Spreewälder Ammen, Hebammen und Kindstaufen einst und heute

„Kuschys Muhme“ – eine Hebammenlegende

Ein Novembersturm rüttelt spätabends am Wohnhaus der Marie Noack, Regen peitscht an das kleine Fenster in der Wohnstube. Marie hatte schon ähnliche Stürme erlebt, im Haus wie im Freien, sie fürchtet sich nicht, hält aber trotzdem noch ein kleines Gebet ab und bat darin um einen glücklichen Ausgang der Wetterunbilden. Die Tiere, ihre Ziegen und Hühner, waren schon längst im Stall, auch sie zieht sich in ihre Schlafkammer zurück und dreht die Petroleumlampe aus: „Am besten ist es, das Unwetter zu verschlafen.“ Wie seit Menschengedenken üblich, ging die Landbevölkerung bald nach Einbruch der Dunkelheit zu Bett, um beim ersten Hahnenschrei wieder das Bett zu verlassen – Tiere und Haushalt wollten versorgt werden. 

Die 65-jährige Marie Noack aus Byhleguhre hatte in diesem Jahr, 1902, ihren Gatten Johann Christian verloren. Er wurde gerade mal 59-jährig tot in Byhleguhre aufgefunden. Sie musste sich an das Alleinsein erst gewöhnen, alles bedenken und alles allein bewerkstelligen. Trotz des Lärms draußen fielen ihr bald die Augen zu, sie hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Gleich zwei Geburten, nahezu gleichzeitig, aber wenigstens in der Nähe, hatten sie voll gefordert. Glücklicherweise gab es keine Komplikationen, alles ging glatt: Bei Hockwins half sie einer jungen Frau, ihr erstes Kind auf die Welt zu bringen. Marie Noack hatte schon vor 18 Jahren die jetzt Kreißende auf die Welt geholt – und wieder 18 Jahre später wird sie dem Mädchen, dem sie gerade den ersten Schrei entlockt, ebenfalls bei der Geburt ihres ersten Kindes helfen. Bei den Nachbarn kreißt gleichzeitig Marie Schietke, sie bringt ihr zehntes Kind auf die Welt. Beide Geburten verliefen problemlos, routiniert hatte die erfahrene Hebamme die Gebärenden unterstützt. Die vor dem Haus unruhig wartenden Väter freuten sich über die lauten Schreie ihrer Babys. Darauf mussten sie erst einmal einen Schnaps trinken!

Marie Noack dämmerte langsam in den Schlaf – aus dem sie aber bald wieder gerissen wurde: Zuerst deutete sie das rhythmische Klopfen als Begleiterscheinung des Sturmes, doch bald nahm ihr geschultes Ohr Rufe wahr: „Muhme, du musst kommen, bei meiner Anneliese ist es soweit, sie krümmt sich schon in den Wehen!“ Sie tat, was sie schon hunderte Male tat, griff nach dem kleinen Köfferchen, warf sich einen Mantel über und zog die Langstiefel an, um dem Wetter wenigstens etwas entgegenhalten zu können. Ein wenig graute ihr doch vor dem langen Weg, denn diesmal sollte es nach Byhlen, ins Nachbardorf gehen, wie ihr der werdende Vater aufgeregt mitteilte. Der Weg zu Fuß über aufgeweichte Wege und Dunkelheit war schwer zu bewältigen, außerdem war Eile geboten. Wenn alles gut geht, konnte sie wenigstens nach der Geburt bis zum Tagesanbruch bei den jungen Eltern warten und vielleicht sogar auf der Pritsche etwas Schlaf nachholen.

So oder so ähnlich wie bei Marie Noack mag es sich bei den Spreewälder Hebammen zugetragen haben: Immer auf Abruf, bei Hitze wie Kälte, oft nächtliche Wege, manchmal in der eilig bereitgestellten Kutsche, später vielleicht mit einem Fahrrad – aber nie planbar, stets den eigenen Haushalt und die Familie zurücklassend. Hinzu kamen noch die Höhen und Tiefen ihres Berufsstandes, die auf die Seele wirkten. Oft waren die Hebammen die gelobten Helferinnen, die den Nachwuchs auf die Welt holten, manchmal waren sie machtlos, wenn die Natur stärker war und weder der Mutter noch dem Kind eine Chance gab. Das gefürchtete Kindbettfieber forderte immer wieder unter den Frauen Opfer – die Väter blieben dann auf sich alleingestellt und waren auf familiäre Unterstützung angewiesen. Ein Arzt wurde sehr selten hinzugezogen, meist kam er ohnehin zu spät. Eine medizinische Begleitung der Geburt kam erst im 20. Jahrhundert auf, immer mehr Gebärende gingen nun ins Krankenhaus. Bis dahin galt die Geburt eines Kindes -mit allen Risiken- im eigenen Haus als natürlicher Vorgang, sie wurde keinesfalls als „Krankheit“ angesehen. Die Geburtshilfe übernahmen Frauen, die sich über Jahre einen Erfahrungsschatz angeeignet hatten und vom preußischen Staat eine Tätigkeitserlaubnis erhielten, die der Gebärenden Beistand leisteten und die Erstversorgung des Kindes übernahmen – Männer waren in dieser Domäne unvorstellbar und auch unerwünscht. Das änderte sich erst, als Notfälle in Kliniken von Gynäkologen betreut wurden. 

Über 1500 Geburten bis kurz vor ihr Lebensende soll Marie Noack, von allen nur „Kuschys Muhme“ genannt, in ihren 53 Berufsjahren betreut haben, bevor sie am 11.04.1932 mit fast 94 Jahren in Byhleguhre verstarb. Sie war Hebamme für Byhleguhre, Neu Byhleguhre, Mühlendorf und Byhlen[1].

Am 11.Oktober 1855, gerade 17-jährig geworden, gebar Marie Kuschy in Byhleguhre, eine Häuslertochter, einen unehelichen Sohn, der Gottfried genannt wurde. Dieser Gottfried Kuschy, später lediger Tischlergeselle, starb im Alter von 24 Jahren am 6.11.1879 an Schwindsucht. Bei seinem Sterbeeintrag steht: Sohn der Häuslertochter Marie Kuschy jetzt verehelichte Noack.

Vermutlich hat Marie in jungen Jahren ihre Mutter Anna Kuschy (verst. 1879), eine Hebamme, begleitet und sich bei ihr das Handwerk abgeschaut. Nach ihrer „Approbation“, die damals vorgeschrieben war, durfte Marie Noack, nun schon 40-jährig, selbstständig arbeiten. Wie damals üblich, wurde sie mit einem kleinen Geld- oder Sachbetrag entlohnt und stets zur Taufe eingeladen. Es war auch üblich (und wurde vom Pfarrer erwartet) dass die Hebamme den Säugling persönlich zur Taufe brachte. Manchmal geschah dies mit dem Kahn, wie in einer Filmsequenz von 1927 zu sehen ist: Muhme Kuschy sitzt ganz vorn im Kahn und hält den Säugling auf ihrem Schoß, die Taufgesellschaft sitzt dahinter.

Der Lehrer Hugo Lukas schrieb über die damals 90-jährige Marie Noack im Lübbener Heimatkalender 1928: „Sie liest und schreibt ohne Brille. Ihre Nähnadel fädelt sie ohne fremde Hilfe ein. In der Inflationszeit hat sie ihr ohnehin nicht großes Vermögen verloren, nicht aber ihren heiteren Mut: Sie verschmäht es nicht, mit dem Kindsvater ein Tänzchen bei der Taufe zu machen. Ihre Lebensweise ist äußerst einfach, ihre Speise besteht aus ganzen Kartoffeln und Suppe, ausnahmsweise bei Kindstaufen mal aus einem Stück Braten“. Der Autor weiß auch zu berichten, dass die als Kuschys Muhme bekannte Hebamme meist zu Fuß in die ihr anvertrauten Dörfer eilte, wenn sie gerufen wurde. Marie Noack muss wohl die sprichwörtliche Gesundheit vieler Spreewälderinnen und Spreewälder besessen haben. Es war ihr einfacher Lebensstil, viel Bewegung an frischer Luft, gesundes Essen (viel Leinöl!) und eine demütige Haltung gegenüber der Natur und auch eine gewisse Gottgläubigkeit, die jedes Schicksal nicht zu nah an die eigene Seele herantreten lässt.[2]

Der Burger Manuel Jarick erinnert sich: „Meine Oma, geborene Annemarie Dahlick, wurde als Hausgeburt von ihr, damals schon im 94. Lebensjahr stehend, 1931 zur Welt gebracht. Später war in Byhleguhre Tante Konzagk (Anna Konzagk, geb. 10.02.1893, gebn. Theuergarten) Hebamme und hat 1962 meine Mutter zur Welt gebracht“.

Muhme Kuschy – Kuschys Muhme: Johanne Christiane Marie Noack

geb. 15.05.1838 in Byhleguhre, verst. 11.04.1932 in Byhleguhre

verh. 31.05.1870 mit Johann Christian Noack[3] (geb. 16.11.1842, verst. 07.02.1902; angebl. an einer Kohlengasvergiftung)

Eltern: Anna Kuschy, gebn. Lehmann, geb. 06.08.1811 in Burg, verst. 22.04.1879 „in der Wohnung des Schneidermeisters Christian Noack“ in Byhleguhre + Johann Christian Kuschy, geb. 03.09.1812

Wohnort: An der Eiche 6 (früher Nr. 51) in Byhleguhre (Elternhaus)


[1] Für den Burger Raum ist zur gleichen Zeit die Hebamme Kokkot im Einsatz gewesen. Über sie ist nur wenig bekannt.

[2] Der Burger Arzt Heinrich Steffen wurde nahezu arbeitslos, als er 1876 von Berlin nach Burg übersiedelte. „Die Bauern sind von einer unheimlichen, unverwüstlichen Gesundheit“, hielt er in seinem Tagebuch fest. In diesem Zusammenhang ist auch die Tätigkeit der Spreewälder Ammen zu sehen, die von betuchten Berlinern zum Stillen ihres Nachwuchses in die Stadt geholt wurden – ihrer strotzenden Gesundheit wegen.

[3] Die Trauung war am 31.5.1870. Marie Kuschy war bereits 32 Jahre alt. Interessant ist, dass beim Bräutigam Johann Christian Noack im Kirchenbuch vermerkt ist: „Junggeselle“, bei Marie „unverheiratet“. (Sie war den Quellen nach damals Mutter eines 15-Jährigen.)

Kuschys Muhme – was sich in den Archiven noch finden lässt:


Spreewälder Hebammen 2000Edith Ballenthin ist eine von ihnen

Geburtsabläufe sind nach wie vor naturgegeben, aber die „Geburtsumgebung“ hat sich verändert: Gebärende genießen Betreuung und staatliche Vorsorge, im Komplikationsfall kann schnell geholfen werden. Hebammen sind bestens ausgebildet, schnell vor Ort und gut vernetzt. Edith Ballenthin ist eine der Nachfolgerinnen von Hebammen, wie „Kuschys Muhme“ eine war, auch wenn sie keine direkte Geburtshilfe leistet.

„Ich bin unumstößlich heimatverliebt – und wusste schon mit 14 Jahren, dass ich mal Hebamme werden will, und zwar im Spreewald“, sagt die 1991 als viertes Kind der Lübbenauer Optikerfamilie Schmidt geborene Edith. Ihr Berufswunsch „kam einfach so“, ohne äußeren Anlass, ebenfalls „unumstößlich“.

Nach dem Abitur am Cottbuser Steenbeck-Gymnasium 2011 folgte eine dreijährige Hebammenausbildung an der Universitätsklinik Carl-Gustav-Carus in Dresden. „Ein wenig ‚Schuld‘ am Festhalten meines Berufsweges hat auch meine Tante, die als Hebamme in Quakenbrück (Niedersachsen) arbeitet. Sie festigte meinen Berufswunsch, bei ihr habe ich meine ersten Praktika absolviert“, sagt Edith Ballenthin, die seit 2017 verheiratet ist, seit 2022 selbst ein Baby hat und mit ihrem Mann im unweit Lübbenau gelegenen Eisdorf wohnt. Hier hat sich die junge Familie niedergelassen und ein Haus gebaut. Beruflich folgten seit 2014 Tätigkeiten als angestellte Hebamme in der Spreewaldklinik Lübben und, anfangs noch nebenbei, erste Schritte in die Selbstständigkeit. Seit 2020 ist die junge Hebamme in einer Vollzeit-Freiberuflichkeit, mit Erweiterung der Tätigkeiten auf Schwangerenvorsorge, Geburtsvorbereitungskurse, Wochenbettbetreuung und Rückbildungskurse.

Gerade die letztgenannten Leistungsbereiche dürften ihre Tätigkeit vom Aufgabenbereich der „Muhme Kuschy“ und anderer Hebammen ihrer Zeit unterscheiden. Geburtsabläufe folgen biologischen Gesetzen, sie können aber heute dank medizinischer Fortschritte unterstützt und erleichtert werden. Während die Hebamme früher die Geburt begleitete und den Säugling meist erst bei der Taufe wiedersah, ist Hebammentätigkeit heute eine komplexe vor- und nachgeburtliche Begleitung mit Beratung und Körperübungen. Nach der Geburt wird der Mutter ebenso viel Aufmerksamkeit und Hinwendung zuteil, wie dem Säugling. Das geht von Still- und Ernährungstipps bis hin zur Säuglingspflege und Beratung bei auftretenden „Unpässlichkeiten“, die jede Familie mit Sorge erfüllt, etwas, was ihnen Edith Ballenthin mit ihren Verhaltens- und Vorsorgetipps meist nehmen kann. Sie weiß aber auch, wenn ihre Kompetenzen ausgeschöpft sind und wenn fachärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden muss. 

Edith Ballenthin arbeitet auch mit anderen Frauen zusammen, etwa mit Luisa Fröhlich (s. unten), die die Mütter im Tragen des Kindes mittels Tragetuch unterweist.

Edith Ballenthin unterwegs in Lehde:

Anders als damals die „Muhme Kuschy“ muss Edith Ballenthin nicht zu Fuß (und manchmal durch die Nacht) gehen, ihr stehen die modernen Fortbewegungsmittel zur Verfügung. Dank Telefon sind die Nachrichtenwege kurz, mancher Tipp kann auch schon am Telefon gegeben werden. Um auch die entlegeneren Häuser, besonders in Lehde, zu erreichen, steht ihr seit einiger Zeit ein Lasten-eBike zur Verfügung. Ihre Hebammentasche mit Hörrohr, Hygiene- und Pflegeartikeln schnallt sie auf den Gepäckträger und radelt zügig zum Einsatzort. Manchmal, wenn auch selten, muss die letzte Wegstrecke mit einem Kahn zurückgelegt werden, den ihr die werdenden Eltern zum vereinbarten Ort vorausschicken. Darin unterscheidet sie sich nicht von ihren Vorgängerinnen der letzten Jahrhunderte. Dennoch blickt sie etwas wehmütig zurück: „Die alte Muhme brauchte bestimmt keine Berufshaftpflichtversicherung, die sie als Geburtshelferin 9000 Euro im Jahr gekostet hätte. Sie musste bestimmt auch keine umfangreiche Dokumentation führen, um von der Krankenkasse ihren Einsatz honoriert zu bekommen und sie wurde auch nicht vom Spitzenverband der Krankenkassen nach dem Zufallsprinzip kontrolliert“. Edith Ballenthin weiß aber auch genau, dass das vielzitierte „heiße Wasser und saubere Tücher“ heute nicht mehr ausreichen, zumal fast alle Geburten ohnehin in einer Geburtsklinik stattfinden.

Sie ist mit den werdenden Müttern ausgezeichnet vernetzt, sie kann online Tipps geben oder Anleitungsvideos zur Verfügung stellen. Edith Ballenthin: „Das war in Coronazeiten mit den strengen Kontaktbeschränkungen unsere Überlebensstrategie, wir konnten kommunizieren ohne uns zu begegnen – dennoch ist der direkte Kontakt durch nichts zu ersetzen. Vor Ort in häuslicher Umgebung von Angesicht zu Angesicht zu agieren ist einfach effizienter und auch emphatischer“.

Ein Blick zurück in die jüngere Vergangenheit

Ab den 1950er und 1960er-Jahren erfolgten die meisten Entbindungen bereits in Geburtskliniken, wie im Schloss Lübbenau, welches damals dafür genutzt wurde. Doch so manches Kind hatte es sehr eilig auf die Welt zu kommen und schrie sich noch auf dem Kahn ins Leben. Meist war eine begleitende Frau, selten eine Hebamme, dabei. Der Mann, oft noch ein zweiter Helfer, stakten aus Leibeskräften, um noch rechtzeitig in Lübbenau anzukommen. Der Leiper Herbert Konzack erinnert sich: „Ich erblickte 1949 im Schloss Lübbenau das Licht der Welt, doch meine Geschwister, die 1953 als Zwillinge auf die Welt kamen, haben es nicht mehr bis ins Schloss geschafft: Marlies kam bei Lehde im Kahn auf die Welt und Dietrich kurz vor Lübbenau!“ Herbert Konzacks Mutter Ursula, selbst Krankenschwester, hatte sich wohl ein wenig mit dem Termin vertan, als sie ihren Schwager Heinrich Konzack bat, sie so schnell wie möglich nach Lübbenau zu bringen. Der arme Mann wusste unterwegs dann nicht, was wichtiger war: So schnell wie möglich zu staken oder der Entbindenden zu helfen, die vermutlich selbst von der Zwillingsgeburt überrascht war! 

Die einzige Verbindung zur Außenwelt war für die Leiper bis 1969, dem Jahr des Straßenbaus, der Kahn. Ganz problematisch wurde es, wenn zum errechneten Geburtstermin Schnee und Eis keine Kahnfahrt zuließen, entweder weil es zu gefrieren begann oder das Eis bereits schmolz, aber keinen Schlitten mehr trug. Der Stoßschlitten kam im tiefsten Winter bei sicheren Eisverhältnissen zum Einsatz und war sogar dank kräftiger und sich ablösender Männer schneller als ein Kahn in Lübbenau. Der Leiperin Anna Jedro ist im Januar 1947 so zur ihrer Entbindung vom Sohn Manfred nach Lübbenau gebracht worden. Besonders fürsorgliche Familienväter versahen während der Übergangswetterperioden ihren Kahn mit Kufen, sodass er über das Eis gezogen werden konnte, aber auch wie ein ganz normaler Kahn bei Eisfreiheit gestakt werden konnte.

Damals blieben Mutter und Säugling bis zu zehn Tage in der Klinik, der Rückweg wurde ebenfalls mit dem Kahn angetreten, nun aber wesentlich entspannter. Eisgang oder Hochwasser konnten entsprechend eingeplant und berücksichtigt werden. Kurze Zeit danach ging es noch einmal mit dem Kahn in die Gegenrichtung, zumindest für die gläubigen Familien: Die Kindstaufe in der Lübbenauer Nikolaikirche stand an. „Die erste Fahrt, die zur Entbindung, war voller Sorgen und auch Angst – die vierte, nach der Taufe zurück, war das ganz Gegenteil. Sie wurde zur feuchtfröhlichen Angelegenheit, für manchen zu einer sehr feuchten“, erzählen sich noch heute die alten Leiper.

Rückkehr von der Taufe 1956: Elsbeth Buchan, gebn. Jedro, mit Tochter Rita im Kinderwagen, Fährmann ist Karl-Heinz Panzer.

Die Taufe in der Spree – ein Zugeständnis an die neue Zeit und an Spreewälder Befindlichkeiten

Der evangelische Pfarrer Michael Oelmann hatte es nicht leicht, seiner Kirchenleitung zu erklären, dass er diesen jahrhundertealten Brauch der Taufe als missionarische Chance aufnehmen wollte. „Neue Wege gehen …“ – etwas, was sich leicht predigen, aber nicht immer leicht umsetzen lässt. Die konservativen Kollegen galt es ebenso zu überzeugen, wie die Kirchenleitung. Eine Taufe außerhalb der Kirche – das überstieg und strapazierte deren Vorstellungsvermögen. Inzwischen ist bei gläubigen Familien das Taufen in der Spree neben der Taufe in der Kirche etabliert.  Der Pfarrer steht dabei im Wasser, Vater oder Mutter ebenso. Sie oder ein Pate halten das Kind und lassen es mit Spreewasser taufen. Die Abläufe gleichen denen in der Kirche, der Unterschied ist gering und lediglich der Örtlichkeit geschuldet. 

Spreetaufe 2014: Pfarrer Oelmann tauft Greta Kilka, die von ihrem Vater Sebastian gehalten wird.

Für Edith Ballenthin sind das Geschichten, die ihre Heimatverbundenheit noch mehr stärken. Sie denkt manchmal darüber nach, wie sie ihre Arbeit vor 100 Jahren verrichtet hätte, wie ihr Leben damals verlaufen wäre. „Heute ist doch vieles leichter und für Mutter und Kind sicherer geworden. Ich verfüge über ein umfangreiches Wissen, kann helfen – und das macht auch mich sicher!“, sagt die junge Hebamme mit eigener Geburtserfahrung. „Und ich sehe mich durchaus als Nachfolgerin der vielen Hebammen vor mir – im immer noch etwas speziellen Einsatzgebiet des Spreewalds!“

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Altes neu entdeckt – Luisa Fröhlich

Luisa Fröhlich, eine Byhleguhrerin wie einst Kuschys Muhme, setzt bei der ganzheitlichen Betreuung der Kinder an: „Für mich ist das Neumodische in der Kindererziehung stark zu hinterfragen, es unterliegt eher wirtschaftlichen Zwängen, als dass es dem Kindeswohl dient!“, ist sie fest überzeugt. Dazu gehört auch das Tragen der Säuglinge, was Jahrtausende der Fall war und in vielen Nationen immer noch der Fall ist. „Nicht das (glücklicherweise!) immer stärker aufkommende Tragetuch ist etwas Neumodisches, sondern der Kinderwagen!“ Luisa Fröhlich, hat gefragt und gelesen, Quellen studiert und sich ein Bild gemacht. „Der Kinderreichtum, die schwere Arbeit auf den Feldern und das Fehlen einer allgemeinen Fürsorge haben es den Familien und besonders den Frauen damals nicht leicht gemacht. Aber sie hatten andererseits die Generationen-Unterstützung, Hilfe durch Ältere und Wissen über Naturheilverfahren – Dinge, die es heute oft nicht mehr gibt“, lautet ihre Erkenntnis. Vieles greift sie auf, überträgt es auf heutige Lebensformen und gibt es an junge Familien weiter. Ein sichtbarer Ausdruck ist die Rückkehr zur alten Trageweise der Säuglinge. Sie propagiert das Tragen von Babys ganz so, wie es überliefert ist und noch heute in vielen Ländern der Welt Alltag ist. Das Kind wird aufrecht getragen, es hat engen Kontakt zur Mutter und bekommt deren Wärme übertragen und es unterstützt auf ganz natürliche Art die Hüftreifung.

Luisa Fröhlich ist studierte Sozialpädagogin und hat sich in zahlreichen Kursen weitergebildet. Sie zeigt den werdenden Müttern nicht nur, wie das Tuch gebunden und getragen wird, sondern hat ein Rundum- Hilfs- und Unterstützungsprogramm für junge Familien entwickelt. Sie unterstützt Hebammen, die ohnehin oft am Limit arbeiten müssen, in der Schwangerschaftsbegleitung und in den ersten Lebenswochen der Kinder. Die Spreewaldhebamme Edith Ballenthin (s. oben) aus Lübbenau sagt: „Ich bin ein großer Fan des Tragetuchs und wende es regelmäßig selbst in meiner Hebammenarbeit an. Luisa ist zu meiner Trageberaterin des Vertrauens geworden und in meinem Kurs räumt sie regelmäßig mit typischen Vorurteilen auf. Mit Hingabe und Enthusiasmus zeigt sie die verschiedenen Trageweisen. Ich freue mich immer wieder aufs Neue, Luisa und ihren bunten Stoffhaufen in meinem Kurs dabei zu haben“.

Die Stoffe haben es Luisa Fröhlich ohnehin angetan. In Neuzelle aufgewachsen, ist sie mit der Tracht der Sorben und Wenden zwar nicht ganz so vertraut, aber durch ihren Umzug nach Byhleguhre („der Liebe wegen“) hat sich das spürbar verändert. Sie ist zur Trachtenträgerin geworden und bezieht nun auch das Tragetuch in die Tracht ein. 

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Luisa Fröhlich zeigt bei einem Fototermin in Straupitz ihre Verbundenheit zur Tracht ebenso, wie die neubelebte Form des Tragens von Säuglingen mittels Tragetuch.

Noch ein Rückblick: Spreewälder Ammen in Berlin

Um die Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges galt es in betuchten Berliner Familien als schick und standesgemäß, den Nachwuchs von Ammen aus dem Spreewald nähren zu lassen. Diese galten als besonders gesund, ihre Milch sei besonders gehaltvoll und nahrhaft. Außerdem konnte man in aller Öffentlichkeit zeigen, dass man es sich leisten konnte, eine Amme aus dem Spreewald kommen zu lassen. Die jungen Frauen trugen auch im Berliner Alltag ihre weithin auffällige wendische Tracht, sie machte sie zu etwas Besonderem! Die Spreewälderinnen hatten kurz zuvor selbst ein Kind geboren, dem sie aber ihre Muttermilch nicht oder nur in den ersten Tagen geben durften. Die gut bezahlte Tätigkeit einer Nähramme in Berliner Familien war zu verlockend, sodass sie ihre eigenen Kinder zurückließen und meist in großelterliche Pflege gaben. Diesen Kindern wurde die so wichtige Muttermilch vorenthalten, wenn nicht gerade eine andere stillende Person in der Nähe war.

Amme in Berlin zu sein, war äußert lukrativ, das Geld wurde dringend für die eigene Familie benötigt, die in zumeist sehr kargen Verhältnissen lebte. Aus dieser Zeit kursieren die wildesten Gerüchte: So sollen Mütter ihre heiratsfähigen Töchter von durchziehenden Soldaten haben schwängern lassen, damit sie nach der Geburt sofort eine Tätigkeit in Berlin aufnehmen konnten!

Viele Ammen hielten auch noch nach der Stillzeit Kontakt zu ihren Berliner „Arbeitgebern“, oft zogen sie auch deren Kinder weiterhin auf und blieben jahrelang als Kindermädchen in den Familien. So standen sie bei einer erneuten Schwangerschaft der Hausherrin durchaus auch wieder als Amme zur Verfügung. Da dies einer gewissen „Planung“ bedurfte, musste die zukünftige Amme möglichst gleichzeitig schwanger werden – wieder ein weites Feld für die Gerüchteküche! Die Familien blieben später mit ihrer Amme oft jahrelang im Kontakt, besonders auch umgekehrt die Ammen mit dem von ihnen genährten Nachwuchs: Ein im Kornspeicher Straupitz ausgestelltes Dokument bestätigt der Straupitzer Amme Marie Jank, dass sie einst einem Hohenzollernprinzen genährt hatte; beide blieben lebenslang in Verbindung.

Info-Tafel im Kornspeicher Straupitz zur „Hohenzollern-Amme“ Marie Jank (1864 – 1944)

Den Spreewälder Ammen wurde auch eine gewisse Schlagfertigkeit und Burschikosität nachgesagt. Anders als die einfachen Dienstmädchen hatten sie einen gewissen Status, denn sie waren zumindest zeitweise unabkömmlich. Eine redegewandte Spreewälderin antwortete auf die Frage eines Reporters, ob sie denn auch wirklich kinderlieb sei: „Ja natürlich, besonders zu den Jungen meiner Herrin!“ Auf die Frage, wie alt die Kinder seien, kam die Antwort: „Eins ist 22 und eins ist 24 Jahre alt!“[1]


[1] „Illustrierte Welt“, 1897

Vielen Dank für die Unterstützung und Mitwirkung: Petra Kuschy, Manuel Jarick, Sabrina Kuschy, Thomas Mietk, Christian Jank, Werner Kuschy!

Peter Becker, 23.06.2022

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

1 Kommentar

  1. Ein sehr schöner, lesenswerter Artikel und mit dem Gerücht der Töchrer-Schwängerung durch Soldaten, wäre ich auch sehr vorsichtig. Das scheint eine Legende zu sein, oder sagen die Kirchenbücher etwas anderes?

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