Ein Fahrradunfall und die neuere Geschichte von Schloss Groß Jehser

Irma Grefte hatte in Amsterdam und Münster studiert und war nach dem Studium für die Bundeszentrale für Politische Bildung als Dozentin im Europarat, Bundespresseamt und in der Bundeszentrale für Politische Bildung tätig. Im Rahmen dieser Aufgaben war sie 2002 zu einer Veranstaltung „Rolle der Frau im DDR-Film“ nach Münster eingeladen worden. Irma Grefte erinnert sich: „Als gebürtige Niederländerin war ich natürlich, wo immer es ging, mit dem Fahrrad unterwegs. Unmittelbar vor dem Kino stieß ich durch meine Unachtsamkeit mit einem Herrn zusammen: Es ging einigermaßen glimpflich für uns aus – und der Herr war mir nicht wirklich böse, nachdem er sich den Staub abgeklopft hatte. Irgendwie lag da plötzlich was in der Luft … Wir stellten uns näher vor und ich erfuhr, dass er der DEFA-Regisseur Siegfried Kühn war, der wie ich zur gleichen Veranstaltung wollte, in der sein Film „Kindheit“ gezeigt wurde.“

Beide blieben in Kontakt, man lernte sich näher kennen und fand sich gegenseitig immer sympathischer. Wochen später war ein Treffen in Bremen vereinbart. Irma Grefte: „Ich beobachtete ihn aus einer Deckung heraus, sah, wie er aus dem Zug ausstieg, wie er sich gab, sich nach seinem Date suchend umblickte – und dabei immer trauriger wurde: Plötzlich wusste ich, dass unsere Beziehung eine Zukunft hat!“

Beide hatten zu dem Zeitpunkt bereits Beziehungen hinter sich: Siegfried Kühn war mit der Drehbuchautorin Regine Kühn, aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, verheiratet gewesen und danach mit Katrin Sass. Er wohnte nach dem Wegzug von Katrin Sass nach Berlin inzwischen allein in Witzin (Mecklenburg). Irma Grefte war zuvor mit einem Chilenen verheiratet, der dort beim Putsch 1973 von den neuen Machthabern im berüchtigten Stadion von Santiago de Chile drangsaliert, gequält wurde und anschließend nach Deutschland fliehen konnte. Aus dieser Beziehung stammt Sohn Felipe Espinoza, der in Münster lebt. Zu allen „Ehemaligen“ besteht ein gutes freundschaftliches Verhältnis. Irma Grefte war noch lange Jahre beruflich voll eingespannt, sie pendelte noch bis 2022 zwischen ihrer Münster Wohnung, später Zwietow  und ab 2009 Groß Jehser hin und her.

Siegfried Kühn zog 2005 endgültig aus dem Mecklenburger Haus aus und bezog sein zweites Haus in Zwietow, in der Calauer Schweiz gelegen. „Ich nahm mit, was mir wichtig war, meine zwei Pferde, zwei Hunde, den Kater – und mein geliebtes rotes Sofa. Dies rettete mir wohl mal als Kind das Leben und begleitete mich fortan: Bei einem Transportunfall in meiner schlesischen Heimat, den mein Großvater mit dem gekauften Sofa auf dem Pferdewagen verursachte, legte es sich beim Umsturz des Fuhrwerks über mich – mein Großvater hatte es schlechter getroffen. Dieses traumatische Ereignis habe ich 1987 in meinem DEFA-Film „Kindheit“ verarbeitet“, erinnert sich Kühn.

Siegfried Kühn wurde nach der Flucht aus Schlesien über Zwischenstationen, die vom Bergbau bis zum Studium in Moskau reichten, einer der bekanntesten und erfolgreichsten DEFA-Regisseure. Ab 2007 verlegte er seinen Wirkungsschwerpunkt auf das Schreiben. „Mir ist es inzwischen wichtig, dass Themen, die ich bearbeite, auch etwas mit mir zu tun haben, mich im Wandel und Aufbruch zeigen. Ich möchte nicht mehr Drehbücher anderer verfilmen, ich möchte mich selbst sehen, meine Verwandlungsfähigkeit zeigen. „Soll sich dir das Wesen zeigen, musst du in die Tiefe steigen!“ ist eines seiner Leitmotive aus seinem Buch „Erdorgel oder wunderbare abgründige Welt“.

Siegfried Kühns Filmografie

…und wieder waren Fahrräder im Spiel

Eine sonntägliche Fahrradtour führte beide von Zwietow nach Groß Jehser, hier trafen sie zufällig auf das „Schloss“, wie das Herrenhaus bei den Einheimischen immer noch genannt wird. Siegfried Kühn war derart begeistert von dem Bau, dass er ihm – es wäre seine dritte Baustelle – unbedingt neues Leben einhauchen wollte. Auch Irma war sofort angetan: Wieder einmal erwies sich das Fahrrad als schicksalhafter Begleiter – ohne diesen Ausflug hätte sich ihr beider Leben vermutlich ganz anders entwickelt. Am 22.12.22 gaben sie sich schließlich im Schloss, zugleich Außenstelle des Calauer Standesamtes, das Ja-Wort.

Seit 2009, nach einer umfangreichen Sanierung und Rekonstruktion, bewohnen sie das riesige Haus. Einige Räume, wie der große Salon, werden für verschiedene Veranstaltungen (Konzerte, Lesungen, Trauungen) genutzt. Auch sollen mehrere Räume für Künstler der Region zur Verfügung stehen. Als Mitglied des Heimatvereins Calau e.V. beteiligt sich Irma Kühn-Grefte an der regionalen Geschichts- und Denkmalpflege, ihr Schwerpunkt dabei ist Carl Anwandter, der einst nach Chile auswanderte. Irma Kühn-Grefte hat sich inzwischen der Malerei verschrieben und offenbart ein beachtliches Talent.

Von all dem Geschehen im Haus ziemlich unbeeindruckt, zeigt sich Schlosskater „Nickel“, benannt nach dem ersten Besitzer des Hauses, Nickel von Buxdorf (15. Jahrhundert). Er ist – zumindest aus Besitzersicht – eine ganz besondere Katze, mit außergewöhnlichem Charakter und außergewöhnlicher Zeichnung. Und mit einem derart großen Mäuserevier wird wohl kaum eine andere Katze weit und breit aufwarten können.

Schlosskater „Nickel“ auf seinem Beobachtungsposten.

Finissage

Seit September dieses Jahres befindet sich im Schloss die Ausstellung „ Sequenzen“ von Katrin Meißner, die am 27. Dezember ihre Finissage feiert. Ab 14 Uhr führen Katrin Meißner und Christian Steyer (u.a. bekannt aus dem DEFA-Film „Die Legende von Paul und Paula“) durch die Ausstellung, letzterer in der Figur des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa. Danach spielt der preisgekrönte Pianist Ronny Kaufhold im Salon am Blüthner-Flügel Klassiker wie Mussorgski „Bilder einer Ausstellung“ und Werke von Chopin.

Peter Becker, 27.12.25

Über Peter Becker 487 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

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