Minas getanztes Leben

Eine Tanzperformance, gewidmet der niedersorbischen Poetin Mina Witkojc (1893 – 1975) – Burg, 3. Oktober 2026

Der Burger Kurpark war am Tag der Deutschen Einheit bestens besucht, auch viele Gäste der angrenzenden Reha-Klinik weilten auf den Wegen und Bänken. Mit etwas Verwunderung nahmen sie den Pulk auf, der sich durch den Park bewegte: Eine Gruppe von etwa 30 Personen wurde von zwei sie umkreisenden Tänzerinnen begleitet, dazu erscholl sphärische Musik. Doch wer aufmerksam war und die hier und da platzierten Poster entdeckte, konnte sich bald vorstellen, worum es ging. Die geladenen Besucherinnen und Besucher waren da etwas aufgeklärter, denn der performte Spaziergang war keiner geringeren Person gewidmet als Mina Witkojc. Die sorbische Dichterin hatte ihre Wurzeln in Burg: Geboren 1893 in der Pohlenzschänke, aufgewachsen in Burg. Tätigkeiten in Berliner Rüstungsbetrieben und in der Burger Gastronomie sind nur einige Meilensteine im Leben der Wilhelmine Wittka, wie ihr deutscher Name lautete. Sie förderte die sorbische Sprache als Besonderheit ihrer Heimat und verfasste Gedichte und Liedtexte. Später arbeitete sie für sorbische Verlage, musste aber wegen angeblich unarischen Verhaltens auf behördliche Anordnung die Niederlausitz verlassen. Erst in späten Lebensjahren hielt sie sich wieder längere Zeit in Burg auf, wo sie 1975 auch ihre Grabstätte fand.

Junglehrer Klaus Gebler traf sie damals mehrmals in Burg an und kam mit ihr ins Gespräch. „Sie war unauffällig und auffällig zugleich, sie ließ sich auf Gespräche ein und trug die Tracht auch im Alltag, was Ende der 60iger Jahre noch vereinzelt im Dorfbild zu sehen war. Ihr Lieblingsthema waren ihre Katzen, von denen sie immer wieder mal eine suchen musste. Niemals hätte ich geahnt, dass ich die verehrte sorbische Dichterin Mina Witkojc vor mir hatte – in ihrer Bescheidenheit ließ sie mich das auch nicht wissen.“

Klaus Gebler war nun Jahrzehnte später Besucher der Tanzperformance, inzwischen pensioniert und als Burger Ortschronist bekannt. Mit seinem Zeitzeugenbericht am Ende der Veranstaltung beeindruckte er Künstler wie Teilnehmer, er war der Einzige, der die sorbische Poetin noch aus eigenem Erleben kennengelernt hat.

Die zahlreichen Wege, die Mina Witkojc in ihrem Leben einschlug waren Gegenstand des Tanzprojektes als Teil einer Trilogie „FrauenOrteLausitz“  von „ars momento e.V.“ und der „tanzkompanie golde g“. Am ehemaligen Burger Bahnhof der Spreewaldbahn begann die Vorstellung. Der Bahnhof war ein Originalschauplatz, denn vor hier aus reiste Mina Witkojc nach Berlin und später nach Bautzen, nach Erfurt oder Prag. Zwei Tänzerinnen, Julek Kreutzer und Michal Hirsch, zeigten die jüngere und die ältere Mina zeitgleich. Julek Kreutzer, die jüngere Mina, zog es in die Welt, sie zeigte die Sehnsucht ebenso wie die Zerrissenheit, ihre Heimkehr und ihre immer wieder neuen Reisen in eine ungewisse Zukunft. Michal Hirsch performte die Lebenserfahrene, aber immer noch Suchende, Verzweifelnde. Im Kurpark, wohin sich der Zug inzwischen bewegt hatte, standen die verschlungenen Wege, der weite Park als Metapher für das Leben der Dichterin. Michal Hirsch zeigte dies, indem sie sich in die Tiefen des Parks bewegte, vielleicht um nicht  aufzufallen, während die jüngere „Mina“ eher voranging, vorauseilte, sogar die angrenzenden Wiesen tanzend eroberte.

Der Choreografin Ronja Häring ist es gelungen, die Originalschauplätze authentisch ebenso einzubinden, wie das von Höhen und Tiefen geprägte Leben der Poetin.  Die Idee, die jüngere und die ältere Mina Witkojc parallel zu zeigen, ihre Wege, ihre Abwege und ihre Sehnsüchte in ihrer Widersprüchlichkeit, manchmal auch Endgültigkeit, kam bei den Besuchern an und wurde mit viel Applaus  honoriert. Ronja Häring: „Ich glaub’, wir waren alle von der Magie des Originalortes angetan, Tänzerinnen wie Besucher.“

Thomas Schwarz war aus Schleife angereist: „Der Ausflug in die Niederlausitz hat sich mehr als gelohnt, alles passte, der magische Ort tat sein Übriges – ich fahre tief gerührt nach Hause.“

Auch Initiatorin Golde Grunske, Projektleiterin der gleichnamigen Tanzkompanie, blickt zufrieden auf diese Veranstaltung zurück: „Von den in Burg gezeigten drei Veranstaltungen war diese die beste, auch wegen der recht großen Teilnehmerzahl. Wichtig für Künstler wie Teilnehmer waren die Gespräche im Anschluss, und das ganz unkompliziert am Parkrand“, sagte sie. Insgesamt fanden beim Projekt „FrauenOrteBrandenburg“ drei thematisch verschiedene Veranstaltungen statt, in Guben, Cottbus und zuletzt in Burg, gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und ars momento e.V.

Peter Becker, 03.10.26

Über Peter Becker 548 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.