Zu Besuch beim Besenbinder

Walter Piesker ist unter sehr kargen Verhältnissen aufgewachsen. Die kleine bäuerliche Wirtschaft in Radensdorf ernährte kaum die sechsköpfige Familie in den Nachkriegsjahren. Alles was im Haushalt und auf dem Hof anfiel, wurde verwertet, manches sogar mehrmals. Zum Kaufen war kein Geld da, hinzu kam die allgemeine Güterknappheit.

Walter Piesker schaute seinem Vater bei allen Verrichtungen zu, und musste, je älter er wurde, in der Landwirtschaft mithelfen. An den etwas ruhigeren Winterabenden wurden Handarbeiten verrichtet, Geräte repariert, Wolle versponnen und ähnliche Arbeiten erledigt.

Einen großen Teil nahm das Flechten der Körbe und das Binden von Besen ein. 

Walter Piesker, inzwischen fast 80 Jahre alt, hatte sich das alles einst abgeschaut und wendet sein erlangtes Wissen und seine Erfahrung noch heute an. Für sich und seine Familie sowie für Nachbarn bindet er gern mal Besen – ein originelles Geschenk, wie diese finden! Zum Binden verwendet er Birkenreisig und aufgespaltene Weidenruten. Grob zugeschnittene Reiser werden zu unterarmdicken Bündeln (Bos‘chen nennt er sie) verpresst und mit den Weidenruten fest verbunden. Mehrere solcher Bündel ergeben dann den späteren Besen. Dazu werden diese Bündel auf einem an der Hauswand befestigten Strick straff zusammengerollt und dabei wird eine weitere aufgesplittete Weidenrute in mehreren Lagen mit aufgerollt, die Enden werden durch das Material gesteckt. Nach Lockerung des Stricks, hält nun die Weidenrutenumringung alles zusammen. Noch mehr Festigkeit und Zusammenhalt entsteht, durch das Einpressen eines Besenstiels. Wenn im Laufe der Zeit durch Austrocknung des Reisigs eine Volumenverminderung eintritt, muss der Stiel immer noch festsitzen. „Daran erkennt man einen guten Besenbinder“, bekundet Walter Piesker nicht ohne Stolz auf seine Besen.

Peter Becker, 19.01.22

Über Peter Becker 274 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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