Wie zehn Hobbyfotografen sich den herbstlichen Spreewald erschlossen

Die Niedersorbische Sprachschule Cottbus organisiert regelmäßig Workshops zu Themen, die mit der Region und der Tradition zu tun haben. Darunter sind auch solche, die Hobbyfotografen ermöglichen, einmal in die Höfe und hinter die Türen zu schauen. Dazu gehört auch das Nachstellen von Szenen, die das Leben vor hundert Jahren zeigen. Gleich eine solche Szene wurde den radelnden Fotografen in der Burger Ersten Kolonie geboten: Willi Liersch und Lea Müller zeigten einen herbstlichen Erntekahn, der den heimischen Hof ansteuerte. Anschließend wurde der Kahn mit vereinten Kräften, auch denen der Fotografen, an Land verbracht. An Motiven fehlte es hier ebenso nicht, wie an den nachfolgenden Orten – manch Akku musste zwischendurch gewechselt werden.

In Leipe bewirtete Marlene Jedro den Fotografentrupp mit Spreewälder Eintopf, Thomas Hegemer lud die Gruppe danach in den Kahn ein und zeigte Leipe von seiner schönsten(fotogenen) Seite. Nicht jeder wusste, dass er von Leipe bisher nur die straßenseitigen Hinterhöfe gesehen hatte.

Da auch Spaß zum Fotografieren gehört, knatterte Amalia Kuhla in Tracht und auf einer Simson vor die Dubkowmühle. Immer wieder musste sie die Straße auf und ab fahren, mit möglichst hoch auffliegenden Rock. Die Fotografinnen und Fotografen waren sich nicht einig, ob eine kurze Belichtungszeit oder doch lieber das Mitziehen der Kamera mit dem Objekt, dem Moped, die bessere Wahl wäre. Doch es war ja Zeit genug, beides auszuprobieren – ein richtig oder falsch gibt es nicht, war die einhellige Meinung. Um wieder etwas „Tempo“ aus dem Workshop zu nehmen, posierte Amalia in Arbeitstracht anschließend vor dem Dubkow-Backofen und ließ sich in aller Ruhe und von allen Seiten porträtieren.

Auf der Rückfahrt nach Raddusch gab es noch einen Zwischenstopp am ältesten Haus. Christa Lamster schaute aus dem Fenster und winkte den Fotografen zu. Eigentlich wäre hier Schluss der Veranstaltung gewesen, wenn nicht der, bei den Fotografen so beliebte Zufall im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, dazwischen gekommen wäre: Kurz vor Raddusch kamen ihnen zwei junge Frauen entgegen, die eine kleine Ziegenherde ausführte. Mit Alpakas hatte vielleicht jemand gerechnet, aber nicht mit Ziegen, dem Haustier vergangener Zeiten. Somit passte es wunderbar zum Thema – denn nach Rückfrage bei den Damen wurden die schon eingepackten Kameras wieder herausgeholt. Manch neugierige Ziege blickte hier und da und ganz nah in die Objektive.

Mit dem Ende des Tages war das aktive Fotografieren auch zu Ende, aber noch lange nicht das Nachbearbeiten der unzähligen Fotos. Jeder ambitionierte Fotograf weiß, dass Digitalfotografie aus den beiden Teilen Fotografieren und Nachbearbeiten besteht. Über Umfang und Tiefe wird gegenwärtig unter dem Aspekt der Anwendung von künstlicher Intelligenz neu diskutiert: Wann ist ein Foto noch authentisch? Was ist erlaubt, was nicht? Einig ist man sich jedenfalls über den Zeitumfang, den erfolgreiche Fotografie erfordert. „Wer keine Zeit hat, kann ja knipsen!“ – damit ist für Ambitionierte in wenigen Worten alles gesagt.

Peter Becker, 18.10.26

Über Peter Becker 552 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

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