








Immer wieder zieht es den 91-jährigen Kurt Vorwachs aus der Lübbenauer Schillerstraße in die „Touristenstation“ in der Altstadt, in die Dammstraße – und das seit Jahrzehnten. Die „Station“, wie sie unter den Lübbenauern bekannt ist, ist in Teilen noch fast genauso erhalten, wie sie vor über 60 Jahren als „Station der Jungen Naturwissenschaftler und Techniker“ erbaut wurde. Inzwischen ist sie in der Trägerschaft der AWO Integrations- und Service GmbH „AWO Tours“. Die Wände und Decken der Werkstätten sind immer noch im DDR-Sprelacart gehalten. Hier baut Kurt Vorwachs mit „seinen Jungs“ Holzmodelle von Spreewaldhäusern, Brücken, Kähnen und was sonst noch von seinen Bastlern erdacht und erwünscht wird. Die Gruppen sind inzwischen kleiner geworden, doch Kurt Vorwachs kann und will es nicht lassen, ihn treibt es an, sein umfangreiches Wissen zur Holzbearbeitung weiterzugeben. Sebastian Liedtke, der AWO-Einrichtungsleiter: „Wir reden gern mal über alte Zeiten, wie er früher alles hier erlebt hat. Ich bin über seine Fitness erstaunt und freue mich, wenn ich ihm weiterhin eine sinnvolle Beschäftigung anbieten kann.“
Zwischen den Terminen in der Dammstraße erledigt Kurt Vorwachs mit für ihn gewohnter Selbstverständlichkeit die Alltagsanforderungen. Er fährt zum Einkauf oder manchmal auch nur mal so in den Spreewald. Oft auch zur Station, dort schaut er nach dem Rechten und lässt auf einer Bank sitzend die zahlreichen Ausflugskähne vorbeigleiten. Seine Frau trägt ihn dann auf, Spreewasser in einer Kanne mitzubringen, denn das harte Leitungswasser vertragen ihre Zimmerpflanzen nicht gut.
Da die Termine in der Station manchmal weit auseinanderliegen, ist es ihm dann auch oft langweilig. Eines Nachts ist ihm die Idee gekommen, es doch mal mit Miniaturen zu versuchen. Seine Kellerwerkstatt in der Schillerstraße bietet alles, was er dazu benötigt, sogar eine kleine Drechselbank findet darin Platz. In Walnusshälften zaubert er, mit immer noch ruhiger Hand, Spreewaldmotive mit selbstgefertigten Schober und Blockhäusern. Dutzende hat er schon an Freunde und Bekannte verschenkt, immer wieder wird nachgefragt – und Kurt freut sich, wenn er Freude bereiten kann.
Geboren jenseits der Neiße, die Eltern betrieben eine Schneiderei, faszinierte ihn schon früh alles, was aus Holz war. Seine ersten Arbeiten waren noch etwas gröber, aber sehr zweckmäßig. Seine Kaninchenställe dienten letztlich auch der Versorgung der fünfköpfigen Familie. Kurt konnte in Lübbenau, dem Zufluchtsort der Familie nach 1945, die Schule beenden und in der damaligen Vetschauer LOWA (ehemals Waggonausrüstungen) eine Tischlerlehre machen. Holz war sein Ding, er sog alles auf, was ihm seine Lehrherren an Tipps und Tricks beibrachten. Noch heute ist er im Besitz seines Lehrlingskoffers, darin die seltensten Hölzer für seine Intarsienarbeiten, eine weitere Spezialität seines Tuns. In der LOWA leitete er damals eine Arbeitsgruppe Flugmodellbau. Er fertigte maßstabs- und detailgetreue Modelle der MIG 15, dem damaligen Düsenjäger der DDR-Luftwaffe. Er wäre gern selbst Pilot geworden, aber „wegen der Augen“ ging das nicht. Nach dem Grundwehrdienst folgten Tischler-Tätigkeiten im Möbelwerk Calau und im Kraftwerk Lübbenau. Über die damals obligatorische Patenbrigade kam er mit Schulen in Kontakt. Als in der „Station“ eine Stelle ausgeschrieben wurde, bewarb er sich dafür. Er bekam diese auch, allerdings mit der Auflage, sich zum Fachlehrer für Werken zu qualifizieren.
Neben der außerschulischen Kinderbetreuung im Modellbau, kümmerte er sich besonders um den neuen Schulkahn der Station. Er war als Ersatz für den inzwischen ausgedienten Kahn gedacht, der die Leiper Kinder weiterhin zur Schule nach Lübbenau bringen sollte. Der wurde dann aber ab 1969 doch nicht mehr gebraucht, da Leipe den Straßenanschluss nach Burg erhielt. Der Kahn wurde zum Stationskahn und kam für Expeditionen zum Einsatz. „Wir haben den sogar manchmal zum ‚Kreuzfahrtschiff‘ umgebaut. Die Kinder konnten darin schlafen, was ihnen riesigen Spaß gemacht hat“, erinnert sich Kurt Vorwachs, dem dabei ein Lächeln über das Gesicht huscht. „Das war eine wunderschöne und erlebnisreiche Zeit!“ Mit dem 6-PS-Außenbordmotor ging es quer durch den Spreewald, um die Hirschbrunft zu beobachten oder um irgendwo zu zelten, damals benötigte man dafür noch keine Genehmigung. Alles, was gebraucht wurde, von der Wurst bis zum Grill, war an Bord.
Kurt Vorwachs freut sich in diesem Sommer auf den Schulbeginn, wenn er wieder in die Station kann und von seinen Kindern erwartet wird. Aus seinem Bastelkeller bringt er das Holz mit. „Die Kinder halten mich fit, sie fordern mich und denken gar nicht an mein Alter und nehmen darauf auch keine Rücksicht – und das ist gut so“, erzählt Kurt Vorwachs, der schon Generationen von Lübbenauer Bastlern, heute längst gestanden Erwachsene, betreut hat.
Peter Becker, 28.07.26
Hinterlasse jetzt einen Kommentar