Als Leipe vor 90 Jahren seine Insellage verlor

Die Wegverbindung zwischen Lübbenau und Leipe gehört zu den schönsten Rad- und Wanderwegen im Spreewald. Auf etwa sieben Kilometern geht es über mehrere Hochbrücken durch unberührte Natur. Dieser Weg stellte vor 90 Jahren die erste Landverbindung zu dem Inseldorf Leipe her, 1969 erhielt der Ort Straßenanschluss.

Der Weg zwischen Leipe und Lübbenau gehört zu den schönsten Radwegen im Spreewald.

Noch bis Anfang der 1930er Jahre war das etwa 100 Einwohner große Dorf Leipe nur über den Wasserweg erreichbar. Das mag vielleicht bei Außenstehenden gewisse romantische Assoziationen erzeugen, dieses Leben war aber in Wirklichkeit von zahlreichen Entbehrungen geprägt. Leiper, die in die Stadt (Lübbenau) wollten oder mussten, brauchten dafür fast einen ganzen Tag. Arztbesuche in beide Richtungen waren zeitintensiv, bis Hilfe kam, verging sehr viel Zeit. So manches Mal kam die Hilfe zu spät, besonders in vor-telefonischer Zeit. Besonders schlimm waren Hochwässer, Eisgang oder nicht tragfähiges Eis – eine Landverbindung wurde zum Gebot der Zeit!

Die Leiper, die sich schon seit vielen Jahrzehnten zu Lübbenau zugehörig fühlten und seit 2003 inzwischen auch eingemeindet sind, wären niemals allein in der Lage gewesen, diesen fast sieben Kilometer langen Weg entlang der Spree durch unwirtliches Gelände, durch Sumpf und Gestrüpp zu schlagen. Die Lübbenauer Stadtväter, allen voran Bürgermeister Kirsch, nutzten mit der Schaffung der NS-Arbeitsdienste 1933 die Gunst der Stunde, und bewarben sich um den Bau einer Wegführung nach Leipe, wie ebenso um den Bau eines Dammes in Richtung Lübben. Dem wurde stattgegeben und schon ab 1933 fanden die ersten Arbeiten statt. Der Arbeitsdienst war militärisch geführt, junge Männer wurden kaserniert in einer Baracke in Hafennähe untergebracht. Ihre Waffe war der Spaten, den sie wie ein Gewehr beim Ausmarsch (oft mit Gesang) zur Arbeit schultern mussten.

Der Bau des Weges begann mit dem Spatenstich am 26. Mai 1933 von Lübbenau ausgehend, durch Aufwerfen von Erdreich von beiden Seiten. So entstand ein Damm mit zwei begleitenden Gräben. Er wurde noch mit 4500 m³ Sand, der auf Kähnen über die parallel verlaufenden Gräben herangeschafft wurde, aufgefüllt. Diese Gräben mussten mit dem Baufortschritt durch Querdämme abgeschottet werden, das Restwasser wurde von Motorpumpen abgesogen. Der Wintereinbruch setzte dem Baugeschehen, nur noch wenige hundert Meter vor Leipe, ein Ende. Im Frühjahr 1934 war dann der Weg im Wesentlichen fertiggestellt, Restarbeiten erfolgten bis 1936. Für den Weg mussten zehn Brücken errichtet werden – ein dickes Auftragsplus für Lübbenauer Zimmerleute.

Ideologisch gefärbter Beitrag – sehr nachdenkenswert – in einer 1935 erschienenen Broschüre über den Spreewald.

Der Kartenausschnitt von 1910 zeigt die Insellage von Leipe – kein Landweg führt zu dem Ort.

Wegeplan 1933*

Der Weg kurz nach seiner Fertigstellung 1934, auffällig der noch nicht so üppige Baumbewuchs – so wie er sich heute zeigt.*

Damit war Leipe erstmalig über eine schmale Landverbindung erreichbar und eine große Sorge fiel den Einwohnern von der Schulter, der Weg gab ihnen die Sicherheit, dass im Notfall schnelle Hilfe erfolgen kann. Nun konnten sie mit dem Fahrrad in einer reichlich halben Stunde in der Stadt sein und ihre Einkäufe oder Arztbesuche tätigen. Am Weg entlang wurde später, 1964, auch eine Trinkwasserleitung für Leipe gebaut. Damit fielen die hauseigenen Brunnen weg.

Jahrelang wurde der damals noch sehr schmale Weg auch von Motorradfahrern genutzt, was immer wieder zu Unfällen führte. Der ehemalige Leiper Hubert Jedro war auf dem Heimweg von der Lübbenauer Schule mit seinem Fahrrad von einem Motorradfahrer angefahren und verletzt worden, als er an diesem Tag mal den Schulkahn nicht nutzen konnte. Dieser verkehrte bis 1969 zwischen Leipe und Lübbenau. Im selben Jahr wurde die Straße in Richtung Burg fertiggestellt, wodurch Leipe jetzt auch in östlicher Richtung den Anschluss an die Nachbargemeinden erhielt. Hubert Jedro: „Das war uns gar nicht so recht: Vom gemütlichen Schulkahn in den klapprigen Schulbus, von der Stadt- auf eine Dorfschule – wir mussten uns ganz schön umgewöhnen.“

Schulkahn vor der Abfahrt in Lübbenau 1968*

Der Weg zwischen Lübbenau und Leipe wurde in den 2020er Jahren ertüchtigt, besonders die Brücken wurden erneuert, sodass im Notfall auch zweispurige Fahrzeuge diese befahren können.

Bereits 2012 war der Weg in regelmäßigen Abständen mit Rettungspunkten versehen und markiert worden. Henning Müller war damals vom DRK-Kreisverband damit beauftragt worden. „Die stark zugenommene Wegnutzung führte auch zu vermehrten Notfällen, vom Herzinfarkt bis zum Knochenbruch. Ich erinnere mich an einen Notfall am 05.07.2012, bei dem der Erkrankte nicht beschreiben konnte, wo er sich befand- alles sah für ihn gleich aus. Der Rettungswagen quälte sich von Lübbenau kommend auf der engen Fahrspur durch die zahlreichen Wanderer und Radler und fand den schwer Erkrankten etwa 100 Meter vor dem Leiper Dorfeingang. Es war nun überfällig, diese Markierungen anzubringen, insgesamt waren es damals 19, die aber inzwischen etwas reduziert wurden“, erinnert sich Henning Müller, der damals die Arbeiten in Kooperation mit der Stadt Lübbenau leitete.

Rettungspunkte entlang des Leiper Weges (Stand von 2012)

Peter Becker, 03.02.2026

Quellen und Dank: Fotos und Dokumente entstammen den Sammlungen von Hans-Joachim Nemitz, Henning Müller, Lübbenau und von Dietrich Dommain, Lübben. Genauere Quellenangaben sind oft nicht mehr verfügbar.

*Historische Aufnahmen; wurden mit KI restauriert.

Über Peter Becker 493 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

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