Freundinnen seit einem halben Jahrhundert

Das milde Oktoberwetter lässt noch einmal ein Treffen zwischen den Freundinnen zu, bevor der Weg zum gegenseitigen Besuch zu beschwerlich wird. Beide leben zwar in Raddusch, die eine, Christa Lamster, auf Kaupen, die andere, Gerda Zierold, am anderen Dorfende, doch dazwischen liegen zweieinhalb Kilometer. Und da wären noch das Alter und die Gesundheit zu benennen: Beide sind 93 Jahre alt, beide auf Gehhilfen und oft auch auf Familienunterstützung angewiesen. Über ihr Alter reden sie eher beiläufig, sie akzeptieren es einfach. „Gerda kann besser laufen als ich, ich dafür besser hören“, bringt Christa Lamster die aktuelle Situation auf den Punkt.

In der Herbstsonne vor Christa Lamsters Haus sitzend, übertreffen sich beide mit „Weißt-du-noch-Geschichten“. Was die eine nicht weiß, ergänzt die andere. Dabei kennen sie längst die Ereignisse, die ihr Leben begleiteten, aber es erzählt sich halt „so schön darüber“, wie Christa Lamster immer wieder betont.

Christa Lamster stammt aus dem sächsischen Mücheln, Gerda Zierold aus dem heute nicht mehr existierenden Schönfeld, ihre Familie musste dem Kohletagebau weichen.

Christa wurde für eine Zeit zur Großmutter nach Bad Sulza gegeben, dort wurde sie am 1. September 1939 eingeschult. „Eigentlich ein wunderschöner und wichtiger Tag im Leben, aber der Kriegsbeginn überlagerte mein kleines Fest. Nach einem Jahr kam ich dann wieder zurück nach Mücheln.“ Ihr weiterer Lebensweg war der vieler Mädchen zu dieser Zeit: Berufsausbildung war für sie nicht eingeplant, dafür half sie in der Bäckerei des Vaters mit. „Du heiratest ohnehin, dazu brauchst du keinen Beruf!“ kanzelte ihr Vater entsprechende Wünsche ab.

Ihren Mann Siegfried Lamster lernte sie noch in Mücheln kennen, doch bald folgte er mit seiner jungen Familie den Ruf, ins Lausitzer Kohlerevier zu wechseln. In Lübbenau bekamen sie mit ihren bald drei Kindern eine schicke Neubauwohnung. Christa Lamster qualifizierte sich zur Erzieherin und fand reichlich Arbeit in den neu entstehenden Schulen.

Gerda Zierold blieben die ganz großen Umzüge erspart, sie hätte sich ihr Leben auch in Schönfeld vorstellen können – wenn da nicht die Abraumbagger dem Dorf immer näher gekommen wären. „Als junges Mädchen habe ich schlimme Sachen gemacht, dafür schäme ich mich heute noch: Ich habe Fuchsfelle, insgesamt waren es 120, nach Westberlin geschmuggelt! Mein Vater war Jäger und in der DDR wurde nur sehr wenig für ein Fell gezahlt. Ich galt wohl als unverdächtig, wenn ich mit einem Rucksack die Grenze passierte. Aber ich konnte mit dem Westgeld meiner Familie helfen. So gesehen war es wohl doch nicht ganz so schlimm, was ich damals tat!“ erzählt sie wohl zum x-ten Mal ihrer Freundin Christa, denn die Schmuggelei scheint sie immer noch zu beschäftigen.

Gerda hatte inzwischen ihren Gerhard geheiratet und in Raddusch ein Haus gebaut. Das war zu DDR-Zeiten nicht ganz selbstverständlich, doch die Genossen gestatteten für ihre Energiearbeiter fünf Eigenheime in Raddusch zu errichten. Um 1970 begannen sich die Lebenslinien beider Familien eher zufällig zu verknüpfen, denn beide Männer waren leidenschaftliche Angler und Jäger – und Kahnfahrer. Die Familien trafen sich fortan, bald auch auf den Radduscher Kaupen, wo Siegfried Lamster allen Schwierigkeiten zum Trotz das älteste Radduscher Haus erworben und saniert hatte.

Gerda Zierold arbeitete als Köchin im Kindergarten Raddusch, bevor sie vom damaligen Bürgermeister Pudlowski als Gemeindesekretärin abgeworben wurde. „Ich erinnere mich noch, wie er mal in den Kindergarten kam, mir den Kochlöffel abnahm und mich ins Gemeindebüro versetzte – Kaderpolitik damals war denkbar einfach“, erinnert sie sich. Ihre Chefs kamen und gingen, doch sie blieb bis zur Rente die alle und alles kennende Gemeindesekretärin.

Eine „Weißt-du-noch-Geschichte“ hatten die beiden doch noch auf Lager: Bei einer Familienkahnfahrt wurde wohl mal zu übermütig geschaukelt und der Kahn ging auf Grund. Der Ort hätte nicht besser gewählt werden können: Es war unmittelbar am Lamster-Haus.

Über Peter Becker 549 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

2 Kommentare

  1. Danke, sehr fein geschrieben und zum Schmunzeln. Sie haben das Leben der beiden Frauen gut eingefangen und das ganze strahlt eine würdige Ruhe aus. Es tut gut, wenn jemand die Seele von Orten und Menschen so abzubilden weiß, dass sie Raum haben und fliegen, wann immer man die Bilder betrachtet. Das hat mich jetzt sehr verbindend an meine alte Heimat erinnert und genährt. Herzensdank!

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