„Charmant und allerliebst meublieret“ – Schloss Groß Beuchow

Lithografie Hammer, 1834

Das ehemalige Jagdhaus Groß Beuchow, heute Schloss Groß Beuchow, ist ein Gebäude in dem zur Stadt Lübbenau/Spreewald gehörenden Dorf Groß Beuchow im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Es beherbergt fünf Ferienwohnungen, ein Restaurant mit Biergarten und angrenzendem großem Naturspielplatz. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.

Groß Beuchow oder „Großbeuche“, wie die Einheimischen immer noch sagen, war jahrhundertelang ein abgelegenes Rittergut mit einer Burganlage. In den Chroniken taucht es erstmalig 1346 als Großinbichow auf; die Schreibweise änderte sich mehrfach und geht wohl auf den slawischen Personennamen Bych zurück.

Die in Lübbenau ansässige gräfliche Familie zu Lynar erwarb 1669 das Gut. Ab 1746 wurde auf den Grundresten der alten Burganlage ein zwölf Zimmer großes Fachwerkhaus in der heute bekannten Form errichtet. Es diente der gräflichen Familie als Jagdhaus und Sommersitz. Die später angelegte Straße führte vom Schloss Lübbenau nahezu geradlinig zum Groß Beuchower Nebensitz der Lynars. Wegen veränderter wirtschaftlicher und anderer Umstände wurde das Haus ab 1766 Dauerwohnsitz der Familie Rochus Friedrich Graf zu Lynar. Groß Beuchow war in dieser Zeit hälftig zu Sachsen und hälftig zu Preußen gehörend. Diese Teilung fand interessanterweise auch in der gräflichen Familie sein Pendant, denn der Bruder des Beuchower Grafen, Moritz Carl zu Lynar, hatte seinen Wohnsitz in Dresden und war eher dem Sachsenkönig zugewandt, während Rochus Friedrich Graf zu Lynar „preußisch“ dachte und handelte. Aus dieser Zeit ist anekdotisch überliefert, dass die Grenze durch die Küche des Hauses gegangen sein muss, denn es wurde abwechselnd preußisch und sächsisch gekocht, aber immer gut und reichhaltig. Zum Mittagessen wurden stets sieben Schüsseln gereicht, die der damals berühmte Koch Monsieur la Duc servierte. Das Haus soll auch „charmant und allerliebst meublieret sein“, wie aus dem Briefverkehr der Brüder zu entnehmen ist.

Erneut führten wirtschaftliche Umstände dazu, dass das Haus nicht mehr von der gräflichen Familie regelmäßig genutzt wurde. Mit dem Erwerb des wesentlich größeren Schlosses Seese verlagerten sich 1930 die Familienaktivitäten endgültig nach dort. Das Jagdhaus Groß Beuchow wurde ab 1836 an eine betuchte Klientel vermietet. Namen wie General von Braun oder von Kielmannsegge tauchen in der Mieterfolge auf. Über die Zeit bis 1936 ist erstaunlicherweise wenig bekannt, vermutlich blieb der Vermietungsstatus bis dahin bestehen. Wilhelm Graf zu Lynar, damals Familienoberhaupt, stand dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber (er wurde 1944 als Widerständler von den Nazis ermordet), wollte sich aber nach außen hin loyal zeigen und bot daher das Jagdhaus zur kostenlosen Nutzung für den Reichsarbeitsdienst an. „Arbeitsmaiden im Landjahr“, wie es damals hieß, halfen bei der Ernte und bei der Kinderbetreuung. Nach dem Krieg war im Jagdhaus ein Kindergarten untergebracht, der bis 2003 in betrieb war. In den Kriegsjahren diente das Haus der Unterbringung von Kriegsgefangenen und danach kurzzeitig als Umsiedlerheim.

Mehrere Beuchower Generationen besuchten den Kindergarten im ehemaligen Jagdhaus. Darunter von 1980 bis 1981 auch Steven Raabe – wie von 1955 bis 1958 auch schon seine Mutter. Er ist heute ein Unternehmer in der Luftfahrtbranche, verfügt über eine Pilotenlizenz, lebt im Rheinland und hat vier Kinder. Seine Arbeit beschreibt er so: „Im Jahr 2003 habe ich mich selbstständig gemacht. Meine Firma führt Luftfracht-Charterflüge und Langzeitaufträge in Krisenregionen wie Afghanistan, Irak und Westafrika, für die NATO und für das US-Militär durch. Darüber hinaus werden auch Hilfsflüge bei Natur-Katastrophen durchgeführt oder auch – wie ganz aktuell – Flüge mit medizinischer Schutzkleidung und Masken im Kampf gegen Covid-19“. 

Im Rahmen einer Auktion erwarb Steven Raabe 2011 für 13 500 Euro das Haus samt Park. Mit einer Erstinvestition von 1,5 Millionen Euro wurde das Haus grundsaniert, weitere Umbauten folgten bis 2016, dem Start des Schlosses in die Neuzeit. Groß Beuchow und besonders das Jagdhaus waren Steven Raabes Heimat, hier wuchs er auf, hier lebten auch seine aus den Ostgebieten stammenden Großeltern. „Wir halten weiter an unseren Wurzeln fest, wir praktizieren Regionalität, bauen Obst und Gemüse selbst an oder beziehen es aus der näheren Umgebung – und verarbeiten und vermarkten es in beiden Einrichtungen“, beschreibt Steven Raabe das Geschäftskonzept. Neben dem Schloss gehört ihm auch das Landwarenhaus, was sich unweit davon befindet. 

Jörg Thiele, ein über die Regionsgrenzen hinaus bekannter Koch, verantwortet den gastronomischen Bereich im Restaurant „Alte Kirche“. Dieser Gebäudeteil war einst die Gutskirche, sie wurde später aufgegeben und als Pferdestall genutzt. Tragende Holzsäulen, zeigen Spuren vergangener Zeiten, mit den alten Kirchenfenstern und den neuen Betonteilen harmoniert alles auf wundersame Weise. Diese stil- und herkunftbewahrenden Elemente ziehen sich auch durch alle fünf Ferienwohnungen.  Jörg Thiele: „Wir bewahren auch in der Küche Altes und ergänzen es mit Neuem, unsere Zutatenliste für unsere Speisen stammt aus der Natur, die Produkte kommen größtenteils von den Groß Beuchowern. Wir achten auf Kreisläufe und besonders auf das Tierwohl – wir kennen unsere Erzeuger und Lieferanten persönlich, auch deren Anbau- und Haltungsbedingungen.“ Die Produkte der regionalen Lieferanten werden selbst vermarktet oder für eine spätere Verwendung konserviert. „Wir haben die Groß Beuchower von Anfang an mit in unser Konzept einbezogen“, erzählt Jörg Thiele, der auch der Storemanager („um auch mal einen Begriff aus der Neuzeit zu verwenden“) des Landwarenhauses ist. „Aus dem Einfachsten das Maximale an Geschmack und Gesundheit rausholen; das ist unser Ziel. Idealismus geht vor Eigennutz – echte Landware eben.“ In ihrer Werbung haben die Betreiber ihr Konzept auf den Punkt gebracht: „Auf die gute neue Zeit!“

Das Restaurant „Alte Kirche“ ist nur an zwei Tagen (Freitag, Samstag) geöffnet. An den anderen Tagen wird auf dem eignen Feld gearbeitet und auf den Höfen eingekauft, für die Küche portioniert und für das Landwarenhaus zum Verkauf vorbereitet. Der erfahrene und gefragte Koch Jörg Thiele bietet in dieser Zeit auch Kochkurse an. Die pandemiebedingte Ruhepause nutzt er für die Entwicklung neuer Produkte, er testet und probiert, aber immer nur mit dem, was es praktisch vor der Haustür gibt. Das Vermarktungskonzept stellt Schloss Beuchow ins Spannungsfeld seiner Geschichte mit der Gegenwart, mit Rückbesinnung auf Einfaches und Bewährtes.

  Zeittafel
1346Ersterwähnung als Rittergut mit Burganlage
1669Übergang des Gutes mit Jagdschloss in die gräfliche Familie zu Lynar
1746Abriss der alten Burganlage
1747/48Neubau eines Jagdhauses im heute bekannten Fachwerkstil
1766Wohnsitz Familie Rochus Friedrich Graf zu Lynar
ab 1836Vermietung des Jagdhauses (Familien von Braun, von Kielmannsegge)
1936 – 1939Arbeitsdienstlager, versch. Verwendungen (Kriegsgefangene, Vetriebenenunterkunft)
bis 2003Kindergarten
ab 1980Rekonstruktions- und Modernisierungsarbeiten in Teilbereichen
2011Steven Raabe übernimmt Jagdschloss, Umbauarbeiten
2016Eröffnung als „Schloss Groß Beuchow“ mit Ferienwohnungen und Restaurant

https://www.schloss-beuchow.de

Peter Becker, 15.01.2021 – veröffentlicht in Auszügen: Lausitzer Rundschau, 23.01.2021

Über Peter Becker 224 Artikel
Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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