Schöner als die Wirklichkeit – „Mal dir doch die Welt, wie sie dir gefällt!“

Die Liebe zum Tier, besonders zu den Alpakas, besteht für Vanessa Kalz schon so lange sie denken kann (Foto: P.Becker, 2017)

Es ist fast unwirklich schön: Das warme Licht der Abendsonne erhellt die Szene, der Himmel gibt den Rahmen, alles scheint perfekt – der Druck auf den Auslöser der Kamera ist nur noch logisch. Daheim am PC ist Vanessa voller Erwartung, sie ist sich sicher, das perfekte Foto gemacht zu haben. Doch dann folgt die Enttäuschung: Die Szene stimmt zwar, das Foto ist technisch gut geworden, aber die Stimmung, die ihre Wahrnehmung beeinflusste und sie zur Kamera greifen ließ, die ist plötzlich nicht mehr da.

Vanessa Kalz, eine 16-jährige Gymnasiastin ist von der Schönheit der Natur besessen, sie saugt sie in sich auf und will sie bewahren. Immer wieder neue Aufnahmen führen zwar zu immer besseren Ergebnissen, aber nie ist es so perfekt, dass sie zufrieden ist. „Eine bessere Kamera wäre vielleicht eine Alternative, dazu ein lichtstarkes Objektiv – aber das ist alles sehr teuer“, muss sie sich eingestehen. Aber sie hat ja noch Eltern und Großeltern, die sie in ihren Ambitionen unterstützen, außerdem jobbt sie in der Radduscher Alpaca Finca – irgendwann ist das Geld für eine teure Spiegelreflexkamera zusammen. Die Fotos sind nun deutlich besser, aber eben immer noch nicht perfekt. „Wie weit darf ich ein Foto verändern? Darf ich es so verändern, dass eine neue Stimmung entsteht, eine, die ich wahrgenommen habe, aber nicht dokumentieren konnte?“. Diese Fragen diskutiert sie in Freundeskreisen, im Kunstunterricht und holt sich Rat in den zahlreichen Online-Foren. Einen Tipp greift sie auf, er erinnert sie an Astrid Lindgrens Rat: „Mal dir doch die Welt, wie sie dir gefällt!“

Diese Möglichkeit gefiel Vanessa: ein Foto als Vorlage, für den „Rest“ reichen Pinsel und Leinwand. „Ich habe mich aber gleichzeitig auch an meine allersten zeichnerischen Anfänge im Kindergarten erinnert, die waren grausam, ja, ich wurde manchmal sogar ausgelacht“, erinnert sie sich. Gleichzeitig erinnert sie sich, dass sie gerade wegen der Kritiken angefangen hat, ihre gestalterischen Fähigkeiten zu verbessern. Inzwischen ist sie auf einem Niveau angelangt, dass ihre Freunde, ihre Familie, beeindruckt. Als Beispiel nennt sie die „verfaulenden Äppel“: Das Foto ist kaum zum Angucken, aber das gleiche Motiv in Acryl auf Leinwand zeigt ein ganz anderes Bild, eine Schönheit, die zwar im Vergehen begriffen ist, aber plötzlich ganz anders auf den Betrachter wirkt.

Vanessa Kalz, ein junger aufstrebender Teenager, ist den Künsten sehr zugetan, sie pflegt aber auch noch andere Hobbys. Sie besucht eine Reitschule und möchte eine gute Reiterin werden. Die Pferde, auch ihre Ferienjobb-Alpakas, beflügeln ihre künstlerischen Ambitionen, sie mag und will keine Trennung des einen vom anderen. Mit der Kamera fängt sie die Tiere in ausdrucksstarken Posen ein, manchmal reicht ihr später ein Bildbearbeitungsprogramm, um ein Motiv zur Einmaligkeit zu verhelfen: „Ich male dann mit Licht: Was heller muss, mache ich heller; ich nehme Licht weg, wenn’s dunkler sein muss“, beschreibt Vanessa ihre Arbeit.

2. Teil:

Peter Becker, 25.11.22

Über Peter Becker 282 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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