Warum es zwei Kanow-Mühlen im Spreewald gibt

Quelle: Kanow-Mühle

Spreewald und Leinöl … seit jeher waren es die Mühlen, die quasi neben ihrem eigentlichen Mahlgeschäft auch Leinöl herstellten.

Bei Einheimischen kommt es gelegentlich zu Stirnrunzeln, wenn nach der Kanow-Mühle gefragt wird: Die einen kennen die in Neu Zauche, die andern die in Sagritz, nur wenige beide. Während die eine Mühle (Neu Zauche) noch im Dämmerschlaf liegt, aber auf eine ebenso wechselvolle Geschichte wie ihre Namensvetterin in Sagritz verweisen kann, ist letztere voller Leben, das Öl fließt täglich aus den Pressen – ein „irrer Duft“ von frischem Leinöl liegt in der Luft! Die Namensgleichheit ist auch eine tatsächliche: Karl-Christian Kanow, Sohn des Neu Zaucher Müllers Martin Kanow wurde von diesem gedrängt, sich doch gefälligst eine eigene Mühle zu suchen! Die Suche war bald erfolgreich, denn die weit auf der anderen Spreewaldseite, an der Dahme, liegende „Wuschak[1]-Mühle“ kam um 1815 zur Versteigerung. Sie wurde 1527 erstmals urkundlich erwähnt und diente bereits seit Jahrhunderten der Versorgung der Umgebung mit Mahlgut. Neben ihrem angestammten Namen hieß sie bald nach ihrem neuen Besitzer „Kanow-Mühle“.

Die Mühle blieb über alle Zeiten im Familienbesitz und ist es immer noch. Karl-Christian Kanows Ururenkel, Christian Behrendt, hat die Mühle 2012 von seinen Eltern übernommen. Er wurde ähnlich, wie schon sein Neu Zaucher Vorfahr, von seinem damals 70igjährigem Vater vor die Frage gestellt, wie es denn nun mit der Mühle weitergehen soll. Als einziges Kind der Familie blieb Christian Behrendt keine allzu große Entscheidungsmöglichkeit: Er brach seine berufliche Tätigkeit in den USA ab und zog wieder zurück in die heimatliche Mühle und betreibt sie nun in der 7. Generation. Nach einem Studium der Lebensmitteltechnologie fühlte er sich auch wissensmäßig gewappnet und führt die Ölmühle erfolgreich in die moderne Zeit. Es gibt einen Online-Versand, eine gläserne Produktion und zahlreiche Produkte rund um die gesunde Ernährung. Christian Behrendt ist da ein großes Vorbild, er kann sich kein Frühstücksmüsli ohne Leinöl vorstellen. Die junge Familie, zu der zwei Kinder gehören, lebt mit seinen Eltern im Mehrgenerationenhaus auf dem Mühlengrundstück.

Die Geschichte der Sagritzer Kanow-Mühle ähnelt der aller Wassermühlen. An der Dahme gelegen, musste mit den ständigen Wasserschwankungen ausgekommen werden. Mit dem Aufkommen neuer Technik wurde der Mahlbetrieb nun weniger abhängig vom Wasserstand, sodass 1925 das Mühlrad ganz außer Betrieb genommen werden konnte. Die Mühle besitzt noch heute funktionierende Antriebe, wie eine Francisturbine[2], einen Elektromotor und ein Dieselaggregat. Noch bis in die 1970er Jahre wurde Mehl gemahlen, später nur noch Öl gepresst, bis 2015. Die gestiegenen Qualitäts- und Hygieneanforderungen, aber auch die gestiegene Nachfrage nach Gesundheitsprodukten ließen sich nicht mehr zufriedenstellend mit der alten Technik im alten Mühlengebäude realisieren – ein Neubau wurde fällig! Dort arbeiten jetzt täglich acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, stellen die verschiedensten Öle her und kümmern sich um Verkauf und Vertrieb.

Die Mühle gehört zum Wirtschaftsraum Spreewald und ist nach Zertifizierung berechtigt die Dachmarke Spreewald für ihre Artikel auszuweisen. Die Kanow-Mühle ist als Immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe gelistet. Von der Mühle fuhren einst auch Kähne auf der Dahme, wenn auch eher als Wirtschaftskähne. In Zeiten der wirtschaftlichen Selbstversorgung muss auch der beste Müller für sich und seine Familie ab und zu für Abwechslung sorgen. Die Dahme war für ihren Fischreichtum bekannt, besonders oft landeten Aale in des Müllers Reusen, der ein eingetragenes Fischereirecht hatte.

Inhaber Christian Behrendt ist stolz auf die Erfolgsgeschichte seines Hauses und die Nachfrage nach seinen Produkten. Er bietet 25 Öle an, davon werden 22 im eigenen Haus gepresst. Der Klassiker ist natürlich das Leinöl, aber auch Weizenkeimöl, Kürbiskernöl oder Schwarzkümmelöl verkaufen sich gut. Christian Behrendt: „Unser Leinöl wird kaltgepresst, d.h., nur leicht erwärmt. Die Temperatur wird nach der Jahrhunderte alten ‚Müllerprobe‘ bestimmt, in dem mit der Hand die Temperatur des Pressgutes festgestellt wird, die etwa der Körpertemperatur entsprechen soll. Unser Öl wird auch nicht filtriert, es enthält somit weitere wichtige gesunde Inhaltsstoffe.“ Pressrückstände, die Ölkuchen, kommen weiterverarbeitet als Mehl in den Handel oder gehen in die Tierfutterproduktion ein.

Am Golßener Gurkentag, am 5. August 2023, wird die Kanow-Mühle vertreten sein.

Am Rande notiert …

Um Mühlen und Müller ranken sich seit ewigen Zeiten Geschichten und Anekdoten. Ihr Berufszweig war für die Menschen existenziell wichtig, Müller wurden wegen ihres Einkommens beneidet, schließlich musste ein Teil des Mahlgutes (Metze) an ihn abgegeben werden (s.a. Kommentar unten). Auf der anderen Seite waren es die Finanzbehörden, die den Müller zur Kasse baten: Je nach Abnutzung des Mahlsteines wurde die Steuer festgelegt, dazu wurde regelmäßig die Dicke gemessen.

Müller waren oft an ihren Händen erkennbar: Vom ständigen Schleifen der Mahlsteine, war stets eine Hand (meist die linke) sehr vernarbt, denn abspringende Steinteile verletzten die Hand immer wieder neu.

Peter Becker, 04.07.23

Update:

Die Kanow-Mühle wurde 2023 Bodendenkmal des Landes Brandenburg.


[1] Wuschak (wend.) bedeutet „kleiner Horst im Wiesengrund“, in anderen Orten auch Wussegk genannt

[2] Die Francisturbine besteht aus einem spiralförmigen Gehäuse, in dem sich ein Laufrad befindet. Das Wasser strömt durch den Einlasskanal in das Gehäuse und trifft auf das Laufrad, das mit Schaufeln ausgestattet ist. Durch den Druck des Wassers auf die Schaufeln beginnt sich das Laufrad zu drehen und erzeugt so mechanische Energie. (ChatGPT)

Über Peter Becker 364 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

1 Kommentar

  1. Kleiner Hinweis. Die Metze war nicht für den Müller bestimmt, sondern für den Fiskus bzw. den Staat. Der Staat besaß das Mühlenregal. Die Mühle gehörte dem Staat und wurde nur an den Müller verpachtet. Teilweise auch in Erbpacht. Größere Reparaturen erfolgten auf Staatskosten, kleinere durch den Müller. Die Metze war ein Gefäß mit dem Mehl aus jedem Mahlgang abgeschöpft wurde und in den Metzkasten getan wurde. Dieses Mehl wurde benutzt, um die Staatsdiener und das Militär zu versorgen, denn die Vergütung erfolgte überwiegend mit Naturalien. Geld war damals Mangelware. Vielleicht erreichen wir in Deutschland wieder solche Zustände.

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