Wölfe im Solarpark

Wie jeden Morgen ging Lars Kischka mit seinem Hund entlang der Göritzer Solaranlage, die sich zwischen der Autobahn und der Slawenburg Raddusch befindet. In dem umzäunten Areal weiden Schafe, sie halten das Gras kurz und tragen somit zum Brandschutz bei. Am Dienstagmorgen war alles anders, von den Schafen erst mal keine Spur. Später bemerkte Lars Kischka einen kleinen Trupp von fünf Tieren, völlig verängstigt und eng zusammengedrängt unter einem Solarpanel. Im Bereich der Anlage fielen dunkle Anhäufungen auf, die sich beim genauen Hinsehen als Schafskadaver entpuppten. Insgesamt sechs Tiere waren zum Teil vollständig skelettiert, soweit sich das aus der Ferne einschätzen ließ. Die Anlage ist mit einem zwei Meter hohen stabilen Zaun gegen Diebstahl durch „Zweibeiner“ gesichert, aber wohl nicht wirksam gegen „Vierbeiner“, den Wölfen. Denn dass es sich um diese Tiere handeln muss, war Lars Kischka, der selbst Jäger ist, eigentlich klar. An mehreren Stellen war der Zaun unterwühlt, mal wurde in die eine, mal in die andere Richtung gewühlt, wie aus den Erdanhäufungen geschlussfolgert werden konnte. Erst kürzlich wurde bekannt, dass in Kittlitz auf ähnliche Art und Weise drei Schafe gerissen wurden.

Lars Kischka hatte erst nach mehreren Telefonaten herausbekommen, wem die Tiere gehören und konnte endlich den zuständigen Halter erreichen. Schäfer Uwe Henneberg aus Tauche bei Werder lässt in dieser und in weiteren Solaranlagen seine Schafe weiden. In Absprache und mit ausdrücklichem Wunsch durch den Solaranlagenbetreiber dürfen die Tiere sich dort aufhalten – eine Win-win-Situation für beide: Die Schafe halten den Bewuchs kurz und tragen somit zum Brandschutz bei, denn ein entzündeter Trockenrasen könnte zu großen Schäden an der Anlage führen. 

Uwe Henneberg eilte mit einem Tiertransporthänger herbei, um die restlichen Tiere an andere Orte verlegen zu können. „Ich bin mir sicher, dass der Wolf heute Nacht wiederkommt, ich muss die Tiere sofort in Sicherheit bringen!“, sagte der Schäfer. Das Einfangen der verängstigten Tiere in der riesigen und durch die Module sehr sperrigen Anlage erwies sich als nicht ganz einfach und dauerte Stunden. Inzwischen war, durch die Meldekette informiert, auch ein Wolfsrissbegutachter vor Ort angekommen, der jedes der Tiere auf eindeutige Wolfseinwirkungen untersuchte. Laut Information des Brandenburger Landesamtes für Umwelt wurde das Untersuchungsergebnis mit dem Prädikat „Wolf wahrscheinlich“ versehen. Eine endgültige Einschätzung wäre erst nach Abschluss der genetischen Untersuchungen möglich. Da fünf der sechs getöteten Schafe nahezu komplett ausgewaidet vorgefunden wurden, wäre von einem Rudelangriff auszugehen. Wolfsexperten nennen als Faustregel, dass ein Wolf maximal ein Schaf verzehren kann. 

Schwierig dürfte sich die Schadensregulierung erweisen, zumal die geltenden Förderregelungen Präventionsmaßnahmen auf Fotovoltaikflächen ausschließen.

 Obwohl massiv eingezäunt, entsprach der Wolfsschutz dennoch nicht den Vorgaben, die eine bis zu 100 Prozent reichende Schadensregulierung hätte bewirken können – es fehlte der elektrische Schutz und eine bis ins Erdreich reichende Umzäunung. In der Folge wird noch Einiges zu klären sein, denn diesen Schutz kann der Schäfer bei einer einige Hektar großen Anlage mit letztlich kilometerlangen Zäunen kaum erbringen. Der Betreiber der Anlage hat andere Prämissen im Auge als den Wolfsschutz. Vielleicht wäre in solchen Fällen der Einsatz von Herdenschutzhunden eine zu prüfende Alternative. Selbst der Diebstahlschutz, den der Solaranlagenbetreiber zuerst im Blick hat, könnte davon profitieren. Allerdings treten wieder andere Probleme auf, wie etwa die Wartung der Anlagen, die die nahezu ständige Präsenz des Schäfers erforderlich machen würde. Uwe Henneberg war sich eigentlich sicher, dass die Autobahnnähe, die Nähe zum Ort  und auch der Grad der Einzäunung seinen Tieren einen gewissen Schutz vor Wölfen bieten würde. „Nun bin ich leider vom Gegenteil überzeugt worden. Da ich noch weitere zehn Anlagen mit meinen Tieren beweide, muss ich mir nun in Zusammenarbeit mit den Betreibern Gedanken über den Schutz vor Wölfen machen.“ Dem Schäfer war es anzumerken, dass ihm der Verlust der Tiere sehr nah geht. Einige der Tiere (Bergschafe) hatte er vor Jahren aus Thüringen geholt. „Dass mein Zuchtbock und tragende Lämmer dem Angriff zum Opfer gefallen sind, tut mit besonders weh“, ergänzt er noch.

Peter Becker, 10.03.2021

Über Peter Becker 224 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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