Steffen und Susann Radehose führten nach ihrer Eheschließung 2009 ein ganz normales, unauffälliges Leben im Spreewaldort Fleißdorf und gingen ihrer Arbeit nach. Nach dem Bau des Eigenheims 2007 kam zwei Jahre später Tochter Lea auf die Welt, die heute das Gymnasium in Lübbenau besucht. Als Sohn Lino 2014 geboren wurde, schien alles immer noch seinen ganz normalen Gang zu gehen, doch bald zeigten sich bei dem Jungen Auffälligkeiten, die die Eltern in immer größere Sorgen versetzten. Susann Radehose: „Bei unserem Sohn Lino bekamen wir 2017 kurz vor seinem dritten Geburtstag die Diagnose Muskeldystrophie Duchenne. Für uns brach von da an eine Welt zusammen. Muskeldystrophie Duchenne ist eine seltene, unheilbare und schnell fortschreitende Muskelerkrankung, die mit zunehmendem Muskelschwund einhergeht und schließlich früh zum Tode führt.“
Inzwischen hatte auch das Schicksal bei Steffen Radehose zugeschlagen: Er musste mehrere Knie- und Hüftoperationen über sich ergehen lassen, konnte seiner körperlich schweren Arbeit beim Wasser- und Abwasserzweckverband nicht mehr nachgehen und insbesondere konnte er seinen immer schwerer werdenden Sohn nicht mehr längere Zeit tragen, besonders nicht in den 1. Stock des Wohnhauses, ins Kinderzimmer. Mit dem Umbau des Hauses 2024, auch mit Mitteln aus einer Spendenaktion (s. LR 23.12.2023), verbesserten sich zwar die Bedingungen für alle, doch die Sorgen um Lino blieben.
Steffen Radehose: „So etwas macht was mit einem, man denkt ganz anders über das Leben nach und nimmt Anteil am Schicksal anderer, denen es ebenso ergeht. Bedingt durch die Aufgabe meiner Arbeit musste ich mich ohnehin neu orientieren und beschloss vor diesem Hintergrund, betroffenen Familien professionelle Hilfe anzubieten.“
Der rührige Fleißdorfer, mit der Spreewälder Heimat und seiner Geschichte eng verbunden, hatte schon früher Reisen organisiert, mit dabei stets Sohn Lino im Rollstuhl. „Wir wollen unserem Sohn möglichst viel zeigen, ihn am Leben teilhaben lassen. Wir haben dabei aber auch gemerkt, wie unfassbar schwierig es sein kann, Reisen mit einer Mobilitätsbehinderung durchzuführen“, sagt Steffen Radehose zu seinen Beweggründen, sich mit einem eigenen Reiseunternehmen in die Selbstständigkeit zu begeben.
Einen Tag nach seinem 50. Geburtstag, gründete er am 25.03.2026 die „Radehose Erlebnistouren“ und schaffte sich einen gebrauchten Kleinbus an, dessen Ausstattung speziell auf Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ausgerichtet ist. Radehose zu seinen ersten Erfahrungswochen: „Es ist erstaunlich, in wie vielen Familien Menschen mit derartigen Einschränkungen leben und auf wie viel sie verzichten müssen. Dankbar wird mein Angebot angenommen, sie abzuholen und ihnen beispielsweise den Spreewald ganz nah zu bringen.“ In Ullrich Wolff fand er einen Kahnfährmann, der in Neu Zauche Kahnfahrten für Rollstuhlfahrer anbietet. Der hat sich mit Gerüstbohlen Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten in den Kahn geschaffen, die mit etwas Unterstützung problemlos genutzt werden können.
Familien nehmen dankbar seine Dienstleistungen an, so manch runder Geburtstag erfährt durch einen gemeinsamen Ausflug mit seinen behinderten Familienmitgliedern eine besondere Aufwertung. Steffen Radehose: „Ich möchte Leistungen bieten, die den Betroffenen wenigstens für eine Zeit ihre Behinderung vergessen lassen – wohl wissend, dass der Alltag sie wieder einholen wird. Aber mal ganz normal am Leben teilnehmen können, das hat was. Bei meinen Erlebnistouren stehen genau diese vom Schicksal betroffenen Menschen im Mittelpunkt.“
Aktuell baut er seinen 15 Jahre alten Bus mit elektrischem Rollstuhllift noch etwas für seine Zwecke um. Steffen Radehose ist medial gut vernetzt. Immer öfter erreichen ihn Anfragen zu Touren für Menschen, wie sein Sohn einer ist. Das Programm stellt er dann so zusammen, wie er es aus eigener Erfahrung heraus haben möchte. „Das fängt bei geeigneten Toiletten an, geht über Wege mit Kanten und Stolperstellen und über eine behindertengerechte Gastronomie. Unter diesem Blickwinkel plane ich meine Reisen – diesbezügliche Erfahrungen habe ich reichlich gesammelt.“







Peter Becker, 13.05.26
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