Kahnkorso durch Lehde einmal anders

Kein Gedrängel am Ufer, kein Warten – und doch der volle Kahngenuss! Diesmal fuhren die Besucher des traditionellen Lehder Dorffestes, welches immer am letzten Septemberwochenende stattfindet, im Kahn bei den Leh’dschen vorbei, quasi bei ihnen zuhause. An 29 Standorten waren geschmückte Kähne oder Szenen an Land zu bewundern, sie alle zeigten das traditionelle Leben wie es war und manchmal immer noch ist. Gerade die Landwirtschaft hat sich nicht wesentlich geändert: die Kühe müssen nach wie vor mit dem Kahn auf die Sommerweide, Heu und Futter retour auf die Höfe, und die Fischer fischen auch wie eh und je.

Die Kahngäste konnten in Ruhe die Bilder genießen, sogar hier und da mit den Akteuren in Kontakt treten. Insgesamt 26 Kähne mit etwa 600 Gästen starteten an beiden Tagen mit Unterstützung durch Fährleute vom Großen und Kleinen Hafen sowie Schwerdtners Kahnfahrten ab Lübbenau für eine zweistündige Tour in Richtung Lehde.

Die Organisatoren hatten eine Fließsperrung für den normalen Ausflugsverkehr veranlasst, dadurch wurden die zahlenden Gäste nicht durch Paddler und andere Schaulustige in ihrer Sicht auf Bilder und Szenen behindert. Das alles trug auch zur Entspannung bei den Fährleuten bei.  Hartmut Andres vom Großen Hafen: „Es stakte sich wunderbar, kein Gegenverkehr und man konnte sich auf die Gäste und das Ufergeschehen konzentrieren!“ Was auffiel: Es waren zahlreiche junge Leute unter den Akteuren, offensichtlich ein Zeichen, dass die Jugend sich wieder vermehrt ins Dorfgeschehen einbringt.

Gleich zu Beginn der Tour wurden die Gäste durch Peter Lehmann eingestimmt, der als Teufelsgestalt vom Ufer aus einiges „richtigstellte“. „Wir wissen doch, dass die Wissenschaftler lügen, erst recht in heutiger Zeit! Den Spreewald hat nicht die Eiszeit, wie sie behaupten, sondern der Teufel geschaffen, basta!“ Es folgten zahlreiche Bilder der Fischer und Handwerker, der Feuerwehr und der Waschweiber, von Fastnacht und Sagengestalten. Manch Dorfbewohner brachte sich noch selbst ins Geschehen ein, wie Familie Bülow: Sie hatten die Wäschetruhe geleert und am Fließ eine Leine für den Truheninhalt gespannt. Auf dem Mutschenhof der Familie Kilka hatten sich Kinder im Kürbisschnitzen versucht. Anja Kilka: „Wir haben die Dorfkinder dazu eingeladen -sie hatten schon keinen Kindertag- um sich bei uns mal wieder zu treffen und um den schönsten Schnitzkürbis wetteifern zu können.“

Zum Ende hin waren alle Kahnfahrgäste des Lobes überaus voll. Heike Lüdke und Andrea Hüttner, Ärztinnen aus Leipzig: „Wir hatten von dem ursprünglichen Kahnkorso in Lehde schon viel gehört, tolle Fotos bestaunt und hatten unseren Spreewaldurlaub dieses Jahr extra nach diesem Datum ausgerichtet. Dann waren wir erstmal enttäuscht, als wir in der Ankündigung lasen, dass man diesmal wegen Corona mit dem Kahn an „Schaubildern“ vorbei fährt – wir dachten erst, das sind große Fotos. Wir möchten uns herzlich bei allen bedanken, die mitgemacht haben, es war ein Augenschmaus! Vielleicht ist diese neue Variante, in der man die Familien in Lehde quasi vom Kahn aus in ihrem alltäglichen Leben besucht und zwischendurch immer wieder die herrliche Spreewaldlandschaft genießen kann, sogar eindrücklicher“.

Maik Hoffrichter, Vereinsvorsitzender des Lehder Fördervereins ist gleichzeitig auch im Vorstand der Lübbenauer Kahnfährgenossenschaft. „Wir haben gemeinsam beraten, wie wir das jährliche Lehdefest mit dem Kahnkorso retten können, denn wir sind es unseren treuen Besuchern einfach schuldig, etwas anzubieten, auch unter Coronaauflagen“, erinnert sich Maik Hoffrichter an die entscheidende Vorstandssitzung, in die Steffen Franke den entscheidenden Satz einwarf: „Na dann machen wir es doch einfach mal umgekehrt!“

Peter Becker, 26.09.21

Über Peter Becker 224 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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