„Gaukler und Fallensteller haben wir selbst genug!“ – zur Erinnerung an Achim Mentzels 5. Todestag

Achim Mentzel

Im Rahmen meiner Recherchearbeiten zum Buch „Spreewaldoriginale“ durfte ich den Cottbuser Achim Mentzel bei Auftritten im Spreewald begleiten und ihn auch in Gaglow besuchen.

 „Besondere Kennzeichen: Apokalyptische Fröhlichkeit am Rande des Wahnsinns, irgendwo zwischen Toni Marshall, einem Yeti und einem überfahrenen Hamster. Sollten Sie ihn sehen, melden Sie dies dem städtischen Hundefänger oder fangen Sie ihn selbst ein, aber Vorsicht, der Kerl ist mit einem Gurkentopf bewaffnet!“ Man merkte Achim Mentzel eine leichte Erregbarkeit an, als er Oliver Kalkhofe zitierte, der ihn 1996 in seiner Fernsehsendung „Kalkofes Mattscheibe“ so dargestellt hatte. Und das zur besten Sendezeit, am Sonntagabend. Achim hatte es sich gerade mit Familie in seinem Cottbuser Haus gemütlich gemacht, als das über den Sender kam. „Meine Frau Brigitte war entsetzt: ‚Die wollen dich fertig machen’ entfuhr es ihr. Aber ich bin zu ihrem Erstaunen ganz ruhig geblieben, habe innerlich sogar frohlockt: Schlechte Nachrichten sind besser als gar keine, manchmal werden daraus letztlich gute Nachrichten. Der Entertainer und Volksmusikstar wusste: Wer in Kalkofes Sendung derart „geadelt“ wird, muss sich das ja irgendwie auch erarbeitet haben. Mit dieser Auslegung sollte er Recht behalten, denn seine eigene Show im MDR-Fernsehen, „Achims Hitparade“, erfreute sich plötzlich zunehmender Beliebtheit. Aus dem Ost-Star wurde plötzlich ein deutschlandweit bekannter Unterhaltungskünstler – sicher auch ein Grund dafür, dass er diese Sendung insgesamt 17 Jahre moderieren durfte. Im schnelllebigen TV-Alltag ein Rekord!
Der 1946 im Berliner Prenzlauer Berg Geborene sollte nach dem Willen seines Vaters eigentlich was Ordentliches lernen. Der Polsterer war da schon eher was, denn Achim wollte eigentlich viel lieber Fußballer werden. Aber auch die Musik trat so allmählich in sein Leben und neben der Lehre rockte er mit seinen Bands in Berliner Tanzlokalen. Der spätere Volksmusiker war anfangs ein ganz „schlimmer Rocker“, wie er sich im Nachhinein einschätzt, einer, der es mit allen gängigen Titeln aufnahm und dafür später 6000 Mark Steuerschulden begleichen musste: Unbedarft wie er und seine jungen Musikerkollegen waren, haben sie Titel gespielt ohne zu fragen und Einnahmen vereinnahmt, ohne Steuer zu entrichten. „So etwas schult fürs Leben, und die Forderungen waren auch berechtigt“, so der einsichtige Musiker. So allmählich wuchs er in die Berufsmusikergilde hinein und war bald im Orchester Alfons Wonneberg eine feste Größe geworden. Bis zum 1. Juni 1973. Er nutzte einen Auftritt des Orchesters in Westberlin kurz entschlossen für eine Flucht. („Ich hatte zu Hause Ärger mit meiner Frau, die hatte mich mit einer anderen erwischt!“) In der saarländischen Heimat seiner Mutter fand er bei Verwandten Unterschlupf. Große Ernüchterung trat ein, als er sich beim Arbeitsamt meldete und seine Musikerkarriere nun im Westen mit natürlich noch größerem Erfolg und noch mehr (West-)Geld fortführen wollte. „Gaukler und Fallensteller haben wir hier schon genug“, bekam er vom Beamten zu hören. Dieser bot ihm dafür einen Schweißschnellkurs an, um Auspuffe zu schweißen: „Dafür können wir Sie vielleicht gebrauchen.“ Es kam, was kommen musste: Die Arbeit war öde, die Verwandten nicht mehr ganz so zuvorkommend, die Ehefrau war zum Verzeihen bereit und Achim kehrte nach sechs Monaten reumütig in die DDR zurück. Hier gründete er mit Nina Hagen „Fritzens Dampferband“ und tourte durch die Lande und wurde letztlich der, den alle heute kennen: Ein Vollblutmusiker, der sich von Rock und Schlager immer mehr abwandte und immer öfter Volks- oder Unterhaltungsmusik machte. „Wer so aussieht wie ich, kann nur lustige Sachen machen“, sagte der zu seinen Pfunden stehende Achim Mentzel. So wurden „Gott sei Dank ist sie schlank“ und „Hier fliegt heut’ die Kuh“ und viele andere Titel zu Hits in Fernsehsendungen und bei Volksfesten, auf denen er immer noch gern auftritt. „Ich bin nur was durch mein Publikum, ich brauche es. Die kommen aber auch ganz gut ohne mich aus“, so sein Credo. Ab 2005 hatte er auch regelmäßige Auftritte im Lehd’schen „Café Venedig“, wo er gern sein „Sauer macht lustig“ sang: „Ich bin eine muntere Gurke und gern im Spreewald …“ 
„Der Spreewald ist einmalig schön, hier bin ich gern und zeige meinen Gästen, Prominenten und auch weniger Prominenten, meine Heimat zu der für mich Cottbuser nun mal der Spreewald dazugehört. Durch meine Fernsehsendungen und nicht zuletzt durch Oliver Kalkofe, mit dem ich, was ich nie geglaubt hätte, inzwischen befreundet bin, möchten viele meiner Bekannten den Spreewald näher kennenlernen.“ 
Wenn Achim Mentzel die Familie in den Spreewald einlädt, kommt er kaum mit einem Kahn aus. In vier Ehen hat er es zu acht Kindern und neun Enkeln gebracht. Mit dem entsprechenden Anhang kommt da schon einiges zusammen. 

In seiner knappen Freizeit arbeitete er am liebsten auf seinem Grundstück und kam dabei gern auch mal zum Schwitzen. Bei einer Pause kamen wir auf sein Lieblingsessen (es kurz vor Mittag) zu sprechen und er diktierte mir aus dem Kopf sein Lieblingsrezept, er nannte es „Achims aufrechter Karpfen“:

„Den ausgenommenen möglichst großen Karpfen waschen und anschließend gründlich innen und außen abtrocknen, am besten durch Abtupfen mit einer Küchenrolle. Gründlich mit Salz und Pfeffer einreiben und aufrecht mit der Bauchöffnung über eine große Tasse stülpen, die schon auf dem Backblech steht. Den Fisch mit Butterstückchen umlegen und Dill, Petersilie, Salz und Pfeffer ebenso um den Karpfen geben. Das ganze Blech mit dem Fisch mit Alufolie gut umwickeln und im vorgeheizten Ofen bei 180 Grad etwa 45 Minuten dünsten.“

Achim Mentzel verstarb am 4. Januar 2016 in Cottbus.

Peter Becker, 30.11.10, überarbeitet 09.01.2021

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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