Marlene Jedro – der Spreewaldplauderin zum 70.!

Foto: Gerd Rattei

„Wer im Spreewald nich`Buchan, Konzack oder Jedro heeßt, is zujereest!“

Die wendische Großmutter und die Mutter waren es, die der 1951 als Marlene Lindner in Kunersdorf geborenen den Sinn für das Traditionelle vermittelten. Die Wendische Sprache wurde in der Familie seit Generationen gesprochen, das Trachtentragen in der Familie war allgegenwärtig und ganz selbstverständlich, obwohl immer weniger Frauen in der typischen Tracht der Niederlausitz in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Mutter und Großmutter gingen nahezu trotzig weiterhin in Tracht und sprachen auch noch miteinander wendisch – ein lebensprägendes Umfeld für die Heranwachsende.

Gerade die Friseurinlehre abgeschlossen, fand Marlene in Manfred Jedro den Mann fürs Leben, und zog mit ihm in sein Elternhaus ins Spreewalddorf Leipe.  Sie heiratete in eine Familie, in der die wendische Tracht und die Feste ebenso verwurzelt waren, wie in ihrem Elternhaus.

Inzwischen im Dorfladen als Verkäuferin tätig, kam sie häufig mit Urlaubern in Kontakt, die sie immer wieder „Löcher in den Bauch“ über den Spreewald und die hier lebenden Wenden fragten. Marlene konnte vieles beantworten, denn sie wusste ja dank ihres Eltern- und Schwiegerelternhauses bestens Bescheid, hier konnte sie auch immer wieder mal nachfragen. Sie wuchs nun noch stärker in die Geschichte ihrer Vorfahren hinein und gelangte zu der Überzeugung, ihr Wissen mit anderen teilen zu müssen. Ab 1981 trat sie solo mit einer Plauderei über Land und Leute vor Urlaubern auf. In den Wendejahren brach diese Form der Gästebetreuung vorübergehend weg. Marlene schulte um und kellnerte in Hotels in Cottbus, Burg, sowie im heimischen „Cafe zur Spreewälderin“. Spätestens in dieser Zeit, in der sie wieder so viel Umgang mit Spreewaldbesuchern hatte, erkannte sie endgültig ihre Neigung für das Erzählende und die Musen. Ihr Schritt in die Selbstständigkeit als Freiberuflerin war nur folgerichtig und zukunftsorientiert. Sie drückte die Schulbank in der Sprachschule Cottbus, um sich ein solides Wissen anzueignen. Zahlreiche regionale und überregionale Auftritte folgten, wie beim Mundartnachmittag, dem Radduscher Bauernabend und bei der Spreewaldplauderei, bei Rundfunk und Fernsehen, bei einem Werbeclip für die Spreewaldgurke oder als Wetterfee eines Rundfunksenders. Gelegentlich muss Marlene Jedro auch die Frage nach ihrem Familiennamen und seiner ursprünglichen Bedeutung beantworten. Er kommt wie viele andere Leiper Familiennamen aus dem Slawischen und bedeutet Kern, genauer Nusskern. In Mundart ergänzt sie dann gern noch: „Wer im Spreewald nich`Buchan, Konzack oder Jedro heeßt, is zujereest!“
Marlene ist zu einer Botschafterin des Spreewaldes geworden, besonders zu einer überzeugten Vertreterin des wendischen Brauchtums. „Erst mit dem Älterwerden konnte ich mich besser in das Denken und Fühlen unserer Vorfahren, besonders auch meiner Großmutter hineinversetzen. Ich kann jetzt ihre Freuden, aber auch Sorgen und Nöte viel besser verstehen. Und ich glaube der Gast spürt, dass meine Worte aus dem tiefsten Inneren kommen, dass ich nicht etwa eine Rolle spiele und nur den Kommerz im Kopf habe“.
Nun an der Schwelle in siebente Lebensjahrzehnt stehend, ist für sie die Arbeit für ihren Spreewald noch lange nicht zu Ende. Egal ob als „Leseoma“ im Kindergarten „Spiel und Spass“ in Lübbenau oder bei “ Kinder schreiben für Kinder“ in Burg und Krieschow. Aktuell arbeitet sie an einem Kinderbuch und einen „Sagenhaften Geburtstagskalender“. Seit Jahrzehnten ist sie eine der aktivsten Helferin der Lausitzer Spendenaktion „Wir helfen“. Jeder Leipe-Besucher kommt nahezu zwangsläufig an ihrem liebevoll gestalteten Bücherbasar vorbei, stoppt oft und nimmt sich gegen eine kleine Spende ein Büchlein mit. „Trotz der widrigen Bedingungen in diesem Jahr sind bereits 600 Euro in der Spendenkasse“, freut sich Marlene Jedro. Ihr runder Geburtstag am 2. September ist für sie nur eine kurze Atempause, sie wird auch weiterhin nicht innehalten, ihr Wissen und ihr Talent einzubringen.

Peter Becker, 30.08.21

Über Peter Becker 217 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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