Was ein Foto erzählt …

Postzusteller im Wechselbad der Gefühle

Es sind die Kriegsjahre 1914 bis 1918, in denen junge Spreewälder ihr Leben für was auch immer riskieren. Ihnen ist das Großtum egal, doch ihrem Kaiser zu dienen, wenn er an die Waffen ruft, ist ihnen weniger egal – sie sind so erzogen, dass sie blindlings und „ehrenhaft“ dem Ruf folgen. „Jeder Schuss ein Russ‘, jeder Stoß ein Franzos!“ ist der Schlachtruf, der für ein schnelles Ende sorgen soll. Die jungen Männer wollen auch möglichst bald wieder zurück zu ihren Familien, zu ihren Frauen und Kindern – der Spreewald ruft sie. Doch viele, viel zu viele, kehren nie wieder heim, sie bleiben in französischer oder russischer Erde.

In diesen Zeiten kommt dem Briefträger im Spreewald eine schicksalhafte Bedeutung zu: Welche Post wird er bringen? Voller Bangen wurden die Zeilen gelesen, aber manchmal nicht sofort: In sehr gläubigen Familien wurde erst in der Bibel gelesen, ein Gebet gesprochen und erst dann die Feldpost gelesen. Eine solche Szene hat der Burger Fotograf Carl Steffen 1915 eingefangen: Anna Steffen (geb. Schlodder) ist nach dem Lesen der Post in Gedanken bei ihrem Sohn, der fern irgendwo für irgendetwas sein Leben aufs Spiel setzt. (Foto oben)

In diesen Kriegszeiten legt die kaiserliche Regierung besonderen Wert auf „deutsche Tugenden“, wie Disziplin und Durchhaltewillen. Am Beispiel der Reichspost äußert sich dies durch portofreie Beförderung der Feldpost, oft wird zweimal täglich die Post zugestellt. Die inneren Spreewalddörfer Lehde und Leipe sind nur mit dem Kahn erreichbar, für den Postzusteller oft eine schwere Aufgabe, denn längst nicht immer ist schönes Wetter. Sturm und Regen machen die Kahnpostzustellung schwierig und bei Eisbildung sogar unmöglich. Wenn das Eis noch nicht trägt oder nicht mehr trägt, ist der innere Spreewald praktisch unerreichbar, erst bei einer tragfähigen Eisdecke kann der Briefträger, diesmal auf Schlittschuhen, wieder die Höfe erreichen. Für manche Empfänger nicht immer die schlimmste Zeit, denn dann kann die vielleicht schicksalhafte Nachricht (noch) nicht zugestellt werden. Andererseits wird dringend auf ein Lebenszeichen eines lieben Menschen gewartet, umgekehrt ist das aber auch so: Keine Post, kein Päckchen der Lieben kann den Weg an die Front gehen, manchmal tagelang nicht.

Bei den Spreewälder Empfängern wird in diesen Kriegsjahren nichts mehr gefürchtet als ein kleiner Brief oder gar nur eine Karte: Die Ankunft einer letzten Nachricht, schwarz gerändert und nicht mehr vom Liebsten selbst geschrieben. Sie kam vom Vorgesetzten, der seine Nachricht mit den Zeilen einleitete: „Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen … .“

Unzählige Todesnachrichten wurden von den Spreewälder Kahnpostzustellern in die Häuser und in die Familien gebracht, wie die Kriegerdenkmale in den Dörfern noch heute Zeugnis ablegen. Zusteller und Postkunden kannten sich oft schon seit Jahren, manch Pause wurde bei den Spreewaldfamilien gemacht, manch Nachricht zu Dorfneuigkeiten ausgetauscht. Es soll Briefträger gegeben haben, die die Todesnachricht an ihr nahestehenden Familien verspätet oder gar nicht zugestellt haben. Sie waren diejenigen, die die Nervenzusammenbrüche, hysterischen Anfälle und das laute Wehklagen als Erste erlebten und sich zumindest innerlich weigerten, ihrem Zustellauftrag nachzukommen.

Als ob nicht schon genug Leid in die Spreewalddörfer eingezogen war, sollte sich dieser Zustand im Zweiten Weltkrieg wiederholen. Wieder waren es die Kahnpostler, die diesen undankbaren Auftrag übernehmen mussten: In der einen Familie die Todesnachricht überbringen, in der Nachbarfamilie ein Lebenszeichen des Ehemanns und in wieder einer anderen Familie die Ankündigung eines Fronturlaubes … Postzusteller im Wechselbad der Gefühle.

Peter Becker, 27.02.23

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

2 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Artikel und nach wie vor aktuell. Die Feldpost wurde kostenlos befördert. Nach der Todesnachricht gab es oft noch eine Urkunde für die Familie mit einem Bild eines gefallenen Soldaten und der Unterschrift des Kaisers. Welch ein Trost. Das wird der Familie nicht viel genutzt haben, aber wenn man Ortschroniken bearbeitet, finden sich viele davon, besonders aus dem 1. Weltkrieg.

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