Möwenberingung mit viel Geschrei

Viele hundert Möwen stiegen mit viel Geschrei in den Himmel über dem Gräbendorfer See. Zurück ließen sie ihren noch nicht flugfähigen Nachwuchs. Eine der ganz seltenen Störungen kam diesmal von den Naturschützern selbst, denn für die 22 Hektar große Insel besteht ein allgemeines Betretungsverbot. Die Insel entstand ab 1996 nach der Flutung des früheren Tagebaus Gräbendorf mit Wasser aus der Spree. Schon bald ließen sich erste Möwen und Seeschwalben nieder. Mit dem einsetzenden Bewuchs von Busch- und Strauchwerk gingen die Bestände allerdings wieder zurück. Die sonst auf offenem Gelände brütenden Seevögel fanden immer weniger Brutraum. Der eigentlich Schutz bietende Bewuchs erweist sich hier als Nachteil, sodass den Naturschützern nur der Einsatz der Kettensäge blieb, um die Bestände wieder zu stabilisieren. Erneuten Bewuchs sollte eine auf der Insel ausgesetzte Soay-Schafherde verhindern, aber die Tiere erwiesen sich als zu wählerisch. Erst eine Ziegenherde, die seit 2011 im Sommer die Insel beweidet, brachte und bringt den gewünschten Erfolg.

Die Möwenbestände sind wieder angestiegen, mit ihnen kamen Graugänse, die weniger gern gesehenen Nilgänse, Kiebitze und Wiedehopf. Sogar ein Uhupaar brütete in diesem Jahr auf der baumlosen Insel und zieht aktuell drei Küken auf.

Mit aller gebotener Vorsicht und Rücksichtnahme begannen die 31 Ornithologen, die aus ganz Deutschland kamen, ringförmig vom Ufer aus sich in Richtung Inselmitte zu bewegen. Sie waren mit Keschern und geräumigen Beuteln, die jeder vom Supermarkt kennt, ausgerüstet. Ganz langsam, Schritt für Schritt und mit Pausen dazwischen, ließen sie den fliehenden Küken genug Zeit, sich ruhig zurückzuziehen – bis der Ring der Treiber geschlossen war und es kein Entkommen mehr gab. Nur ganz schnelle und mutige Küken schafften es durch die Beine der Fänger ans rettende Ufer. Mit Keschern und manchmal mit der bloßen Hand wurden die überwiegende Mehrheit der Küken eingefangen, die sich mit ihrem spitzen Schnabel durchaus zu verteidigen wussten. Manche Hand sah am Ende des Tages entsprechend gezeichnet aus.  Von den etwa tausend Küken wurden von zwei eingespielten Teams exakt 409 beringt – dann ging der mitgebrachte Ringvorrat aus.

Während die Beringungsaktion lief, inspizierten Reinhard Möckel (NABU-Regionalverband Calau) und Jörg Nevoigt (Naturwacht) die Uferbereiche. Hier und auf der ebenfalls untersuchten kleinen Nachbarinsel brüten in den Steilwänden die Uferschwalben. Insgesamt 402 Brutröhren waren belegt, wie die beiden auszählen konnten. Reinhard Möckel: „Damit dürfte hier das größte Brutgebiet für Seeschwalben weit und breit sein. Unsere gezielten Pflegemaßnahmen, dazu zählt das Abstechen von Uferwänden, zeitigen Erfolge.“

Möckel verwies darauf, dass mit der Beringungsaktion mehr über das Leben der Möwen, die auf der Insel zu zwei Drittel Steppenmöwen sind, in Erfahrung gebracht werden soll. „Wir wissen immer noch sehr wenig, besonders über Nahrungsquellen und Einzugsräume. Wichtig wäre auch eine Funkverfolgung über GPS, aber dafür fehlt im Moment das Geld.“ Dass die Tiere andererseits nicht wählerisch bei der Nahrungsaufnahme sind, zeigten die Plastikabfälle auf der Insel. Leber- und Mettwursthüllen, Konservendosen, Grillpackungen etc. wurden von den Tieren vermutlich aus den Papierkörben der Camping- und Badeplätze zur Insel gebracht. So isoliert und geschützt das Inselleben für die Tiere erscheinen mag – das Müllproblem erreicht sie auch dort. Besonders traurig anzusehen ist, wenn sich Möwenküken mit verhedderten Angelschnüren an den Füßen kaum noch bewegen können.

Möwenküken – keine 10 Tage alt, aber schon mit eingewachsener Angelschnur.

Manchen konnte während der Beringung geholfen werden, manche dürften zur leichten Beute der Greifvögel werden, die in Inselnähe brüten. Die Helfer beklagten allgemein die Gedankenlosigkeit einiger Mitmenschen, die dadurch der Natur Schaden zufügen. Dazu passt auch die Tatsache, dass nach der Rückkehr der Beringer an zwei Autos zerstochene Reifen vorgefunden wurden – ob es einen Zusammenhang zu der Beringungsaktion gibt oder nicht, bleibt dahingestellt. Die Rückkehr der jungen Leute nach Rostock gestaltete sich entsprechend schwierig

Peter Becker, 11.06.2020

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Jahrgang 1948, Diplomlehrer, Freier Journalist und Fotograf

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