Christine Stein, eine US-Amerikanerin, blickt zurück auf ihre Spreewälder Wurzeln



 
Christine Stein geht regelmäßig zu den Festen der indigenen Ho Chunk[1].  Dabei kommt ihr immer wieder ein Vergleich auf: „Wenn ich die amerikanischen Ureinwohner in ihren farbenprächtigen Gewändern sehe, denke ich auch an die bunten Trachten der Radduscher Frauen in meiner Kindheit und Jugend. Das ist schon fast 60 Jahre her, ist aber für mich unvergessen“, sagt die 80-Jährige, wenn sie über ihre neue Heimat, in der sie seit 1968 lebt, berichtet. Bei den Ureinwohnern fühlt sie sich irgendwie geborgen und aufgehoben. „Das Leben in den Staaten ist sehr widersprüchlich geworden, es gibt verfeindete Lager und man möchte lieber nicht dazwischengeraten. Bei den ‚Nations‘ erlebe ich Gemeinschaftsgefühle und ein Miteinander, wie ich es von früher in Deutschland kannte und anfangs noch in den USA erlebt habe“, sagt Christine Stein, eine geborene Psaar[2]. In ihrer Stimme liegt viel Wehmut, sie vermisst in der zweiten Heimat Wisconsin ihr einst unbeschwertes Leben, mit Kinderlachen, Erzählungen der Großeltern und den Streifzügen durch die Spreewaldnatur. „Der Radduscher Schwarze Berg war ein mystischer Spielplatz, der geheimnisvollste, den man sich vorstellen kann“, sagt sie rückblickend.
 
Max Psaar, ein Radduscher, war ein Wehrmachtsangehöriger, der einmal, gerade auf Heimaturlaub, zum   Dorftanz in den „Braukrug“ ging, heute das Hotel Radduscher Hafen. Er verliebte sich beim Tanz spontan in Hildegard Hiepko. Die Eisfelderin war damals im Arbeitsdienst eingesetzt und von ihrer Radduscher Freundin Minka zum Tanz eingeladen worden. Noch im Krieg, 1944, heirateten die beiden und verzogen nach Eisleben, Hildegards Heimat. Dort wurde 1946 Tochter Christine geboren. Doch immer wieder fuhr die junge Familie nach Raddusch, zu Christines Großeltern, Friedrich und Auguste Psaar. Die Großmutter war zwar nicht die „echte“, denn Friedrich Psaar heiratete nach dem frühen Tod seiner Gattin Wilhelmine erneut. Auguste Psaar nahm ihre „Enkelin“ mit offenen Armen auf und bescherte ihr schönste Kindheitserlebnisse.


Christine blieb meist die gesamten Schulferien in Raddusch, sie fand hier Freundinnen und Freunde, wie den heutigen Radduscher Ortschronisten Manfred Kliche. Der kann sich noch gut an die kesse Blondine erinnern, die mit ihm gemeinsam einige Streiche ausheckte. Er und seine Schwester Irene waren auch ihre direkten Verwandten.
Christine war dabei, wenn der Großvater mit dem Kahn Gras von den Radduscher Wiesen holte. Er erzählte ihr während der manchmal langen Fahrt, vom Volk der Wenden, von ihren Bräuchen und ihren Traditionen. Auch davon, dass früher in den Familien nur Wendisch gesprochen wurde und es sonntags zu Fuß in die Vetschauer Kirche ging. Am meisten war Christine von den farbenfrohen Radduscher Trachten fasziniert, so sehr, dass sie sich später selbst eine Tracht ausborgte und sich darin fotografieren ließ. „Anna Knappe, die mich einkleidete, sagte mir, dass ich sie sehr an meine Großmutter Wilhelmine erinnere. Ich hatte sie nicht kennenlernen können, konnte sie mir aber in mir selbst ein wenig erahnen“, erzählt Christine Stein, die auch als junge Frau immer wieder nach Raddusch kam. Ein Foto ihrer Großmutter Wilhelmine hat sie aufbewahrt, es hängt in ihrem amerikanischen Wohnzimmer an der Wand.

Inzwischen war die Familie im Kontext der Ereignisse um den 17. Juni 1953 herum in den Westen, nach Ebertsheim (Rheinland-Pfalz) geflohen. Vater Max vermisste seine Spreewälder Heimat und erzählte seiner Tochter immer wieder seine eigenen Kindheits- und Jugenderlebnisse, von Fastnacht und Zampern, vom Stollereiten und Kirmestanz. Das Buch von Paul Keller „Die alte Krone“, ein Roman aus dem Spreewald, blieb sein lebenslanger Begleiter.
Christine erlernte den Beruf einer Industriekauffrau und arbeitete in einer Papierfabrik. Sie verliebte sich in den US-Soldaten Dale Stein, der in der Pfalz stationiert war. Noch in Deutschland wurde geheiratet und im tiefsten Winter 1968 folgte sie ihm in seine Heimat Wisconsin. Ihr Wohnort lag am Mississippi. Christine Stein erinnert sich: „Die stillen Wälder, der Fluss, die indigene Nachbarschaft – das alles erinnert mich, damals wie heute, fast 60 Jahre später, an den geliebten Spreewald und seine Traditionen.“
Christine Stein übte viele Jobs aus, auch um damit ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Es folgten danach 44 Jahre Tätigkeit in einer Bücherei, bevor sie im Alter von 75 Jahren in Rente ging.
Inzwischen lebt sie allein, ihr Mann Dale verstarb 2009. Ihre Tochter lebt mit den drei Enkelkindern in New Mexiko.
Abends, am Ufer des Mississippi gehen ihre Gedanken immer wieder zurück, zu den Wurzeln ihrer Familie. Sie denkt nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihre Eltern nicht fliehen hätten müssen. „Ich wäre bestimmt eine echte Radduscherin geworden, eine stolze Trachtenträgerin. Wenigstens habe ich mir die Erinnerungen, auch in Form von alten Fotos, bewahrt. Ich pflege meine Muttersprache und übe mich darin, lese online deutsche Zeitungen und verfolge die Internetauftritte, besonders die der Radduscher.“
Die politischen Verhältnisse in ihrem neuen Heimatland verfolgt sie voller Sorge, etwas Ablenkung verspricht sie sich von der anstehenden Fußballweltmeisterschaft. „Ich drücke ganz selbstverständlich der deutschen Mannschaft meine Daumen, die Deutschen bringen so etwas wie ein Verbundenheits- und Heimatgefühl mit. Ihr Sieg würde mir sehr guttun!“ sagt sie mit Blick auf das anstehende Weltsportereignis.
In den vielen Jahren in den USA waren die wenigen Reisen in die alte Heimat Höhepunkte in ihrem Leben. Zuletzt war sie mit Tochter und Enkelkindern 2014 in Raddusch, in dem immer noch Verwandte ihres Vaters, Cousins und Cousinen, wohnen. „Das Dorf hat sich sehr verändert, es ist schön und modern geworden – dennoch spürt und sieht man auch die wendischen Wurzeln, die immer noch gepflegt werden“, sagt sie zu ihren Reisen.
 
Christine Steins Jugendfreund Manfred Kliche, seit seinem 14. Lebensjahr ein Sammler Radduscher Geschichten, weiß zu berichten, dass es schon früher Verbindungen nach Amerika gab. Der Radduscher Trachtenschneider Wilhelm Klauk lieferte die wendische Tracht bis nach Texas, wo sich zahlreiche wendische/sorbische Auswanderer in eigenen Siedlungen niedergelassen hatten. Einer von ihnen war er Radduscher August Beeß. Er überwarf sich 1860 mit seinem Vater, weil er die von ihm schwangere Dienstmagd nicht heiraten durfte. Ohne Vorankündigung verließ er sein großbäuerliches Elternhaus und ging in Bremerhaven auf ein Auswandererschiff nach Amerika; über das Schicksal der Dienstmagd ist nichts überliefert.
 


[1] Die Ho-Chunk sind ein indigenes Volk Nordamerikas. Ihr traditionelles Heimatland liegt im oberen Mittleren Westen der USA, vor allem im heutigen Bundesstaat Wisconsin sowie in Teilen von Illinois, Iowa und Minnesota.
[2] Psaar (wend.) = Hundhalter, Hundeführer

Szenen aus Wisconsin/USA

Die Lausitzer Rundschau berichtete am 05.06.26

Peter Becker, 31.05.2026

Ein Dank an Manfred Kliche, der sich noch gut an Christine Stein erinnern kann und Radduscher Familiengeschichten aufbewahrt hat.!

Über Peter Becker 535 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

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