100 Jahre Stadtverwaltung

Vetschauer Verwaltung seit 100 Jahren im Stadtschloss

Eustachius von Schlieben (1490 – 1568) galt in seiner Zeit als geschickter Politiker, war redegewandt und unterstützte die Reformation Martin Luthers. Er galt als Vermittler zwischen den brandenburgischen und sächsischen Kurfürsten und wurde in der Folge mit Ämtern und Gütern reichlich bedacht. Nahezu in Jahresfolge erlangte er Zossen und Trebbin (1536), das Rittergut Seese (1537) und Vetschau (1538). Die Chronik führt die Herren Strelitz, Pannwitz, Zabeltitz und andere als Vorbesitzer Vetschaus und seiner Wasserburg auf. Eustachius von Schlieben ließ 1540 auf den Fundamenten der alten Wasserfestung das Stadtschloss in seiner heute bekannten Form und Ansicht errichten. Es war und ist von Wasser umgeben und nur über eine (sicher gut bewachte) Brücke zugänglich. Später kam östlicherseits noch eine zweite Brücke hinzu. Von den Brücken führten gerade Wege in die Stadt, die damals „Fetsche“ hieß – ein Name, den manche heutigen Vetschauer auch noch gern verwenden. Die wendische Bevölkerung bevorzugte den Namen Wětošow.

Der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) bescherte der Stadt und dem Schloss großes Ungemach, wie 1628 die Plünderungen und Zerstörungen durch Söldner Wallensteins.

Um 1720 erfuhr das Schloss einige baulichen Veränderungen durch die damalige Eigentümerin Herzogin Emilie Agnes von Sachsen-Weißenfels-Drehna.

Graf Albert zu Lynar erwarb 1879 das Schloss, nahm weitere Umbauten vor und ließ den Schlosspark anlegen, möglicherweise angeregt durch die Schlossparkanlage der Lübbenauer Verwandtschaft. In der Besitzerreihenfolge tauchen zahlreiche Namen auf, die meist nur wenige Jahre Eigentümer waren. Darunter sind Grafen und Gräfinnen, ein Georgier (Graf von Pourtales), ein Berliner Schnittwarenhändler, ein schlesischer Hauptmann a.D. und zuletzt ein Oberstabsarzt (Dr. Edgar Schwarzenberger von 1914 bis 1920)

Nach diesen häufigen Wechseln zog 1920 Ruhe für die nächsten 100 Jahre ein, denn die Stadt erwarb zum Preis von 450 000 Reichsmark die Immobilie für den Sitz ihrer Verwaltung. 2020 könnte das Schloss erneut zur Disposition stehen, diesbezügliche Überlegungen werden bereits laut geäußert.

Seit 1977 stehen Schloss, das angrenzende Kavaliershaus und der Park unter Denkmalschutz. Unter dieser Vorgabe erfolgten in den 90er-Jahren mehrere Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen. Als vorerst letzte Arbeit ist das Verputzen des gesamten Gebäudes und die Anbringung des gelben Farbanstriches zu sehen. Weitere Arbeiten harren noch auf Durchführung, wie etwa die Sanierung der Treppen.

Das Schloss verfügt über vier Gebäudeflügel, die den Innenhof begrenzen. Von dort gelangt der Besucher über eine geschwungene Freitreppe in den Rittersaal – ein Weg, den schon unendlich viele Brautpaare gegangen sind und immer noch gehen. Der Saal ist ein weithin bekannter Anziehungspunkt für Trauwillige, er beeindruckt durch seine Schönheit und Eleganz. Der Kronleuchter stammt aus einem badischen Herrenhaus, Tisch und Stühle stiftete um 1930 der bulgarische Konsul Roselius, ein Freund des in Amerika berühmt gewordenen Vetschauers Richard Hellmann. Der Konzertflügel, ein Steinway & Sohn, wurde 1945 von kunstsinnigen Offizieren der Sowjetarmee in einer Scheune bei Vetschau „gefunden“ und in den Saal verbracht, wo er noch heute steht. In den 50er-Jahren bildeten sich zahlreiche Risse in den Wänden – was eine baupolizeiliche Sperrung des Rittersaals zur Folge hatte. Der Vetschauer Malermeister Hanusch erhielt 1966 den Auftrag, die Risse zu kaschieren, um den Anblick gefälliger zu machen. Erst 2016 wurde der Rittersaal für eine Viertelmillion Euro grundhaft saniert und in den Zustand von 1930 zurückversetzt. Die Risse wurden mit einem Kit aus Kreide, Warmleim und Leinöl verspachtelt – ein altes, aber sehr bewährtes Verfahren.

Bengt Kanzler residiert im Schloss als 23. Bürgermeister seit der Übernahme des Gebäudes durch die Stadt im Jahr 1920.  Ihm und seiner Verwaltung obliegt nun die Aufgabe zu klären, wie es mit dem Gebäude im 100. Verwaltungsjahr weitergehen soll. Bengt Kanzler sieht das so: „Das Schloss mit seinem Park wird weiterhin im Eigentum der Stadt bleiben. Das wird sich auch nach einem Jahrhundert nicht verändern. Veränderungen bei dessen Nutzung könnte es aber durchaus geben. Aber nur dann, wenn für das Schloss eine tragfähige und der Stadt dienliche Nachnutzung gefunden wird, Rittersaal und Park öffentlich zugänglich bleiben und die Verwaltung anderweitig angemessen untergebracht wird“.

Schlosslegenden:

Johann Eberhard von Schlieben soll ab 1723 eine Strafe wegen eines Tötungsdeliktes in einem Duell im Keller des Schlosses, dass als Gefängnis diente, bis zu seinem Tode (es waren 22 Jahre) verbüßt haben. 

Immer wieder kursiert die Legende, dass es vom Schloss zur Kirche einen Geheimgang vom Schloss gegeben haben soll. Ein Nachweis konnte bisher nicht erbracht werden.

Info-Box:

10. Jh.: Erbaut von deutschen Siedlern als Wasserfestung

1540: Errichtung des Schlosses in seiner heute bekannten Form durch Eustachius von Schlieben

1722: Umbau des Schlosses durch die neue Besitzerin Herzogin Emilie Agnes von Sachsen-Weißenfels-Drehna

1920: Stadt Vetschau erwirbt das Schloss einschließlich der Nebengebäude als Sitz für die Verwaltung

Öffnungszeiten im Rahmen der Dienstzeiten der Verwaltung

www.vetschau.de

Peter Becker, 28.09.2020

Über Bomenius 171 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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