Wenn der Arzt mit dem Kahn kommt …

Obwohl das Spreewalddörfchen Lehde inzwischen gut an das Straßen- und Wegenetz angeschlossen ist, gibt es immer noch zahlreiche Gehöfte, die nur „über Wasser“, wie die Lehd’schen sagen, erreichbar sind. Selbst wenn es Brücken gibt, so sind es doch immer Brücken mit Stufen – für Gehbehinderte im Rollstuhl sind sie nicht nutzbar. Ein Besuch beim Arzt geht daher nur mit Unterstützung der Familie, wenn der oder die Kranke über die Brücke getragen oder über eine Rampe in den Kahn gefahren wird – oder der Arzt kommt eben zum Hausbesuch. Der muss aber selbst manchmal längere Strecken zu Fuß und oft über Schleichwege nutzen, um zu seinen Patienten zu kommen. Günstig ist daher in solchen Fällen die Anfahrt mit dem Kahn. Der in Lübbenau praktizierende Arzt Dr. Siegfried Stadelmayer, selbst ein Ur-Spreewälder und Lehder Einwohner, hat sich dafür einen Kahn als „Dienstfahrzeug“ zugelegt, er hat auch die Berechtigung zum Motoreinsatz, falls es mal schneller gehen muss. Staken konnte der in der Lübbenauer Bergstraße aufgewachsene Siegfried Stadelmayer schon als 12-Jähriger, später verdiente er sich mit Gästefahrten in den Semesterferien etwas Geld fürs Studium.

Seine Ehefrau Renate Stadelmayer ist seine Sprechstundenhilfe in der Lübbenauer Praxis und auch bei seinen Hausbesuchen per Kahn seine Assistentin. Kommt es zum Einsatzfall, eilen beide zu ihren am Grundstück anliegenden Kahn, Notarztkoffer und Dokumententasche sind immer griffbereit. Wie auch an diesem Samstag:

Forsch stößt der bald 81-jährige Doktor das Rudel in den Fließgrund und fährt auf kürzesten Wegen durch das Lehder Fließlabyrinth zum Gehöft. „Heute machen wir einen Hausbesuch bei Johanna Pschipsch – und da das Wetter so wunderbar ist, nehmen wir lieber den Kahn, als den langen Fußweg“, erklärt Siegfried Stadelmayer. Auf der Fahrt, mitten durch Urlauber in Kähnen und Paddelbooten, fällt der Arzt in seinem weißen Kittel und seiner roten Notarztjacke natürlich auf, nahezu gleichzeitig gehen bei der Vorbeifahrt die Smartphones in die Höhe.

Am Pschipsch-Grundstück angekommen, werden der Arzt und seine mithelfende Ehefrau von Heike und Andreas Schade zur Kranken in die gute Stube geführt. Johanna Pschipsch wird bald 90 Jahre alt, sie ist die älteste Lehd‘sche und freut sich über die regelmäßigen Besuche ihres Arztes, den sie seit Jahrzehnten kennt und voll vertraut. Sie hat schon frühzeitig erfahren müssen, welchen Wert eine stabile Gesundheit hat. Als 14-Jährige musste sie unmittelbar nach Kriegsende die kleinbäuerliche Landwirtschaft fast allein führen: Ihr Bruder kam zwar verletzt aus dem Krieg zurück, wurde aber sogleich wieder nach Jamlitz interniert, von ihm hat sie nie wieder etwas gehört. Der Vater erkrankte an Tbc, die Mutter an Typhus. Heute lebt sie immer noch in ihrem Elternhaus und wird von Tochter Heike und ihrem Ehemann Andreas unterstützt. Lange Zeit war sie eine große Stütze in der Familien-Marmeladenmanufaktur, beim Lehdefest hatte sie ihren Stammplatz und bot Kürbissuppe an – die leckerste im ganzen Spreewald, wie Kenner behaupten.

Renate Stadelmayer zieht die Chipkarte durchs Lesegerät – so viel Ordnung muss auch beim Hausbesuch übers Wasser sein- ihr Arztgatte lässt sich von der Patientin ihre gesundheitlichen Probleme schildern, misst den Blutdruck und gibt ihr Verhaltensratschläge.

Im Hintergrund stehen Heike und Andreas Schade bereit, um Hinweise entgegenzunehmen oder Fragen beantworten zu können. Andreas Schade erzählt, dass sich alle glücklich schätzen, eine so große Unterstützung durch die beiden Mediziner zu bekommen. „Ein Anruf genügt und der Doktor wird immer Zeit für einen Hausbesuch finden. Renate Stadelmayer ist sehr umsichtig, denkt an alles und bringt auch mal die erforderlichen Unterlagen für die Beantragung irgendwelcher Zuschüsse und Leistungen mit“. Die beiden Stadelmayers packen ihre Utensilien zusammen und gehen wieder zum Kahn. Heike Schade reicht dem Doktor das Rudel zu und zurück geht’s nach Hause. Renate Stadelmayer ergänzt noch während der Rückfahrt in aller Ruhe die Patientenakte.

Der Hauskater liegt auf dem heimischen Steg und wartet auf die Rückkehr seines Herrchens und Frauchens. Seinen gutgefüllten Bauch lässt es sich von der Sonne bescheinen, was den Doktor zu der Bemerkung hinreißen lässt, dass er seine Patienten diesbezüglich besser im Griff hat, als den eigenen Kater.

Peter Becker, 11.10.21

Über Peter Becker 224 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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