Unschuldig in den Tod

Eine elfjährige Lübbenauerin musste auf der Flucht in den Spreewald Ende April 1945 ihr Leben lassen.

Ausschnitt aus der Familienchronik der Lübbenauer Gastwirtsfamilie Müller-Jäger

Als die Front an die Stadt heranrückte, sahen viele Einwohner nur die Möglichkeit einer Flucht in den Spreewald. Zu groß war die Angst, in mögliche Kämpfe verwickelt zu werden, zu groß war die Angst, in die Hände der Soldaten der Roten Armee zu gelangen. Dass es in und um Lübbenau keine größeren Kampfhandlungen geben wird, wurde zwar angenommen, aber dennoch wollte man sich nicht einfach überrollen lassen – mit all den Wagnissen und Gefährdungen, die damit verbunden gewesen wären.

In Lübbenau gab es nur wenig Kriegsschäden, bei den aufgefundenen Toten soll es sich um Suizide von lokalen NS-Größen gehandelt haben. In den Erinnerungen der Lübbenauer wirkte jedoch ein Fall besonders nach, da es sich um ein Kind handelte, dass eher zufällig ums Leben kam. Hans-Joachim Nemitz von der Lübbenauer AG Zeitgeschichte hatte 2014 Gelegenheit, dazu Ernst Kohl zu befragen, der mit seinen Eltern zur Pohlenzschänke floh.

Pohlenzschänke um 1940

Hier seine Niederschrift:

Als die russischen Truppen im April 1945 unmittelbar bis Lübbenau vorgerückt waren und der Einmarsch in die Stadt bevorstand, wurde der Gedanke an eine Flucht in den Spreewald in die Tat umgesetzt. Wenn sich die Lage wieder beruhigt hatte, würde man zurückkommen. Meine Eltern waren nicht die ersten und einzigen, die so dachten und handelten. Vielleicht würden die sowjetischen Soldaten die Stadt nur für einen schnellen Vormarsch nach Berlin nutzen. Als Fluchtorte wurden die Wotschofska sowie die Pohlenzschänke favorisiert, wobei meine Familie die Pohlenzschänke wählte. Die schon Tage vorher gepackten Taschen und Koffer wurden auf einen Kahn verfrachtet und die Fahrt begann. Gleich uns hatten sich viele Familien eingefunden, sei es durch eine vorweg getroffene Vereinbarung, sei es durch die gebotene Eile. Nach dem strengen Winter 1944/45 waren sonnige und warme Frühlingstage über unser Land gekommen. Wenn sich an den Schleusen die Kähne stauten, konnte man sich ein Bild dieser schier endlosen Kahnreihe machen.

Die Pohlenzschänke war bei unserer Ankunft bereits zu einem guten Teil mit anderen Flüchtlingen belegt, die zumeist aus dem nahen Burg kamen. Schnell wurden alle verfügbaren Räume sowie der Saal belegt. Einige zogen es vor, in für diese Zwecke umgestaltete Heuschober Quartier zu nehmen. Die Sonne, die Wärme, das frische Grün, die Friedlichkeit des Ortes gaukelten ein Bild vor, wie man es gerne hätte, aber schon wenige Kilometer weiter nicht mehr war. Wie lange wir hier verharren sollten, darüber war man sich nicht im Klaren. Wir Kinder fassten es als eine Art Abenteuer auf. Nach Burg ausgesandte Kähne brachten frische Lebensmittel und neue Nachrichten mit zurück.

Das Bild dieser Ruhe wurde unterbrochen, als plötzlich ein russischer Soldat, der von seiner Einheit versprengt und sich im Spreewald verirrt hatte, plötzlich auftauchte. Es war unsere erste Begegnung mit dem Feind. Als man erkannte, dass seine Angst größer als unsere war, gab man ihm zu essen und wies ihm den Weg zurück nach Burg.

Ein endgültiges Ende fand unser Aufenthalt durch einen schwerwiegenden Zwischenfall. Ein russischer Flieger beschoss im Tiefflug mit seinem Maschinengewehr das Gebäude der Pohlenzschänke. Unglücklicherweise hielt sich zu diesem Zeitpunkt ein elfjähriges Mädchen,  das aus einem höher gelegenen Zimmer etwas holen wollte, im Treppenhaus des Gebäudes auf. Durch das Fenster des Treppenhauses eindringende Geschosse trafen sie tödlich in den Kopf. Das war das Signal für einen allgemeinen Aufbruch, für uns in Richtung Lübbenau, das inzwischen von den sowjetischen Truppen besetzt war.

An diesen Vorfall konnte sich Ilse Müller, gebn. Hertrampf, ebenso erinnern, wie Hans-Joachim Fittkau. Dessen Eltern waren damals Pächter der Pohlenzschänke.

Der ehemals als Aussichtsturm gedachte Aufbau der Pohlenschänke wurde dem Mädchen zum Verhängnis. Vermutlich nahmen die russischen Jagdflieger an, dass es sich um einen Beobachtungspunkt der Wehrmacht handeln könnte und nahmen ihn daher unter Beschuss.

https://spreewaldoriginale.de/j-fittkau.html

https://spreewaldoriginale.de/ilse-mueller.html

mehr über die Geschichte der Gaststätte:

https://beckersblog.de/2017/01/19/die-pohlenzschaenke/

Peter Becker, 22.03.22

Über Peter Becker 259 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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