20 Jahre Slawenburg Raddusch – und wie weiter?

Über 20 Jahre ist es her, als Dieter Weißhahn, damals Bürgermeister der noch selbstständigen Gemeinde Raddusch und Ehrengast der Jubiläumsveranstaltung, den letzten Nagel in den Rohbau der Burg schlug. Wenige Monate später, am 28. Mai 2003, war dann die offizielle Eröffnung. Unter großer Beachtung der Öffentlichkeit und der Medien wurde von der damaligen Brandenburger Kultur- und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka der Wiederaufbau der Slawenburg ihrer Bestimmung übergeben. Erster Betreiber war der Förderverein Slawenburg Raddusch e.V. mit seinem Vorsitzenden Peter Stephan.

Von der Presse hochgelobt (Lausitzer Rundschau: Die Slawenburg Raddusch wird ab jetzt in der 1. Deutschen Museumsliga spielen!) wurde die Burg anfangs regelrecht von Besuchern, besonders auch aus der Region, überrollt. In den Folgejahren pegelte sich in die Gästezahl bei aktuell 50 000 pro Jahr ein. „Dies ist an sich kein schlechtes Ergebnis, doch für eine positive Einnahmen-Ausgabenbilanz nicht ausreichend“, betonte Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler in seiner Begrüßungsrede. „Damit auch künftig die Slawenburg Raddusch weiterbestehen kann, bedarf es noch mehr kultureller Angebote, sie muss an Attraktivität deutlich gewinnen. Besucherzahlen von 70 000 Plus würden uns da sicher helfen, aber wir brauchen auch dringend finanzielle Unterstützung vom Landkreis und vom Land Brandenburg“, sagte Kanzler. Kein gutes Zeichen war, dass gerade von diesen Behörden zur Feierstunde, obwohl eingeladen, niemand anwesend war, was besonders von den Burgbetreibern kritisiert wurde. Lediglich ein Grußwort des Ministerpräsidenten erreichte den Betreiber, die Stadt Vetschau.

Jens Lipsdorf, Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Burg, ließ in seinem Vortrag die 20 Jahre des Bestehens Revue passieren. Das Angebot der Slawenburg kann sich durchaus sehen lassen, so seine Bilanz: Mitmachangebote, Museumspädagogik, Mittelaltermärkte, Ausstellungsumbau und Funduserweiterungen stehen dafür – wenn es doch nur gelänge, noch mehr Besucher zu gewinnen, lautete seine Schlussfolgerumg. Mögliche Wege sieht er in der besseren Ausgestaltung und Vermarktung des Zeitsteges, der die Burg umgibt. „Wo sonst kann man menschliche Entwicklungsepochen so deutlich im wahrsten Sinne des Wortes körperlich ergehen? Unendlich lang wirken Stein- und Bronzezeit, Tippelschritte sind es dagegen in den letzten 1000 Jahren!“ Auch die Zuwegung zur Burg selbst sollte endlich attraktiver werden, denn es ist beispielsweise für Bahnanreisende nicht gerade angenehm, unbeschattet die zweieinhalb Kilometer auf der Straße zu gehen oder bei Regen von Autos bespritzt zu werden. Laut Aussage des Vetschauer Bürgermeisters Bengt Kanzler ist man mit der Planung inzwischen so weit fortgeschritten, dass es im Jahr 2024 diesen Weg geben wird – ein Lichtblick!

Rainer Daniel, REG-Geschäftsführer der Stadt und somit zuständig für die Slawenburg, sagte in seinem Grußwort: „Die Burg ist eine Attraktion für die ganze Spreewaldregion, wir wären schlecht beraten, wenn wir sie wegen Geldmangel schließen müssten – ich möchte jedenfalls nicht derjenige sein, der am Burgtor das Vorhängeschloss für immer verriegelt! Für einen 30. Jahrestag der Burg bedarf es noch enormer Anstrengungen, sonst gibt es keinen 30. Jahrestag!“ Dass nun endlich auch der benachbarte Bischdorfer See seiner Bestimmung übergeben werden muss, ist für die Slawenburg von existentieller Bedeutung – ebenso für den zu erwartenden Seetourismus.

Professor Rolf Kuhn, vor 20 Jahren Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA), sieht die Lage etwas entspannter und setzt auf den Faktor Zeit: „Die Menschen müssen sich erst noch an die Landschaft nach der Kohle gewöhnen, ihr positive Seiten abgewinnen. Die drei IBA-Projekte Förderbrücke F 60 (2002), die Slawenburg Raddusch (2003) und die IBA-Terrassen (2004) sind dafür durchaus geeignet. Es braucht Zeit, der Kohleregion, der heimatlichen Lausitz, ihre Seele zurückzugeben!“  Die Identifikation mit einer Region, der Stolz, ihr anzugehören, ist in der Lausitz zumindest gefühlt, weniger ausgebildet als in anderen Regionen Deutschlands. Das mag mit dem Raubbau an der Natur zu tun haben und mit dem massenweise Wegfall von Arbeitsplätzen nach der Wende, verbunden mit dem Weggang vieler Menschen. „Dabei können wir doch mit einigen Pfunden aufwarten, wie etwa mit der slawisch-sorbischen Entwicklungsgeschichte, dem einmaligen Spreewald und einer sich völlig neu entwickelnden Landschaft“, sagte Jens Lipsdorf. „Wie wär’s in dem Zusammenhang für einen neuen Begriff für die geschundene Lausitz? Sorbistan wurde doch gut zu uns passen …!“

Slawenburg Raddusch in Zahlen & Fakten:

  • Um 900 als Trutzburg erbaut aus 1500 Eichenstämmen
  • Nutzung als Zufluchtstätte vor den Christianisierungshorden der deutschen Kaiser Otto und Karl der Große (zwischenzeitliche Nutzung als Kultstätte sehr wahrscheinlich)
  • Nach Beruhigung/Wegfall der Bedrohung verfiel der Burgwall ab etwa 1100
  • „Wiederentdeckung“ im Rahmen der Tagebauvorfelderkundung in den 1970er/1980er Jahren
  • Idee der Wiedererrichtung durch LMBV zwecks Ausstellung archäologischer Funde
  • 28.05.2003: Inbetriebnahme des Nachbaus mit Eröffnung der Ausstellung Archäologie der Niederlausitz mit 1 600 Exponaten aus 10 000 Jahren
  • August 2020: Erneuerung der Ausstellung mit nun 2 000 Exponaten aus 130 000 Jahren

Peter Becker, 20.06.2023

Über Peter Becker 367 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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