Schon weit vor dem Ersten Weltkrieg erfuhr der Spreewaldtourismus einen kräftigen Aufschwung. Wesentlich trugen dazu die immer besser und schneller werdende Bahnverbindung zwischen Berlin und dem Spreewald bei, ebenso die verstärkte Werbung für den Spreewald in den Berliner Zeitungen durch die Lübbenauer Herren Fahlisch und Albinus.

Im Berliner Raum entstanden zahlreiche Kanusportvereine, verbunden mit dem Wunsch der Sportler, nicht nur auf heimischen Gewässern, sondern auch im „angesagten“ Spreewald unterwegs sein zu können. Die Erfindung eines faltbaren und mitnehmbaren Bootes, wie das 1905 von dem Studenten Alfred Heurich erfundene Klappboot, schien da eine Lösung zu sein. „Kameraden! Einmal im Jahr winkt die goldene Freiheit! Betrachtet deshalb die Fahrt zum Spreewald als Ferien vom Ich. Die Zeit der Entspannung ist meistens fürchterlich kurz bemessen. Lasst uns eine wirksame Erholungszeit haben. Lebt einmal ledig aller Sorgen und bringt nur euer Boot, Zeit und Humor mit!“, hieß es in einer damaligen Vereinswerbung.
Den Spreewäldern erschien ein faltbares Boot anfangs als Spinnerei, die sich nicht durchsetzen wird. Doch so langsam reifte in manchen Weitblickenden der Geschäftssinn: Warum sollen Berliner Wassersportler ihre Boote umständlich ein- und auspacken, mit der Bahn transportieren, wenn ihnen vor Ort Mietboote zur Verfügung gestellt werden könnten?
Die „Spreewald-Reederei“
Erich Möhring eröffnete am 14. Mai 1926 in der Lübbenauer Dammstraße 74 als Erster in Lübbenau einen Bootsverleih, den er „Spreewald-Reederei“ nannte.




Die „Spreewald-Reederei“ entwickelte sich in kurzer Zeit zum touristischen Dienstleister. Boote konnten ausgeliehen und am Zielort abgestellt werden. In Zusammenarbeit mit der Burger Kolonieschänke und der Bleiche, entstand eine Art Pendelverkehr. „Luxusboote“ waren mit Teppichen und Kissen ausgelegt, sodass „selbst lange Fahrten zum Hochgenuss werden“, wie es in einem Reiseführer von 1930 hieß.

Die Spreewald-Reederei im Jahr 1930, betrachtet von der Goroschoa. Die Laube (Bildmitte) und das Bootshaus (rechts) wurden 1962 abgebaut und auf dem Gelände des heutigen Paddelbootsverleihs Franke wiedererrichtet.



Wiedergeburt der „Spreewald-Reederei“ als „Bootsverleih Franke“
Das schlesische Flüchtlingskind Manfred Franke war 1945 mit den Eltern und Bruder Arwed Franke in der, der „Spreewald-Reederei“ benachbarten Baracke, ehemals Unterkunft des Reichsarbeitsdienstes, untergekommen. Heute befindet sich auf dem Gelände die AWO-Begegnungsstätte. Manfred Franke verdiente sich in den Folgejahren in seiner Freizeit bei Hans Buchholz, dem damaligen Bootsverleiher und Nachfolger von Erich Möhring, etwas Taschengeld. Er half beim Einlassen ins Wasser und reinigte anschließend die Boote.
Nach einer Berufsausbildung und verschiedenen Tätigkeiten wurde Manfred Franke von Hans Buchholz plötzlich angesprochen: „Du kannst meinen Bootsverleih haben, ich ziehe nach Hiddensee!“ Er kannte zwar den Betrieb und das Prozedere des Verleihs, aber eine gut bezahlte Arbeit als Baggerführer aufgeben und gegen ein Saisongeschäft eintauschen? Das wollte gut überlegt sein! Nachdem er für den Winter einen Job als Kraftfahrer bei der Cottbuser Bau-Union gefunden hatte, fiel ihm die Entscheidung leichter. Mit den übernommenen 45 Paddelbooten kam er den Sommer über gut aus. Hinderlich wirkte sich die staatliche Preisvorgabe aus, die für alle Verleiher gleich war: 80 Pfennig die Stunde für den Einsitzer. Eine Anpassung an Angebot und Nachfrage – undenkbar, das hätte den Entzug der Gewerbegenehmigung bedeutet.
Im dritten Winter war es dann so weit, dass er und seine Familie von den Einnahmen des Sommers leben konnten. Manfred Franke machte sich an den Eigenbau von Paddelbooten aus Holz, „notgedrungen, weil es keine zu kaufen gab“. Jeden Winter baute er so seinen Bootspark aus. Einige dieser Paddelboote, erkennbar an der schön gezeichneten Maserung und Lackierung, sind noch heute im Einsatz.

Ein von Manfred Franke gebautes Holzboot auf der Goroschoa (BF = Bootsverleih Franke)
In dieser Zeit reifte in ihm der Entschluss, es auch mal mit Kunststoffbooten zu versuchen. Polyester gab es gelegentlich zu kaufen, nicht aber die Glasfasermatten, die für die Formgebung und Stabilität nötig waren. In der Berlin-Grünauer Fabrik für Plastikruderboote wollte er sich umsehen. „Die haben aber ein Staatsgeheimnis daraus gemacht und wollten mich nicht hineinlassen“, erinnerte sich Franke. Für 20 Mark „Trinkgeld“ ließ ihn der zuständige Ingenieur dann doch durch die Halle gehen, anfassen oder mitnehmen durfte er nichts. Nur das, was er gesehen und im Kopf hatte. „Und das hat gereicht, ich konnte mich an die Arbeit machen und selbst Boote aus Kunststoff bauen!“ Die fehlenden Glasfasermatten schuf er sich aus Resten und Abfällen, die er sich von der Grünauer Werft besorgte. Hier halfen die in sozialistischen Zeiten so lebensnotwendigen „Beziehungen“ – in Gestalt von Spreewaldgurken!
Nach der Wende kam dann alles anders: Boote gab es zu kaufen, weitere Verleiher machten sich selbstständig und die Preisgestaltung wurde frei möglich. Für Manfred Franke begann ein neuer Zeitabschnitt. Er konnte seine Flotte weiter modernisieren und sich letztlich gut auf dem Markt behaupten.

Manfred (li.) und Thomas Franke 2020
Sohn Thomas Franke zur Zukunft seines 2023 vom Vater geerbten Unternehmens: „Ich kenne den Betrieb seit Jahrzehnten durch die Zusammenarbeit mit meinem Vater, ich weiß, wie viel Herzblut von ihm in der Firma steckt. Sein Vermächtnis fortzuführen, ist für mich selbstverständlich. Vaters selbstgebaute Boote fahren immer noch, sie zu pflegen erfordert viel Aufwand, aber der ist es mir wert. Wir gehen auch mit der neuen Zeit, haben einen gepflegten Internetauftritt, aber haben eben auch festgestellt, dass der Mailverkehr unendlich viel Zeit frisst und wir daher lieber auf den persönlichen Kontakt setzen, egal ob vor Ort oder am Telefon. Und immer, wenn ich einer fortpaddelnden Gruppe in ihren lackglänzenden Booten hinterherschaue, muss ich an Vater denken, der hatte an solch einem Anblick stets seine Freude!“





Aus der einstigen „Spreewald-Reederei“ ging 80 Jahre nach der Gründung am gleichen Standort die neue „Spreewald-Reederei“ hervor.
In der Lübbenauer Dammstraße 74 erfolgte am 17.07.2006 durch Helmut Michler die Eröffnung der neuen „Spreewald-Reederei“. Seine Boote sind in den Stadtfarben Blau/Gelb gehalten und somit leicht zu erkennen.

Helmut Michler (li.) deckt mit Andreas Harms die Boote ab.
Das „Bootshaus Goroschoa“ wurde knapp zwei Wochen nach der „Spreewald-Reederei“ gegründet.

Am 26. Mai 1926 bekam Heinz Kipp in der Lübbenauer Dammstraße 76 die Gewerbeerlaubnis für sein „Bootshaus an der Goroschoa“ (Aufnahme um 1930)
Das Kipp’sche Bootshaus, heute nicht mehr vorhanden, war zugleich Auskunftsstelle des Spree-Havel-Ruderverbandes. Bereits im Herbst 1929 erfolgte wegen der großen Nachfrage eine Verdopplung des erst kürzlich errichteten Bootshauses, es kamen Stellplätze für 200 Kanus und eine verglaste Terrasse für 150 Personen hinzu. Im Spreewald-Reiseführer von 1931 heißt es: „Außerdem sorgt eine Kantine für preiswerte Verpflegung. Für Kameraden, die sich selbst verpflegen wollen, stehen Räume für die kostenlose Zubereitung zur Verfügung. Getränke, Konserven und Zigarren sind zum Ladenpreis in der Kantine zu haben. Beratungen und die Nutzung der Einrichtungen sind völlig kostenfrei.“

Die Eheleute Kipp im Mai 1938. Die Haubenform könnte vermuten lassen, dass Frau Kipp aus dem Burger Kirchspiel kommt. Vermutlich wurde die Haube aber nur „ausgeliehen“, denn die Lübbenauer Fotografen hatten für Werbezwecke verschiedene Trachtenteile in ihrem Fundus.
Das Bootshaus Kipp und das benachbarte Kanuheim waren innerhalb kurzer Zeit eine Zentrale des Spreewaldtourismus geworden, quasi eine erste Touristeninformation. Das Haus war Anlaufpunkt der Kanusportler, während sich nebenan im Großen Hafen der Kahntourismus etablierte. Gegenüber der „Spreewald-Reederei“ wurde ein Übernachtungsheim des Deutschen Kanuverbandes mit 24 Betten (1930) errichtet. In der Folge wurden immer mehr Paddelboote aus Holz angeschafft, der Paddeltourismus blühte auf – bis der Zweite Weltkrieg alles zusammenbrechen ließ.



Zusammenfassung/Zeittafel:
| 14. Mai 1926 | Eröffnung der „Spreewald-Reederei“ durch Erich Möhring in Lübbenau, Dammstraße 74 |
| 26. Mai 1926 | Eröffnung des „Bootshaus Gorroschoa“ durch Heinz Kipp in Lübbenau Dammstraße 76 |
| Spreewald-Reederei: | |
| 22. April 1927 | Errichtung eines Bootshauses genehmigt (siehe Bauzeichnung und Beschluss des Kreisausschusses 11.04.1927) |
| 1929 | Artur und Hans Buchholz übernehmen die Spreewald-Reederei |
| 14. Juni 1933 | Genehmigung vom eigenen Bootsverleih aus, eine eigene Kahnabfahrtsstelle neben dem Verleih von Paddelbooten zu betreiben. (siehe Schreiben vom Bürgermeister als Ortspolizeibehörde Nr.86) |
| 1926 | Hauptgeschäft der Reederei in Lübbenau, Dammstraße 74, Filialen befinden sich in Burg „Gasthaus Kolonieschänke“ und in Burg „Gasthaus Bleiche“. Die Boote können in Lübbenau oder Burg entliehen und umgekehrt in Burg oder Lübbenau abgegeben werden. |
| bis Ende 1959 | führen Herta und Hans Buchholz senj. das Geschäft weiter. Sohn Hans Buchholz jun. gibt das Geschäft ab und siedelt zur Insel Hiddensee über. |
| 1962 | Bootshaus und das Wohnhaus („Laube“) der Familie Buchholz werden abgebaut und in der Dammstraße 72 D durch Fam. Manfred Franke aufgebaut, und fortan als „Bootsverleih Franke“ betrieben. |
| 17. Juli 2006 | Wiedereröffnung der Spreewald-Reederei auf dem Grundstück der alten Spreewald-Reederei in der Dammstraße 74 durch Helmut Michler. |
| 25.11.2023 | Manfred Franke verstirbt, der Bootsverleih wird vom Sohn Thomas Franke weitergeführt. |
Dank: Die historischen Dokumente entstammen dem privaten Fundus von Andreas Harms, Lübbenau
Peter Becker, 25.04.2026
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