„Im Bauch der Königin“ – mehr als eine Buchvorstellung

Autorin Karosh Taha las im Literatursalon im Burger Hotel Bleiche aus ihrem zweiten, mehrfach prämierten Roman „Im Bauch der Königin“. Der Vorleseteil fiel bei ihr kurz aus, ziemlich schnell ging die kurdischstämmige Schriftstellerin, inspiriert auch durch Zuhörerfragen, von ihrem Text weg und stellte ihre Sicht auf Einwandererprobleme dar. Das tradierte Rollenbild -auf beiden Seiten- wurde ebenso hinterfragt, wie überhaupt die Möglichkeit, dies sprachlich in eine Form zu bringen. „Das Bewusstsein, dass nicht die Sprache Grenzen hat, sondern Sprache als Grenze dient, wurde mir erst beim Lesen des Manuskripts bewusst“, sagte die Autorin.

Wer sich ihren Roman in die Hand nimmt, wird sich in der Mitte des Buches wundern, dass der Lesetext plötzlich auf dem Kopf steht: Das Buch kann offensichtlich von vorn wie von hinten gelesen werden – wobei nicht sofort klar ist, was vorn und hinten überhaupt ist! Mit dem kleingedruckten Hinweis (an einem der beiden Anfänge) „Diesen Essay nach der Lektüre lesen“, erreicht die Autorin vermutlich das Gegenteil: Es macht neugierig – und der Leser ist schon mittendrin.

Mit dem Aufschlagen eines klassischen Buches sind Anfang und Ende klar – bei Karosh Taha aber noch lange nicht. Karosh Taha: „Jede Geschichte kann auf jede andere Art erzählt werden, kann auf jede andere Art gelesen werden.“

Ihre beiden Buchhälften spiegeln die Romanfiguren auf ihre Art wider: Die eine scheint eher die weibliche Sicht zu sein, die andere eine eher männlich determinierte. Im Mittelpunkt stehen Amira, 17 Jahre alt, und ihre Familie, ursprünglich aus Kurdistan stammend. Amira „pendelt“ zwischen den Kulturen, fühlt sich als in Deutschland Geborene eher als eine Deutsche, sie lebt wie ihre deutschen Freundinnen – bis sie auf dem Schulhof einen frechen Jungen verprügelt. Die Reaktionen reichen von „richtig so“ bis „ein Mädchen, zumal kurdischstämmig, tut das nicht“. Ihr Vater, ebenfalls Kurde, findet es richtig so und gerät damit selbst in Kritik, wieder von beiden Seiten – die Romanhandlung nimmt ihren Lauf …

Die Autorin Karosh Taha wurde 1987 in Kurdistan (Irak) geboren und wechselte mit ihrer Familie als Neunjährige nach Deutschland. Für Kurden war es im Grenzgebiet zur Türkei immer gefährlicher geworden. Karosh Taha studierte Anglistik und Geschichte in Duisburg-Essen und Kansas, sie lebt heute in Köln.

Im April wird sie zu einer weiteren Lesung in der Bleiche erwartet. Dort wird sie dann auf Einladung der Spreewälder Kulturstiftung an ihrem 3. Buch arbeiten. Sie ist Preisträgerin des Spreewälder-Literaturstipendiums. Karosh Taha: „Ich bin so dankbar für die Einladung – und bin auch auf den Spreewald gespannt, bisher hatte ich noch gar keine Gelegenheit, ihn zu erleben, es scheint so, als ob es etwas ganz Besonderes ist, wie mir mein Umfeld vermittelte.“

Karosh Taha; Im Bauch der Königin, DuMont Buchverlag Köln, ISBN 978-3-8321-6608-3

Peter Becker, 15.01.26

Über Peter Becker 493 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf, Spreewaldkenner

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