








Gelegentlich sind Stimmen zu hören, die sich um die Zukunft des Trachtentragens sorgen: Wer wird denn die Trachten zukünftig schneidern, wer weiß denn, wie man (frau) sich richtig anzieht? Diese mahnenden Stimmen sind nicht unberechtigt – aber sie werden erhört! Zum Beispiel von Sandy Kalz. Die Radduscherin ist Jahrgang 1982, jung und motiviert genug, um sich umfassend Wissen und Fähigkeiten anzueignen, sich unter den Älteren umzuhören und alles zusammenzutragen – was sich allerdings als schwierig erweist: Vieles ist nur mündlich über Generationen hinweg überliefert, manches eine familiäre Besonderheit. Anhand alter Trachten, die Sandy Kalz zu Hause hat, konnte sie sich in die Details einarbeiten und sich so Fähigkeiten zum Trachtennähen aneignen.
Die von Sandy Kalz gegründete Radduscher Kinder- und Jugendtrachtentanzgruppe ist für sie eine Möglichkeit, nicht nur die traditionellen Tänze zu vermitteln, sondern auch das richtige Tragen der Tracht weiterzugeben, damit bei der Dorfjugend der Stolz auf Herkunft und Tradition wächst. Sandy Kalz: „Für mich steht im Vordergrund das Zusammentreffen von Mädchen verschiedener Altersgruppen, von 6 bis 16 Jahren, die sonst kaum zusammengekommen wären. Sie lernen von mir und voneinander, ich sehe mich da gern als Moderatorin.“ Selbst Mutter zweier erwachsener Töchter, die ganz selbstverständlich zu den dörflichen Anlässen die Tracht tragen, kennt sie die Befindlichkeiten der Kinder und Jugendlichen. Unterstützung beim Tanztraining bekommt sie von der Radduscherin Anja Kienz.
Tänze können einübt werden, das Bekenntnis zur Tradition muss allerdings wachsen. Nicht alle Elternhäuser sind gleich verwurzelt, manche sind zugezogen, bringen sich aber dennoch ein. Für Sandy Kalz kommt es bei der Traditionspflege auch auf Details an, besonders die, die die Radduscher Tracht ausmachen. „Für mich sind das die nur in Raddusch getragenen Spitzen am Rocksaum. Für mich ist es auch die besondere Form der Haube und insbesondere der perlenbestickte Gürtel“, sagt Sandy Kalz. Um ihre Kindertanzgruppe auch mit diesen Gürteln auszurüsten, fertigt sie diese an langen Abenden einfach selbst an! „Es sind ‚mitwachsende‘ Gürtel, die die Kinder noch lange tragen können. Ich fertige die Grundform, bestehend aus drei Lagen und der Schnalle. Wöchentlich treffe ich mich mit den Muttis und gemeinsam besticken wir die Gürtel mit Perlen, ganz so, wie es früher mal war“, ergänzt sie noch.
Die Geschichte dieser Besonderheit, des Tragens eines Gürtels statt eines Schleifenbandes, liegt etwas im Dunkeln und reicht weit über 150 Jahre zurück. Ortschronist Manfred Kliche vermutet, dass die Radduscherinnen ihren Wohlstand und ihre Hinwendung zur modernen Welt darin ausdrücken wollten: „Durch den Bahnanschluss 1866 bekam Raddusch Zugang zum Berliner Markt, der Handel blühte auf und damit der Wohlstand, zumindest von Teilen der Dorfbevölkerung, den man gern zur Schau stellen wollte.“ Entsprechend groß war der Ehrgeiz unter den Frauen, den jeweils schönsten Perlengürtel zu fertigen und zu besitzen. Möglicherweise war der Gürtel inspiriert durch die damalige bürgerliche Mode, wie sie die Großstädterin trug.
Dank der Initiative von Sandy Kalz sitzen nun reichlich 150 Jahre später wieder Radduscher Frauen zusammen und besticken die Gürtel ihrer Töchter – und sich wohl den einen oder anderen auch selbst. Die Traditionsveranstaltungen mit ständig zunehmender Teilnehmerzahl wie Fastnacht, Maibaumaufstellen und Hafenfest haben eine Nachfrage an Gürteln erzeugt. Sandys Tanzgruppe ist inzwischen komplett bestückt!
Peter Becker, 24.05.26
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