein Museum Interesse, vielleicht möchte ihn jemand restaurieren oder nachbauen? Der Kahn ist auf alle Fälle ein Beleg früherer Kahnbaukunst, mindestens 70-80 Jahre alt. Es wäre schade, wenn er, nun an die Luft geholt, bald vollständig verrotten würde“, sagt Mario Müller. Der Kahn ist 4,50 Meter lang, 75 Zentimeter breit und 40 Zentimeter hoch.

Peter Becker, 10.01.2021

Über Peter Becker 217 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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